Ein Thema, bei dem sich die Vertreter/innen eines integralen Christentums nicht einig sind, ist das Thema der Reinkarnation. Zunehmend halten viele, die sich als „spirituell“ definieren und der Kirche eher kritisch gegenüber stehen, die Reinkarnation für möglich bzw. wirklich.
Dieses Thema ist nicht selten DER zentrale, springende Punkt, wenn es darum geht, ob ich mich mit der Botschaft oder Gemeinschaft der Kirche identifizieren kann oder nicht. Menschen, die an die Reinkarnation glauben, und gleichzeitig Jesus nachfolgen wollen, sitzen gefühlt zwischen zwei Stühlen.
Ich selbst habe bezüglich des Themas in den letzten Jahren meine Sichtweise stark verändert und immer wieder korrigiert und verfeinert. Was ich schreibe, ist definitiv NICHT der Weisheit letzter Schluss, eher ein Gestotter – ich hoffe, du wirst es mir nachsehen.
Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Reinkarnation nein.
Das war jedoch nicht immer so. Wie wir heute durch neuere Funde, wie die Nag Hammadi Schriften wissen, war das Christentum von Anfang an eine äußerst vielfältige Bewegung, in der alle möglichen Ansichten vertraten wurden, darunter auch, im Anschluss an Platon, die Seelenwanderung. Die Kirchenväter verurteilten vor allem die Vorstellung der „Transmigration“, das Eingehen einer menschlichen Seele in einen tierischen Körper. Und der Kirchenlehrer Origines, der immer wieder als Beispiel angeführt wird, vertrat, so viele Forscher, keine klassische Reinkarnationslehre.
Origines spekulative Ideen, wonach die Seele schon vor der Erschaffung des Leibes existierten, wurden auf dem 5. Ökumenischen Konzil (Konstantinopel II, 553) verurteilt. Damit wurden theologische Auffassungen verworfen, die in Richtung Reinkarnation deuten — aber grundsätzlich und explizit „Reinkarnation“ als solche wurde niemals auf einem Konzil als umfassendes dogmatisches Thema behandelt und verurteilt.
Wörtlich hieß es da bezüglich der Frage der Präexistenz:
Wer sagt oder denkt, dass die menschlichen Seelen zuvor existierten, d. h. dass sie zuvor Geister und heilige Kräfte waren, aber dass sie, sie, gesättigt von der Vision Gottes, sich dem Bösen zugewandt hätten und auf diese Weise die göttliche Liebe in ihnen erloschen sei (ἀπψυγείσας) und sie daher zu Seelen (ψυχάς) geworden seien und zur Strafe in Körpern verdammt worden seien, soll mit dem Bann belegt werden. […]
In diesen Verwerfungen/Verfluchungen wird also nicht die Lehre an sich verurteilt, sondern eine spezifische Form davon. Das Konzil wurde außerdem von einem Kaiser, in diesem Fall Justinian, ins Leben gerufen, dessen primäres Interesse dahin ging, einen möglichst einheitlichen Glauben zu formen, der seinen Staat zusammenhielt und stabilisierte. Warum manche dieses Konzil außerdem für ungültig halten, wäre ein eigener Artikel für sich.
Nun, manche sind bis heute der Ansicht, dass das Christentum möglichst einheitlich sein sollte, in Lehre und Gestalt: Entweder sie sehen das „wahre Christentum“ im Katholizismus oder im genauen Gegenteil davon. Wie auch immer: Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass die Menschen zur Zeit Jesu ebenso unterschiedliche Ansichten hatten wie wir heute auch und das selbst der Nachbar bei weitem nicht über alles so dachte wie man selbst.
Doch hierzulande kann kein Bundespräsident eine Sitzung einberufen, um zentral darüber zu entscheiden, was wir gefälligst zu glauben haben (auch wenn er es vielleicht gerne täte!) – Staat und Kirche sind getrennt, und auch innerhalb den Kirchen nimmt die Akzeptanz von unterschiedlichen Ansichten allmählich zu.
Die religiöse Landschaft verändert sich: Neuere akademische Studien zeigen die Diversität des frühen Christentums auf, Progressive Theologie, Interreligiöser Dialog, Nahtoderforschung und anderes werden die Kirchen früher oder später dazu zwingen, sich auch diesem Thema zu stellen.
Bis jetzt ist es meines Wissens die Unity Church die einzige, die die Reinkarnation in ihre Lehren mit aufgenommen hat. (Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege!)
Theologen argumentieren dabei meist, dass der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation sich gegenseitig ausschlössen.
Ist dem wirklich so? Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es nicht so einfach ist. Denn jeder, auch die Theologen, versteht unter den Begriffen „Auferstehung“, „Karma“, „Reinkarnation“ etwas anderes. Daher ist es wichtig, zu klären, an welche Vorstellungen jeweils angeknüpft wird. So gibt es sowohl im Osten als auch Westen ganz eigene Traditionen dieser Vorstellung.
Als ich in einer Vorlesung zum Hinduismus das erste Mal vom hinduistischen Glauben an Reinkarnation hörte, assoziierte ich damit eine Seelenwanderung vom Gras über die Kuh bis zum Menschen, außerdem das Ungleichheiten zementierende Kastensystem. Wer im Hintergrund ähnliche Bilder hat, der tut die Vorstellung gerne als Blödsinn oder als menschenfeindlich ab. Zu viele Fragen bleiben häufig offen: Wer oder was wandert da? Wie bleibt die Kontinuität von einem Ich zum nächsten Ich erhalten? Ist so ein ewiger Kreislauf nicht unendlich grausam? usw.
Doch nach einer langen und gründlichen Beschäftigung mit derlei und ähnlichen Fragen bin ich mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass der Glaube an die Auferstehung und Reinkarnationsvorstellung zwei Konzepte sind, die sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, sondern ergänzen können.
Warum sollte Entwicklung auch nur auf eine einzige Weise oder auf einer einzigen Ebene, dh. der biologischen Evolution, erfolgen, wo die fraktale Wiederholung, Neuschöpfung und gegenseitige Verflochtenheit tiefe Muster des Lebens sind, die wir überall beobachten können? Auch der Geist wird sich analog in verschiedener Weise immer wieder neu gebären und dabei weiterentwickeln.
In einem Blockuniversum oder in Quantenmodellen existieren alle Zeiten gleichzeitig. Die „verschiedenen Leben“ wären als verschiedene Ausdrucksformen derselben Seele in einem komplexen Raum-Zeit-Gewebe denkbar. Die Auferstehung wäre nicht ein späteres Ereignis, sondern das „Aufwachen“ in der Gesamtheit aller gelebten Existenzen – die Vollintegration der Lebensmosaike. Die Auferstehung wäre dann die letzte Inkarnation, in der ein Mensch vollkommen und unverlierbar „bei Gott“ lebt und von dort als Wesenheit weiterwirkt und andere begleitet. Der Kreislauf wäre nicht endlos, sondern teleologisch – er liefe auf eine Vollendung zu (ähnlich der Apokatastasis bei Origenes).
Durch die Annahme einer Reinkarnationsvorstellung könnte der christliche Glaube einiges gewinnen:
1. Er gewinnt an theologischer und philosophischer Logik. Wenn das Ziel des Christenlebens ist, ein Heiliger zu werden – wieso werden dann nicht alle sofort Heilige, wieso gibt es so viel Bösewichter? In der christlichen Mystik (z. B. Meister Eckhart, Hildegard von Bingen) gibt es Vorstellungen einer langen Läuterungs- oder Wandlungsreise der Seele, die nicht zwingend an ein einziges Erdenleben gebunden sein muss.
2. Er gewinnt anthropologische Tiefe – unsere Seele entwickelt sich über einen viel längeren Zeitraum. Unsere Vorlieben, unsere Macken, unsere Stärken, unsere Eigenarten werden oft schon bei und im Anschluss an die Geburt sichtbar. Unsere Kinder sind keine unbeschriebenen Blätter, sondern Wesen mit einer Mission. (Wunderkinder, geborene Heilige/Fromme oder Kinder mit starker Negativität)
3. Er gewinnt eine Brücke zu anderen Religionen – etwa zum Hinduismus, Buddhismus, aber auch zum esoterischen Christentum, und zu der „spirituell-aber-nicht-religiös-Bewegung“.
4. Er gewinnt pastoralpsychologische Stärke – der Mensch kann auf neue Art Sinn im Leiden und in „unerklärten“ Lebensumständen entdecken – nicht um ungerechte Verhältnisse zu zementieren, sondern um ihre tieferen Ursachen zu verstehen und an dem Glauben einer tiefen Gerechtigkeit festhalten zu können.
Tatsache ist, dass es viele Menschen weltweit gibt und gab, die von der Reinkarnation überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird.
Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Seelenwanderung und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?
Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Überarbeitung eines älteren Artikels.
Die Originaldokumente der Ökumenischen Konzile finden sich hier:
„Acta Conciliorum Oecumenicorum“, herausgegeben von Eduard Schwartz und Johannes Straub bei De Gruyter.
Buchtipp: Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele, Verlag Via Nova 2003.
PS: Ich verzichte bewusst auf eine Erörterung der immer wieder angeführten Bibelstellen (Johannes 9,1; Markus 8,27f.), da genau diese je nach Überzeugung unterschiedlich interpretiert werden.

Antworte auf den Kommentar von Sandra HauserAntwort abbrechen