1.2. Was bedeutet „integral“?

Der Begriff „integral“ meint „umfassend, einschließend, umarmend, ausgewogen, ganzheitlich“. Dementsprechend vereint ein integraler Ansatz bestimmte Elemente, die jeweils dabei helfen sollen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und dadurch zu einem umfassenderen Verständnis einer Sache oder einer Situation zu gelangen.

In verschiedenen Zusammenhängen wird der Begriff „integral“ verschieden verstanden:

  • Als ein Ansatz, der „ganzheitlich“ ist im Sinne einer Lebenspraxis, die darum bemüht ist, den ganzen Menschen (Körper, Geist und Seele) als auch Herz, Bauch und Kopf einzuschließen.
  • Als eine zeitgenössische philosophische Strömung, die „integrale Theorien“ genannt werden. Sie umfassen eine gemeinsame Interpretation „von allem“, die Geistes- und Naturwissenschaften, Wissen und Glauben, Ost und West, gestern, heute und morgen in einen Zusammenhang bringt. Integrale Theoretiker wie Jean Gebser, Ken Wilber, Steve McIntosh, oder Dr. Clare W. Graves haben den Versuch unternommen, eine möglichst ganzheitliche und umfassende Weltanschauung zu entwickeln, indem sie bemüht waren bzw. sind, Erkenntnisse aller Disziplinen zueinander in Beziehung zu setzen und miteinander zu versöhnen. Für die Anwendung dieser Theorien auf das Christentum im deutschsprachigen Raum ist besonders das Buch von Marion und Werner Tiki Küstenmacher und Tilmann Haberer „Gott 9.0“ von Bedeutung, im englischsprachigen Raum die Werke von Jim Marion, Paul Smith, Bruce Sanguin und andere.
  • Als eine bestimmte Stufe, Struktur oder „Mem“ innerhalb von bio-psycho-sozialen Entwicklungstheorien. Die wissenschaftlich fundierte Annahme, dass sich unser Bewusstsein individuell als auch kollektiv (darunter auch unsere Spiritualität und Religiosität) durch bestimmte Etappen oder Stadien hindurch entwickelt und dabei an Komplexität zunimmt, ist eines der fünf Kernelement integraler Theorien. Eine Stufe davon – die „integrale“ – gilt als die erste Bewusstseinsstufe, die über das Wissen um die vorhergehenden Stufen verfügt und dadurch in die Lage versetzt wird, die zurückgelegte Entwicklung des eigenen Bewusstseins zu reflektieren und wertzuschätzen. Der integralen Theorie zufolge werden mehr und mehr Christen integral denken und handeln: „Integral“ wäre dann die Zukunft unserer Kirchen.

Wenn von „DER“ integralen Theorie in Einzahl die Rede ist, ist meist die Theorie von Ken Wilber, einen amerikanischen zeitgenössischen Autor, gemeint. Doch neben Ken Wilber gibt es weitere denkerische Ansätze, die als „integral“ bezeichnet werden, die dasselbe Streben nach Ganzheitlichkeit auszeichnet. Dazu gehören auch Steve McIntosh und die Autoren von „Spiral Dynamics“ Don Edward Beck und Christopher C. Cowan. Als Vordenker werden oft Pierre Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo und Jean Gebser genannt.

Eine theoretische Beschäftigung mit integraler Theorie führt bei Vielen zur Weiterentwicklung oder Ausweitung des eigenen Bewusstseins hin zur integralen Bewusstseinsstufe. Steve McIntosh drückt das so aus:

Es ist eine Philosophie von Evolution, die buchstäblich Evolution verursacht.

It’s a philosophy of evolution that literally causes evolution.

Integral Consciousness and the future of evolution, S. 2

Da sich die Vertreter integraler Theorie(n) bei ihren Bemühungen auf die Erkenntnisse vieler Disziplinen stützen, hängt die Theorie nicht im luftleeren Raum, sondern ist das Ergebnis einer gigantischen Aktion, vorhandenes Wissen zu sammeln, zu sortieren und zu strukturieren. 

Dass die integrale Theorie von manchen als esoterische Sonderlehre angesehen wird, hängt damit zusammen, dass deren Vertreter um der Idee der Ganzheitlichkeit willen auch prämoderne, spirituelle und religiöse Inhalte nicht ausklammern, sondern als wesentliches Element des Menschseins mit einbeziehen. Das führt bis heute dazu, dass ihr, trotz des gigantischen Einflusses, den sie bereits auf zahlreiche Menschen weltweit hat, in akademischen Kreisen wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Die Theorie(n) finden in der Praxis jedoch bereits Anwendung in verschiedenen Bereichen wie der Kunst, Medizin, Psychotherapie, Unternehmensführung, Wirtschaft, Politik u.a. Außerdem wird die Integrale Theorie im Coaching und der Persönlichkeitsentwicklung dazu verwendet, einen ganzheitlichen Lebensstil, der Integralen Lebenspraxis (ILP) genannt wird, zu pflegen. Ein Beispiel dafür ist im deutschsprachigen Raum die Plattform von Veit Lindau, www.homodea.com.

Viele Menschen haben auch bereits damit begonnen, die Theorie auf ihre eigene religiöse Tradition und ihren Glauben anzuwenden, darunter Christen, Buddhisten und Muslime.

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