Energie – subatomare Teilchen – Atome – größere Atome – Moleküle – Bakterien – Zusammenschluss von Bakterien = Echte Zellen – Zusammenschluss von Zellen = Mehrzeller – Kooperation von verschiedenen Körperzellen = Organismus – Kooperation von Organismen = Symbiosen und soziale Gefüge …
Die wesentliche Triebkraft der Evolution ist das Prinzip des Zusammenschlusses, der Synthese, der Symbiose, der Kooperation (oder auch christlich ausgedrückt: der Nächstenliebe). Jeder neue Schritt des Zusammenschlusses führt zu einer neuen Einheit von höherer Komplexität. Jede neue Stufe umfasst die vorherigen, keine Stufe kann ohne die vorherigen existieren.
Außerdem wiederholt jede Individual-Entwicklung die vorhergehenden Schritte der Evolution: Vom Molekül zu Ei- oder Samenzellen, zum Mehrzeller, zum Organismus, zum sozialen Wesen. In ähnlicher Weise durchläuft auch jeder Organismus die Stationen seiner Evolution erneut. Dies wurde von Ernst Haeckel im 19. Jh. erstmals formuliert als Rekapitulationstheorie und wird auch als „biogenetische Grundregel“ bezeichnet. Oder Ontogenese (Individualentwicklung) gleich Phylogenese (Stammesentwicklung): Wir hatten als Embryo einen Fischschwanz und Fischkiemen.

(Vereinfacht nach Ernst Haeckel, Quelle: biologie-schule.de)
Ähnlich verläuft auch die psycho-soziale Entwicklung eines Kindes nach relativ festen Mustern. Diese werden in der Entwicklungspsychologie erforscht. Fortgeschrittenere Entwicklungsstufen bauen auf einfacheren auf. Doch auch bei älteren Menschen erleben wir, dass sie noch neue Fähigkeiten, neues Wissen erlangen, oder anders zu denken lernen. Im Coaching ist der Begriff „Neuroplastizität“ beliebt – meint er doch die Entdeckung der Forscher, dass sich unser Gehirn ein Leben lang verändert und neu formt.
Um einzelne Aspekte dieser Entwicklung beschreiben zu können, entwarfen verschiedene Forscher Stufenmodelle. Die Entwicklung erfolgt dabei von einer niedrigen zu einer höheren Stufe oder Ebene. Erik Erikson entwarf ein Modell der psychosozialen Entwicklung, Jean Piaget und Kurt W. Fischer untersuchten die kognitive Entwicklung, also die Art und Weise, wie ein Mensch denkt. Jane Loevinger untersuchte, wie sich das „Ich“, also die Identität eines Menschen, entwickelt. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung der Moral, Fritz Oder und Paul Gmünder die religiöse Entwicklung und James William Fowler die des Glaubens. Clare W. Graves, ein amerikanischer Psychologieprofessor, dessen Forschungen die Grundlage zu Spiral Dynamics bilden, untersuchte die Entwicklung der Persönlichkeit. Und viele, viele mehr..
Was Ken Wilber erstmalig versuchte, war, möglichst alle ihm bekannten Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen, auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen und in einem Raster zueinander in Beziehung zu setzen. Sein Buch „Integrale Psychologie“ endet dementsprechend mit zahlreichen Tabellen, die eine knappe Übersicht und direkte Vergleichbarkeit ermöglichen. Eine Besonderheit ist, dass er dabei auch religiöse Denker wie Sri Aurobindo, einen hinduistischen Mystiker, östliche Kirchenväter wie den Hl. Palamas oder Hl. Dionysius oder auch Hazrat Inayat Khan, den Gründer der internationalen Sufi-Bewegung, mit einbezieht. Außerdem entwirft er selbst ein eigenes Stufenmodell der „Weltsichten“, das Ähnlichkeiten mit Spiral Dynamics aufweist, der Moralentwicklung, der Entwicklung der Spiritualität sowie der Kunst. Denn nicht nur der einzelne Mensch entwickelt sich, sondern auch die Kultur, in die er jeweils eingebunden ist, Stichwort „soziokulturelle Evolution“, von dem Jäger-Sammler-Dasein zur Informationsgesellschaft.
Um alle Erkenntnisse und Forschungsbereiche in ein größeres Ganzes einzuordnen, unterscheidet Ken Wilber Ebenen und Linien der Entwicklung. Ebenen sind Stufen der Komplexität, während Linien für bestimmte Qualitäten stehen. Die Ebenen sind hierarchisch angeordnet, die Linien laufen parallel zueinander. Linien der Entwicklung können zum Beispiel sein: Kognition, Ausdrucksfähigkeit, Moral, Spiritualität, Gefühle, Bedürfnisse, Sexualität usw. Ein Mensch kann sich auf diesen Linien unterschiedlich schnell entwickeln: Jemand kann kognitiv sehr weit sein, moralisch oder emotional dagegen noch in den „Kinderschuhen“ stecken.
Bedeutsam zum Verständnis von Ken Wilber erscheint uns noch eine Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Dass Entwicklung nur dann gelingt, wenn frühere Ebenen „integriert“ werden. Ein Beispiel aus der Forschung von E. Erikson: Bei ihm ist jede Ebene durch den Widerstreit zweier Grundstimmungen gekennzeichnet, die sogenannten „psychosozialen Krisen“. Anfangs der Entwicklung zum Beispiel Grundvertrauen versus Grundmisstrauen. Es versteht sich nahezu von selbst, dass ein Mensch, um vorwärts zu kommen, jeweils beides braucht: Vertrauen wie Misstrauen. „Von jedem das richtige Maß“ würde man sagen oder „gesundes Vertrauen/Misstrauen“.
Ken Wilber spricht von einer „Differenzierung“ und „Integrierung“. Ein Kind muss zuerst lernen, sich und seine Außenwelt zu unterscheiden, um später zu einem „gesunden“ Körpergefühl zu gelangen.
Jede Stufe schließt ihre Vorläufer ein und fügt dann ihre eigenen definierenden und auftauchenden Qualitäten hinzu:
Sie transzendiert und umfasst.
Ken Wilber, Integrale Psychologie, 2016 (5. Auflage), S. 173
Pathologien oder Störungen in der Entwicklung entstehen immer dann, wenn ein Mensch auf einer Ebene stehen bleibt, d.h. etwas nicht gelingt zu „integrieren“. Das Ganze gilt selbstverständlich auch in Bezug auf die Entwicklung eines „gesunden“ und reifen Glaubens. Jede Stufe hat darin ihr gutes Recht, ihren Platz und Sinn. Probleme entstehen immer dann, wenn der Inhalt der Stufen als Ganzes verworfen wird oder eine Auseinandersetzung erst gar nicht für nötig befunden wird.
Beispiel Wunderglaube: der Unterschied zwischen den Aussagen „es gibt keine Wunder“ und „ich halte Wunder durchaus für möglich, verstehe sie aber anders als früher“ ist gigantisch.
Zu den individualpsychologischen Ansätzen hinzu kommt noch, dass Ken Wilber diese in Beziehung setzte zu Stufen der kulturellen Menschheitsentwicklung, der Soziologie und zu Erkenntnissen der Naturwissenschaft. Diese vier Bereiche werden als die „Quadranten“ bezeichnet, in denen sich jeweils ähnliche Prozesse abspielten – siehe dort.
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