Ja, die Fülle kann geordnet werden, und zwar in sogenannte „Quadranten“. Ein solches Modell wurde erstmals in den 1970er Jahren durch den britischen Ökonomen E.F. Schumacher in seinem Werk „A Guide for the Perplexed“ beschrieben (Gegenüberstellung der Achsen Ich und Welt, bzw. innere Erfahrung und äußere Erscheinung) und wenig später dann, übrigens unabhängig davon und nicht exakt gleich, durch Ken Wilber.
In „Eine kurze Geschichte des Kosmos“ beschreibt dieser, wie er selbst zu diesem Modell kam:
„Ich habe also irgendwann einmal begonnen, alle diese holarchischen Landkarten, herkömmliche und neuzeitliche, östliche und westliche, vormoderne, moderne und postmoderne, von der Systemtheorie zur Großen Kette des Seins, von den buddhistischen Vijnanas bis zu Piaget, Marx, Kohlberg, den vedantischen Koshas, Loevinger, Maslow, Lenski, Kabbala und so weiter in Listen zusammenzufassen. Ich hatte buchstäblich Hunderte von solchen Landkarten, und sie bedeckten bei mir den ganzen Fußboden… Es war ein großes Durcheinander, und mehrmals war ich nahe daran, den ganzen Kram hinzuwerfen, weil diese Untersuchung einfach zu nichts führten. Aber irgendwann dämmerte mir, dass es sich letztlich um vier verschiedene Typen von (…) Abläufen handelte.“
Er fand ähnlich Schumacher heraus, dass sich die Forschungsfelder entlang zweier, sich kreuzender Achsen ordnen lassen: Eine Achse Innen (subjektives Erleben) versus Außen (objektiv, beobachtbare Fakten), die andere Achse Ich (Einzelner, Individuelles) versus Wir (Mehrzahl, Kollektives). Werden diese Achsen angeordnet, ergeben sich vier Felder, die Quadranten. Die Bedeutung der Felder ergibt sich aus der Kombination der Achsen:
Oben links: das Innere Erleben des Ich – u. a. Psychologie
Oben rechts: das objektiv Beschreibbare des Individuums = Es – u. a. Naturwissenschaft
Unten links: das innere Erleben eines Kollektivs = Wir – u. a. Kultur
Unten rechts: das objektiv Beschreibbare eines Kollektivs = Sie – u. a. soziale Systeme
Und etwas ausführlicher:
Oben links = Individuell-Innen: innere Entwicklung, Erleben des Einzelnen; im Detail z.B. Kognitive Linie (Linien: die verschiedenen individuellen Entwicklungsbereiche), Bedürfnislinie, Emotionale Linie, Ästhetische Linie
Oben rechts = Individuell-Außen: biologisch-medizinisch beobachtbare Fakten über Individuum wie körperliche Fitness, Gesundheitszustand, konkretes Verhalten
Unten links = Kollektiv-Innen: kulturelle Zusammenhänge, sozialpsychologische Faktoren des Zusammenlebens, Gruppendynamiken, Weltsicht, Moral, Beziehungsfähigkeit
Unten rechts = Kollektiv-Außen: Systemwissenschaften, objektive Beschreibung von Gesellschaften, Strukturen, z.B. Arbeitsumfeld, Organisationsstrukturen, Gesundheitssystem
Die Information ist hier noch interessant, dass jedem dieser inneren Zustände (oben links) ein bestimmter äußerer, messbarer Zustand (im rechten oberen Quadranten) entspricht, wie entsprechende Frequenzen des Gehirns im EEG (Gamma, Beta, Alpha, Theta, Delta-Wellen).
Ein weiterer gedanklicher Schritt darf nicht vergessen werden: in jedem Quadranten findet Entwicklung statt. Und auf jeder Linie läuft die Entwicklung über die oben beschriebenen aufeinander aufbauenden Stufen ab.

In jedem Quadrant gibt es entsprechende Zustände: Von Angstzuständen (oben links), Aggregatzuständen (oben rechts), politischen Zuständen wie Diktatur (unten rechts) zu geteilter Ekstase beim Sex (unten links).
Dieses Modell ist in zweifacher Weise anwendbar: Jeder Quadrant kann als einzelnes Wissensgebiet betrachtet werden und existiert somit unabhängig von den anderen.
Oder ein und derselbe Zusammenhang kann auf vier verschiedene Weisen betrachtet werden: Ein Seminar findet statt: unten rechts: welche Infrastruktur wird für die Durchführung benötigt? Unten links: welche Gesprächskultur wird unter den Teilnehmenden vereinbart? Oben rechts: Was könnte ich von diesem Seminar mit einer Kamera festhalten? Oben links: Fühlt sich der einzelne Teilnehmer wohl auf dieser Veranstaltung?
Oder das Themenfeld Kirche und Glauben: Unten rechts: Kirche hat eine beschreibbare organisatorische Struktur und Infrastruktur. Unten links: Die Gläubigen haben sich über bestimmte Glaubensinhalte verständigt, eine eigene Religionskultur entwickelt. Oben rechts: So und so verhält sich der einzelne Gläubige oder Liturg im Rahmen eines Gottesdienstes. Oben links: Das erlebt der Gläubige während des Gottesdienstes.
Jedem Quadranten entsprechen verschiedene Methoden und Herangehensweisen, mit denen die jeweilige Dimension erforscht wird. Deshalb erweist sich das Modell als äußerst hilfreich, um scheinbare Widersprüche aufzulösen. Denn diese scheinbaren Widersprüche entstehen, weil Menschen 1.) über verschiedene Dimensionen einer Sache (individuelle / kollektive Dimension) und 2.) aus unterschiedlichen Perspektiven (subjektiv / objektiv) über eine Sache sprechen können.
Unter den TheologInnen ist es besonders Marion Küstenmacher in ihrem „Integrales Christentum“, die die Quadranten zur Analyse aller möglicher theologischer Themenfelder verwendet. Zum Thema Bibelverständnis zum Beispiel (S. 301):
Unten rechts = außen interobjektiv: Wie war die Umwelt, das politische, wirtschaftliche, religiöse System der damaligen Zeit?
Unten links = innen intersubjektiv: Traditionen, Bräuche, Beziehungen, Kultur, gemeinsame Ethik, Zugehörigkeiten der damaligen Menschen
Oben rechts = außen objektiv: Das konkrete Verhalten jeder biblischen Figur, ihr körperlicher Zustand.
Oben links = innen subjektiv: Gefühle, Gedanken, Sehnsüchte, Ängste, Motivationen, Selbstbild, individuelle Moral jeder biblischen Figur
Die „Kirche als System“ (unten rechts) ist heute eine gänzlich andere als bei ihrer Entstehung oder im Mittelalter. Desgleichen die Kirche als Kultur- oder Glaubensgemeinschaft (unten links). Und das religiöse Erlebnis des Einzelnen (oben links) wird, ja nach dem auf welcher Bewusstseinsstufe sich jemand schwerpunktmäßig bewegt, unterschiedlich erfahren und interpretiert.
Der amerikanische Pastor Tom Tresher legt in seinem Buch „Reverent irreverence. Integral Church for the 21st Century. From Cradle to Christ Consiousness” den Schwerpunkt auf den Quadranten links unten, die „Jesus stories“, die Narrative oder Geschichten, die das kulturelle Erbe der Kirche seien. Von diesen Geschichten gibt es ebenfalls nicht nur eine, sondern auch diese entwickeln sich beständig weiter – und zwar mit dem menschlichen Bewusstsein durch bestimmte Ebenen, Strukturen oder Wellen hindurch. Das heißt beispielsweise, dass Begriffe wie das „Böse“ oder „die Sünde“ je nach Entwicklungsstufe anders verstanden werden. Die Unterhaltung über „das Böse“ mit einem zehnjährigen Mädchen, einem alten Fundamentalisten oder einem weisen Meister wird sehr anders verlaufen – und doch sind beide dem linken unteren Quadranten zuzuordnen, dem gemeinschaftlichen, innerlichen Bereich, in dem Vorstellungen und Bedeutungen miteinander geteilt, aber auch jeweils neu konstruiert werden.
Wenn Sie die Beschreibung der einzelnen Stufen lesen, können Sie nun bestimmt einordnen, zu welchem Quadranten das jeweilige Stufenmerkmal passt (individuelle Entwicklung, moralische Entwicklung des Kollektivs, Gesellschaftsstrukturen etc.) Was darin bisher fehlt, ist der Quadrant oben rechts – außen objektiv, also die naturwissenschaftliche Beschreibung. Diese kann integriert werden, wenn das Erreichen von bestimmten kognitiven oder emotionalen Fähigkeiten mit der Entstehung von bestimmten Gehirnstrukturen parallelisiert wird. Ken Wilber treibt dies sehr weit – quasi ab Urknall werden die Entwicklungen durch alle Quadranten parallelisiert. Genauso wird es sehr spekulativ, welche übergeordneten anatomischen (vielleicht nicht mehr materiellen) Strukturen den höchsten spirituellen oder kulturellen Entwicklungsstufen entsprechen.

Soweit zu gehen, sollte man wohl mit einer gewissen Vorsicht genießen. Man nimmt die Quadranten wohl besser einfach als ein vereinfachendes Modell. Doch zur Beschreibung und Erforschung unserer Welt sind die Quadranten ein geniales Instrument, das dabei hilft, besser und konstruktiver mit der Komplexität der Wirklichkeit umzugehen.
Damit sich Gesellschaften weiterentwickeln können, müssen Veränderungen in allen Quadranten stattfinden, damit es zu dauerhaften Wirkungen kommt: Individuelle Weiterentwicklung, Veränderung des Theoriegebäudes, Veränderung des Systems, Veränderung der Gruppenstrukturen
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