In der Theologie und in Kirche reagieren die meisten noch immer allergisch auf alles, was nur entfernt an „Esoterik“ erinnert.
Esoterik – das wird gedanklich automatisch verknüpft mit: Unseriös, irrational, Lächerlich, Aberglaube, Geld aus der Tasche ziehen, Okkultismus, Synkretismus, gefährlichem Einlassen auf böse Geister und so fort. Esoterik ist „bä“, damit wollen wir nicht zu tun haben.
Was nun aber meint „esoterisches Christentum“? Und wieso bekennen sich viele Menschen freiwillig zu so etwas?
Ich fange mal beim Wort an: „Esoterisch“ leitet sich aus dem Griechischen ab. „ἐσωτερικός“ heißt „innerlich, nach innen gerichtet“, „το ἐσώτερον του καταπετάσματος“ wird auch das Allerheiligste bezeichnet, das, was innerhalb des Vorhangs bzw. hinter dem Vorhang ist. Es hat daher den Charakter des „Geheimnisvollen, Verborgenen“ und gibt zugleich die Stoßrichtung vor. Es geht um Erkenntnisse, die nur durch den Pfad nach innen gewonnen werden können und nicht durch den äußeren Pfad wie Dogmen, Riten, Moral, der exoterischen, dh. äußeren, öffentlichen Form.
Man könnte vielleicht plakativ sagen: Das exoterische Christentum glaubt an Christus durch das, was es von anderen hört oder liest, das esoterische Christentum dagegen sucht, die Wahrheit Christi selbst zu erfahren, indem es sich nach innen wendet.
In den Mysterienreligionen Griechenlands gab es ebenfalls exoterische Lehren – öffentliche, symbolische Erzählungen und esoterische Lehren – vertiefte, transformierende Einsichten, die nur nach innerer Vorbereitung vermittelt wurden.
Diese Unterscheidung war kein Machtinstrument oder elitär gemeint, sondern Ausdruck eines geistigen Realismus: Wahre Erkenntnis verändert das Bewusstsein – und wer innerlich nicht bereit ist, kann sie nicht aufnehmen, verformt, verfälscht oder bekämpft sie gar.
Im esoterischen Christentum lebt genau dieser Gedanke fort: Das Mysterium Christi ist offenbart, aber nicht auf jeder Bewusstseinsstufe erfassbar.
Jesus selbst deutet das an: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; jenen aber ist es nicht gegeben.“ (Mt 13,11)
Was alte Schulen intuitiv wussten, beschreibt heute etwa die Bewusstseinsforschung oder Entwicklungspsychologie (z. B. Piaget, Kohlberg, Fowler, Cook-Greuter, Wilber).
Sie zeigen, dass geistiges und moralisches Verstehen stufenweise wächst:
- vom konkreten, bildhaften Denken,
- über das reflexive, rationale Bewusstsein,
- bis hin zur transpersonalen, mystischen Integration.
Heute gibt es eine Bewegung, die versucht, diese alten Einweihungsgedanke mit moderner Bewusstseinsentwicklung zu verbinden:
- der Weg der inneren Transformation (Meditation, Herzschau, Schattenarbeit),
- das Verstehen biblischer Symbole als Bewusstseinsbilder,
- und das Erkennen, dass Glaube Wachstum ist, kein statisches „Haben von Wahrheiten“.
Aus esoterisch-christlicher Sicht würde man sagen: Das göttliche Licht scheint in allen – aber wir können es nur in dem Maß wahrnehmen, wie unsere Seele dafür durchlässig geworden ist.
Diese Zurückhaltung, nicht alles sofort zu offenbaren, war nie elitär gemeint, sondern heilpädagogisch: Damit das Heilige nicht banalisiert wird und und damit Erkenntnis mit Liebe einhergeht, damit die Seele die Wahrheit nicht nur versteht, sondern verkraftet.
Es fragt weniger nach kirchlicher Zugehörigkeit oder Lehre, sondern danach, ob und wie Christus im Bewusstsein und in der Seele gegenwärtig wird.
Mircea Eliade stellt im zweiten Band seines Opus magnus „Geschichte der religiösen Ideen“ fest, dass die Kirchenväter die Existenz einer von Jesus gegebenen Geheimunterweisung, die durch seine Jünger fortgeführt worden wäre, geleugnet hätten, und in Folge auch die Mehrheit der Historiker.
Die Tatsachen, so argumentiert er, sprächen allerdings dagegen:
„Die Esoterik, anders gesagt, die initiatorische Übermittlung von Lehren und Praktiken, die einem kleinen Kreis von Adepten Vorbehalten sind, ist für alle großen Religionen im hellenistischen Zeitalter und im Umkreis der christlichen Ära bezeugt. In unterschiedlichem Grade findet man das Initiationsszenarium (geheime Unterweisung und Riten, Aufteilung der Gläubigen, Geheimhal tungsschwur usw.) im offiziellen Judentum und in den jüdischen Sekten, bei den Essenern (z. B. Sektenregel 9,16f; 6,13-23), bei den Samaritanern und den Pharisäern“.
S. 313f.
Auf die Praxis einer esoterischen Unterweisung weise auch das Markusevangelium hin. (vgl. 4,10f; 7,17f, 10,10f.)
Noch deutlicher spreche Klemens von Alexandrien. Dieser weist in „Stromata (Teppiche)“ auf seine Lehrer hin:
„die die wahre, unmittelbar von den heiligen Aposteln Petrus und Jakobus, Johannes und Paulus stammende Überlieferung der seligen Lehre unversehrt bewahrten, indem immer ein Sohn sie von seinem Vater übernahm (nur wenige sind es, die ihren Vätern ähnlich sind), kamen in der Tat mit Gottes Hilfe auch zu uns, um jene von den Vätern ererbten und apostolischen Samenkörner (in uns) niederzulegen“.
Stromateis I, 1,11,3
Bei dieser Art der apostolischen Sukzession handelt es sich offensichtlich um etwas gänzlich anderes als die Weitergabe des Bischofsamtes in der heutigen katholischen Kirche.
Es handelt sich um Belehrungen, die einer gewissen Zahl von Gläubigen vorbehalten sind und die mündlich überliefert werden und geheimbleiben müssen:
„Er offenbarte ja nicht vielen, was nicht für viele bestimmt war, sondern nur wenigen, von denen er wußte, daß es ihnen zukam, denen, die es aufzunehmen und sich darnach gestalten zu lassen imstande waren. Die Geheimnisse aber wie (die Lehre von) Gott werden nur dem Worte anvertraut, nicht der Schrift. (13,2)“
In einem anderen Werk weist Klemens darauf hin, dass Jesus die „Gnosis“ (ein Wissen, das durch eine tiefe Erkenntnis erhalten wird) nach seiner Auferstehung an seine Jünger Jakobus dem Gerechten, Johannes und Petrus weitergab, die diese wiederum den anderen Aposteln gaben, die sie wiederum den 70 Jüngern Jesu gaben.
Tatsächlich ist ein Thema, das wir in den sog. gnostischen Schriften, die in Nag Hammadi gefunden wurden, die Sonderoffenbarung, dh. die Vorstellung, dass Jesus nach seiner Auferstehung seinen engsten Jüngern exklusives Wissen weitergab.
Allerdings sahen andere in diesen Schriften und den dazu gehörigen Strömungen nach und nach ein Problem für die Gemeinschaft:
Denn, so schreibt es Eliade, unter „Berufung auf eine mündliche, geheime apostolische Tradition konnten gewisse Gnostiker Lehren und Praktiken in das Christentum einführen, die dem Ethos des Evangeliums radikal entgegengesetzt waren.“
Möglicherweise spielte hier mehr Pragmatismus und Schutzbedürfnis eine Rolle als böser Wille oder Machtstreben, auch wenn letzteres sicherlich ebenfalls in den frühen Gemeinden existierte.
Wer sich die zahlreichen Mythen durchliest, die durch Gnostiker oder andere alternative christliche Strömungen verbreitet wurden, wird feststellen, dass auch diese Schwächen aufweisen oder Fragezeichen aufwerfen – es also nicht so simpel ist, dass „DIE Wahrheit“ gezielt unterdrückt wurde, wie manche Kirchenkritiker meinen.
Ein wesentlicher Grund, warum die gnostischen Schriften von der Kirche abgelehnt wurden, war ihre pessimistische Kosmologie: Die Schöpfung wird darin als das Werk niederer, teuflischer Mächte, dem Demiurgen, verstanden und die Inkarnation der Seele in dieser Welt wurde eher als Strafe oder Unglück denn als Chance und Geschenk angesehen. Sagen wir vielleicht etwas salopp: Es waren die Verschwörungstheoretiker der damaligen Zeit, die sich in einer „Matrix“ gefangen fühlten und danach strebten, auszubrechen. Ich persönlich bin mir daher nicht einmal sicher, ob sie mit allem so falsch lagen.
Dennoch hat sich die Mehrheit der Christen damals für eine positive Lesart der Welt entschieden: Auch wenn böse Mächte am Werk sind, so sei die Welt als Ganze doch nicht böse und schlecht, denn immerhin habe sich Gott in Jesus sichtbar in dieser Welt inkarniert und sie damit für alle Zeit veredelt.
Ein zweiter Grund, warum die gnostischen Schriften und Strömungen unterdrückt wurden, lag darin, dass das Wissen, die „Gnosis“ nur in direktem Kontakt mit dem Göttlichen erlangt werden konnte. Die Kirche lehrte dagegen zunehmend, dass es gar nicht notwendig und nur unnötig gefährlich sei, Kontakt mit der geistigen Welt aufzunehmen: In der Bibel und der Tradition seien alle Antworten, die notwendig seien, zu wissen, niedergeschrieben. Es reiche, diese Antworten zu lernen und auf sie zu vertrauen. Jede Form des Spiritismus lehnte sie mit der Begründung ab, dass es sehr schwierig sei, festzustellen, mit welcher Art von geistigem Wesen eine Person in Austausch trete. Häufig begegneten auf diesem Weg Dämonen in Lichtgestalt.
Ein in spirituellen Dingen unerfahrener Mensch hat eine natürliche und gesunde Angst, dass ihn Dinge, die er erlebt, überfordern könnten. Daher wird er an dieser Stelle der Kirche dankbar sein.
Die Geschichte zeigt aber, dass es immer wieder Menschen und auch Zirkel gab, die das nicht zufrieden stellte, die sich nach eigenen Erfahrungen sehnten. Diese esoterischen Kreise gründeten dann oft neue spiritualistische Kirchen, in denen die Teilnehmer gemeinsam lernten, wie sie mit einer Vielzahl von spirituellen Wesenheiten in Kontakt treten können, darunter Engel, Heilige und Meister wie Jesus und Maria.
Wir müssen also nicht davon ausgehen, dass es der Kirche immer und von Anfang an um Macht gegangen ist. Es scheint schlicht ein übergroßes Schutz- und Kontrollbedürfnis dahinterstecken, vergleichbar dem einer Mutter, die ihrem Kind aus der Angst heraus nicht den Freiraum schenken kann, erwachsen zu werden.
Und: Wer sich selbst nicht getraut hat, eigene Erfahrungen zu suchen, wird kaum jemanden anderen dazu auffordern.
Gehen wir einmal davon aus, dass es also seit Jesu Zeiten einen inneren Kreis an Eingeweihten gab. Dann wäre es nur folgerichtig, anzunehmen, dass es einen solchen auch noch heute gibt.
Tatsächlich gibt es verschiedene esoterische Strömungen, die Bezug auf das Christentum nehmen. Und wer sich eingehend mit diesen beschäftigt, stellt fest: Das sind durchweg keine irrationalen Spinner oder Dummköpfe – sondern Menschen mit tiefen, transrationalen, spirituellen Erfahrungen; Menschen, die zu einer hohen spirituellen Reife oder Intelligenz gelangt sind (aber ebenfalls irren können und menschlich bleiben).
Im Folgenden möchte ich ein paar davon namentlich nennen, erhebe aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und befürchte auch, dass ich den einen oder anderen Namen falsch aussprechen könnte, wofür ich um Verzeihung bitte. Es sind so viele, dass es schier unmöglich ist, sich mit allen auszukennen und eingehend zu befassen. Interessant finde ich vielmehr die sichtbaren Parallelen und Verbindungen:
- Rudolf Steiner und seine Christengemeinschaft
- Die weiße Bruderschaft Peter Deunov und dessen Schüler Omraam Mikhaël Aïvanhov und Felix van Frieden, der heute seine Lehren über Youtube weitergibt
- Es gibt viele Parallen zu der Antroposophie von Rudolf Steiner und Deunov in Bulgarien: Beide schufen ein System ritueller Tanzübungen, „Paneurythmie“, gründeten esoterische Hochschulen, hielten Vorträge, bauten Bruderschaften auf.
- Auch Georges I. Gurdjieff, ein griechisch-armenischer Esoteriker, ging in derselben Weise vor. Er gilt als der Begründer des sog. Vierten Weges und des Enneagramms. Er leitete Studiengruppen, eröffnete ein Institut und lehrte ‚Heiligen Tänze‘ oder ‚Movements‘. Berühmte Schüler von ihm sind u.a. P. D. Ouspensky, „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“, Jeanne de Salzmann, John G. Bennett und Maurice Nicoll, aber auch Cynthia Bourgeault und in neuerer Zeit Luke Behncke.
- Boris Mouravieff. Er verfasste ein Werk mit dem Titel „Gnosis: Study and Commentaries on the Esoteric Tradition of Eastern Orthodoxy“ und arbeitete eine Zeitlang eng mit Uspenskij zusammen, einem Schüler Gurdjeffs.
- Valentin Tomberg, der ursprünglich Anthroposoph war, und der Christengemeinschaft angehörte, dann aber zu einem Mystiker innerhalb der katholischen Kirche wurde. Sein bekanntestes Werk ist „Die großen Arcana des Tarot“, Meditationen über das Tarot aus hermetisch-christlicher Sicht
- die Rosenkreuzertradition, AMORC oder Max Heindel, Theosoph und Begründer einer rosenkreuzerischen Schule, Werk „Die Weltanschauung der Rosenkreuzer oder mystisches Christentum“, 1909
- die „Theosophie“ als eine übergreifende Strömung, die religiöse Erkenntnisse durch individuelle mystische Erfahrung, höhere Bewusstseinszustände anstreben, wie Jakob Böhme, Louis Claude de Saint-Martin oder die Rezeption der jüdischen Kabbala
- von ihr wurde wiederum die Sophienlehre in Russland geprägt, die durch Vladimir Solovjov und Sergej Bulgakow vertreten wurde
- Auch Neuoffenbarungsbewegungen wie Jakob Lorber und Emanuel Swedenborg spielten eine große Rolle.
- die „theosophische Gesellschaft“, die maßgeblich durch Helena Petrovna Blavatsky geprägt wurde, eine russlanddeutsche Okkultistin, deren Urgroßvater bereits ein Freimaurer mit rosenkreuzerischer Ausrichtung war
- Alice Bailey aus den USA, die mit der Gesellschaft in Berührung kam und selbst in Folge eine Esoterische Schule, später Arkanschule gründete
- usw.
Auch zeitgenössische Autoren wie Richard Rohr oder Cynthia Bourgeault betonen die innere Erfahrung der göttlichen Gegenwart als Herz des Glaubens und haben ihre eigenen Weisheitsschulen gegründet – auch wenn sie den Begriff „esoterisch“ vermeiden. Cynthia Bourgeault bezieht sich in ihren Schriften immer wieder explizit auf den Esoteriker Gurdjeff.
Übergreifende Themen des esoterischen Christentums sind:
- Christus als inneres Prinzip:
Christus ist nicht nur eine historische Gestalt, sondern eine Bewusstseinsrealität, die in jedem Menschen geboren werden kann. - Erkenntnis durch Erfahrung:
Es geht nicht um Glauben im dogmatischen Sinn, sondern um innere Schau und Transformation. - Mehrschichtige Bibelauslegung:
Jede Geschichte birgt mehrere Ebenen des Verständnisses, siehe dazu auch die Lehre vom dreifachen Schriftsinn der Kirchenväter. - Mensch als Mikrokosmos:
Der Mensch trägt das gesamte göttliche Drama in sich – Schöpfung, Fall, Erlösung. - Entwicklung und Einweihung:
Das Leben gilt als Weg der Einweihung in göttliche Wirklichkeit, durch Läuterung, Erkenntnis und Liebe. Daher wird häufig auch Reinkarnation als Mittel der geistigen Evolution angenommen. - Vereinigung mit Gott (Theosis):
Ziel ist nicht äußere Belohnung, sondern die Vergöttlichung der Seele – „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). - Metaphysische Spekulationen
- Dazu gehören Zahlenmystik, Kosmologien, Lebensgesetze und vieles mehr.
So gesehen handelt es sich auch bei einem „integralen“ oder „mystischen“ Christentum“ ebenfalls um ein „esoterisches Christentum“ – es ist aber im Umkehrschluss nicht jede esoterisch-christliche Strömung integral.
Quellen:
Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen
Clemens von Alexandrien, Stromateis I, 1,11,3
Peter Deunov: Die Weiße Bruderschaft und das Zusammenwirken der 12 Strömungen
Felix van Frieden: Universelle Weiße Bruderschaft von Omraam Mikhaël Aïvanhov
Weisheitsschule von Cynthia Bourgeault
Diesen Artikel gibt es auch als Podcastfolge anzuhören:
https://sandra-ulrike-hauser-podcast.podigee.io/7-esoterisches-christentum

Schreibe einen Kommentar