2. Entwicklungsschritte – Ebenen

Es kann Angst machen, das eigene Denken – und damit auch den Glauben, und unsere Weltanschauung – dynamisch zu verstehen: Das heißt, als prinzipiell begrenzt, erschütterbar, ausweitungsfähig, zur Weiterentwicklung, Vertiefung und zum Wachstum bestimmt.

Genau das ist aber der Fall: Studien haben gezeigt, dass sich die Werte, die Weltanschauung und Religiosität oder Spiritualität eines Menschen im Laufe seines Lebens – aber auch der Menschheit insgesamt über die Jahrtausende hinweg – nachweislich nach einem ähnlichen Muster entwickeln. Ein Pionier dieser Entdeckung war der amerikanische Psychologieprofessor Dr. Clare Graves.

Schon lange werden die Erkenntnisse von Entwicklungspsychologen wie Jean Piaget, Lawrence Kohlberg oder James Fowler von der Praktischen Theologie rezipiert, um sie für den Religionsunterricht oder die Seelsorge fruchtbar zu machen. Die „Stufen des Glaubens“ – so heißt das Standardwerk von James Fowler dazu.

Der Blick auf die Entwicklung des Glaubens jenseits des Erwachsenenalters wird jedoch auffallend häufig vernachlässigt – was damit zu tun haben könnte, dass es vielen Lehrenden schwer fallen dürfte, ihr Denken, und auch ihren eigenen Glauben als lediglich vorläufig und vorübergehend zu verstehen und mit der Möglichkeit, eines noch tieferen Verständnisses und höheren Bewusstsein als des eigenen, zu rechnen.

Deshalb ist es wichtig, zu verstehen, dass auf diesem Weg nichts Wesentliches und Gutes verloren gehen muss, sondern all dies integriert und bewahrt werden kann. Bilder wie das einer russischen Matroschka, Stapelbechern oder das von Baumringen können das veranschaulichen:




In der großen Matroschka lebt immer noch die kleine Matroschka weiter – in der Psychologie häufig das „innere Kind“ genannt. Das ist jedoch mehr als eine Schicht: Da ist auch noch der „innere Jugendliche“, die „innere junge Erwachsene“ und so weiter.

Wir sprechen deshalb von „integralem Christentum“, weil hier Menschen das erste Mal lernen, ihr Denken und ihren Glauben als einen offenen, unabgeschlossenen Prozess zu verstehen, aber auch die verschiedenen Schichten oder Phasen ihres Lebens wertzuschätzen. Ein integraler Christ erlebt sich selbst prinzipiell zum Wachstum und zur inneren Reifung angelegt. Er verliert daher nach und nach die Angst, seinen Glauben zu verraten oder von ihm abzufallen.

Denn bei so verstandenem Wachstum gilt:

  • Alle Stufen bauen aufeinander auf. Die erste Stufe ist der innerste Kern von allem.
  • Keine Stufe kann übersprungen werden. Jede Stufe ist wichtig und leistet ihren spezifischen Beitrag. Nichts Wesentliches, Bedeutsames, Hilfreiches, Wahres etc. geht verloren, wenn wir reifen.
  • Jeder Mensch kann zu jeder Zeit auf jede der vorhergehende Stufen zurückgreifen.
  • Dadurch jedoch, dass er sich weiterentwickelt, bekommt er mehr Möglichkeiten, Erlebtes zu deuten oder damit umzugehen, was seine Freiheit erhöht, aber auch seine Toleranz. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ihnen mit Verständnis zu begegnen und weiterzuhelfen, nimmt zu.

Ein Bild, das heute die Mehrzahl der Entwicklungsforscher verwendet, ist das der Spirale. Am treffendsten erscheint dabei die Fibonacci Spirale – die aussieht wie ein Schneckenhaus oder ein Nautilus. An ihr lässt sich nicht nur das zeigen, was bereits an den Baumringen oder Matroschkas sichtbar wird, nämlich die Ineinanderverschachtelung der Ebenen, sondern darüber hinaus, dass sich das Wachstum nach oben hin beschleunigt (länger und breiter werdende Umgänge), dass also die Phasen, in denen ein Mensch oder die Menschheit insgesamt auf einer Ebene verweilt, sich zunehmend verkürzen:



Die Wahl von Farben als Code für die Stufen hat ihren guten Grund, denn im Gegensatz zu einer Durchnummerierung 1,2,3,4 usw. geht das Modell davon aus, dass keine der Ebenen prinzipiell besser oder schlechter wäre, sie sind nur besser oder schlechter an ihre Umgebung angepasst. Ein grüner Frosch ist super in grünem Gras, aber ein grüner Frosch in der Antarktis würde ziemlich schnell gefressen werden. Er hat sich farblich angepasst, um gut zu überleben. So auch in diesem Fall: Ein „blaues“ Bewusstsein und eine „blaue“ Spiritualität zum Beispiel passt sehr gut in eine bestimmte Lebensphase oder ein dementsprechendes kulturelles oder kirchliches Umfeld, in einem anderen Umfeld jedoch würde sich ein solcher Mensch wie im Märchen „das hässliche Entlein“ wie ein Schwan unter Enten fühlen.
Die Wahl der Farbcodes folgt bei Ken Wilber dem Regenbogen, bei anderen (Spiral Dynamics, Gott 9.0) werden die Farben mehr symbolisch verwendet, woraus sich an einigen Punkten Abweichungen ergeben.

Diese Organisationsprinzipien, Codes oder Ebenen, wie ich sie im Folgenden nennen will, sind sowohl in Individuen als auch in Unternehmen, Organisationen und ganzen Gesellschaften wirksam. Ihre Entwicklung erfolgt, wie es die Form der Spirale nahelegt, hin zu mehr Weite und Komplexität. Während sie immer mehr Elemente miteinschließen, wird der ihnen zur Verfügung stehende Raum immer weiter bzw. das zur Verfügung stehende Repertoire reichhaltiger. Sie als Erwachsener bekommen sicher prima einen Trotzanfall des dreijährigen Kindes hin, das dreijährige Kind wird Ihnen aber, wenn es wütend ist, nur in seltenen Fällen vorschlagen, tief ein- und auszuatmen und dann reihum von Herzen zu sprechen. Im Idealfall wird weniger hilfreiches Verhalten im Laufe des Aufwachsens durch sinnvollere, konstruktivere Verhaltensweisen ersetzt.

Der integrale Ansatz spricht auch von einer Bewegung von einem egozentrischen über ein ethnozentrisches zu einem weltzentrischen und schließlich kosmozentrischen Denken. Zuerst steht das „Ich“ im Vordergrund, dann – die Religion betreffend – die Zugehörigkeit zu einer Kirche, Gemeinde, Religion, Konfession, dann die Menschheit oder der Planet als Ganzes und ganz am Schluss erfahren wir uns als ein Teil des Kosmos oder das Göttliche selbst.

Jede Ebene hat nun entsprechende Geschichten oder Mythen, die die Menschen untereinander verbinden: Verschiedene Werte, Antworten auf die wichtigsten Lebensfragen wie „Wer bin ich? Wozu lebe ich?“, und damit verbunden Gottesbilder, Jesusbilder, Jenseitsvorstellungen, Verständnis von Sünde und Erlösung, von der Bibel, der Kirche, dem Menschen und seiner Rolle. Ist Jesus z.B. auf BLAU hauptsächlich der einzige Gottessohn und Erlöser von Schuld, ist er auf GRÜN hauptsächlich ein spiritueller Lehrer und sozialer Revolutionär. Steht in BLAU die Sühnetheologie im Vordergrund, so geht es ab GRÜN aufwärts um Erleuchtung und Mystik.

Das Wissen um die Ebenen wird von vielen als sehr aufschlussreich empfunden, weil es hilft, sich selbst und andere besser zu verstehen. Es hilft allerdings ebenso, die Bibel völlig neu zu lesen: Die Bibel selbst wird als das Ergebnis dieses Prozesses verstanden, in dessen Verlauf sich das Bewusstsein und auch die Spiritualität der Menschen verändert haben. Das erlaubt es, jeden Text daraufhin zu untersuchen, aus welcher Bewusstseinsebene dieser stammen könnte: Reifere, jüngere Texte besitzen möglicherweise einen umfassenderen Wahrheitsgehalt als ältere. Es kommt bei dem Prozess des Verstehens von Bibeltexten sowohl auf die Perspektive des Schreibers des Textes als auch auf die des Lesers an: Lebte bspw. Paulus auf einer wesentlich höheren Bewusstseinsebene als sein Leser wird dieser ihn zwangsläufig missverstehen.

Auf den folgenden Seiten werden die Stufen der Entwicklung in einer Zusammenschau der psychologischen, soziologischen, kulturellen und religiösen Hauptmerkmalen stichwortartig beschrieben. Das Schema ist nicht völlig eindeutig: verschiedene Forschende haben die Grenzen in ihrem jeweiligen Bereich leicht anders gezogen, oder auch Stufen in Unterstufen aufgeteilt oder andere zusammengefasst. Die Grenzen können also leicht fließend sein, und doch ergibt sich ein recht einprägsames Gesamtbild.

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