Die integrale Theorie ist eine sogenannte Meta-Theorie. Das griechische „meta“ bedeutet als Vorsilbe nach- oder übergeordnet. Metaebenen sind übergeordnete, überblickende Ebenen. Meta-Studien fassen andere Studien zusammen. Eine Meta-Theorie ordnet entsprechend viele einzelne Theorien in ein Gesamtbild ein und erklärt ihren Zusammenhang.
Viele Forschende versuchten schon, Erkenntnisse zu Entwicklungsprozessen aus Geschichte, Kulturwissenschaften, Psychologie, Religionswissenschaften etc. in ein übergeordnetes Schema zu bringen. Ein führender Vertreter ist der US-amerikanische Philosoph Ken Wilber. Er wertete um die hundert Autoren aus verschiedenen Wissensgebieten, Weltregionen und Jahrhunderten aus und ordnete ihre Ergebnisse zusammen mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in ein gemeinsames Schema ein. Hieraus legte er seine Integrale Theorie vor. Wilber bezeichnet sie als eine Landkarte aus verschiedenen Komponenten, die hilft, sich in der komplexen und widersprüchlichen Welt von heute leichter zurechtzufinden. Ken Wilbers Ansatz wird häufig als die „Theorie von allem“ bezeichnet.
Wilber beschreibt dieses Unterfangen bezogen auf die geistige Entwicklung des Menschen so:
Was wäre, wenn wir buchstäblich alles, was uns die verschiedenen Kulturen über das menschliche Potenzial zu sagen haben – über geistiges Wachstum, psychologisches Wachstum, soziales Wachstum – auf den Tisch legen würden? […] Diese Landkarte nutzt alle bekannten Systeme und Modelle des menschlichen Wachstums – von den alten Schamanen und Weisen bis zu den heutigen Durchbrüchen in der Kognitionswissenschaft – und destilliert deren Hauptkomponenten in fünf einfache Faktoren, Faktoren, die die wesentlichen Elemente oder Schlüssel zur Entriegelung und Erleichterung der menschlichen Evolution sind.
Aus: Plattform „Integral Life“
Obwohl die integrale(n) Theorie(n) heute ohne Ken Wilber kaum denkbar wären, ist er bei weitem nicht der einzige integrale Denker. Es handelt sich vielmehr um eine breite philosophische Strömung mit zahlreichen Theoretikern und Akteuren. Dazu zählt neben Spiral Dynamics von Graves/Beck/Cowan auch der sog. „Metamodernismus“ von Daniel Görtz („Hanzi Freinacht“), der sich als Fortführung der „Postmoderne“ versteht.
Der integrale Ansatz hat heute bereits vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Wirtschaft, Kunst, Pädagogik, Journalismus, Politik usw.) geholfen, Inhalte neu zu strukturieren, sich selbst und andere besser zu verstehen und neue Lebens-, Arbeits- und Sichtweisen zu entwickeln und zu verwirklichen.
Durch diesen neuen Deutungsrahmen werden Beobachtungen und Erfahrungen nicht selten besser verstanden oder in gänzlich neuem Licht gesehen. Viele Menschen erzählen von einem „Aha-Effekt“ oder gar von einer vollständigen Veränderung ihres bisherigen Denkens. Einige sprechen auch von einer „psychoaktiven Wirkung“, d.h. wir gehen als Personen nicht unverändert aus einer gründlichen Beschäftigung mit dem Ansatz hervor. Wir legen daher in integralen Gemeinschaften Wert darauf, aus einer persönlichen Betroffenheit und Erfahrung zu sprechen, anstatt lediglich abstrakt Wissen oder Thesen auszutauschen.
Michael Habecker und Sonja Student drücken in „Wissen, Weisheit, Wirklichkeit. Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität“ (2011) den Sinn des Ansatzes so aus (179f.):
Manchmal wird auch direkter gefragt: Wo ist die Liebe in diesem [integralen] Modell? Es ist richtig, dass Modelle Abstraktionscharakter haben, dies liegt in ihrer Natur, doch das bedeutet nicht gleichzeitig Lieblosigkeit, im Gegenteil. Die Liebe steckt hier buchstäblich im Detail, in dem Versuch, Wirklichkeit so real wie möglich abzubilden, um damit ein bewussteres und verantwortlicheres Leben führen zu können. Viel Leid auf der Welt entsteht durch böse Absichten, das ist wahr, doch ebenso viel Leid entsteht aus Unwissenheit.
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