Kommen wir zur dritten Gruppe von besonderen Bewusstseinszuständen. Denen, die plötzlich als besondere, tiefe, manchmal lebensverändernde Erfahrung in unseren Alltag oder auch in eine Meditation einbrechen können. Sie werden ausgelöst von Bewusstseinsbereichen, die über unserem Individualbewusstsein angesiedelt sind. Diese entsprechen den Bewusstseinsstufen 7 (voll entwickelt) bis 10 in unserer obigen Beschreibung der Stufen.
Das Besondere ist, dass diese Stufen jederzeit von jedermann erfahren werden können – aber als normalerweise unverfügbares, kostbares, gnadenhaftes Geschenk. Auf jeder der normalen Entwicklungsstufen kann jede der höchsten Ebenen mehr oder weniger lang erfahren werden. Wiederholen sich diese Ereignisse, so bestimmen sie mehr und mehr unser Leben, beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln, werden nach und nach willentlich hervorrufbar, bis wir schließlich völlig auf dieser Stufe angekommen sind. Aus kurzfristigem Wachwerden wird ein dauerhaftes Wachsein.
Eine Stufe ist also eine Ebene des grundsätzlichen Wissens, der Lebensüberzeugungen.
Ein Zustand ist eine vorübergehende Erfahrung einer höheren Stufe.
Die Erfahrungen dieser höheren Stufen werden traditionell mit verschiedenen Namen bezeichnet. Ich versuche, sie zusammenzufassen und mit der Beschreibung der Stufen 7 bis 10 in Einklang zu bringen. Die Unterscheidung ist nicht ganz trennscharf, da sich diese Dinge nicht mit definitorischer Präzision beschreiben lassen.
1. Versenkungsgrad, grobstofflich, Naturmystik, Wachzustand, Nirmanakaya
Der erste Versenkungsgrad bedeutet eine erhöhte Wachheit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Sein im Augenblick. Die körperlichen Sinne werden voll genutzt. Zu den körperlichen, grobstofflichen Bereichen werden jedoch auch Energien und Kräfte wie Chi, Kundalini, die Energie der Chakren, Selbstheilungskräfte, aktive Imagination etc. gerechnet, die von Schamanen und Yogis in diesem Versenkunsgrad genutzt werden können. Hierher gehören auch die yogischen Sidhis, die etwa den „Früchten des Geistes“ im Christentum entsprechen.
Sie bewirkt auch die Möglichkeit der Versenkung in die Naturkräfte, der Bewusstheit für die vielfältige Wechselwirkung alles Belebten, ein Gefühl des Einswerden mit der sichtbaren und unsichtbaren Natur.
Dieser Versenkungsgrad entspricht den höheren Unterstufen der siebten Entwicklungsstufe im obigen zehnstufigen Schema und ist häufig noch stark vom Ego geprägt.
2. Versenkungsgrad, feinstofflich, subtil, Gottesmystik, Traum, Sambhogakaya
Der zweite Versenkungsgrad wird vom Bilderleben der Seele geprägt, daher wird er auch mit Traumphasen des Schlafes verglichen. Auch Meditationen mit bewusst gelenkten Inhalt oder Visualisierungen entsprechen ihm.
Visionen und Auditionen sind möglich, vielfältige Licht- und Klangerlebnisse können auftreten. Engel und Lichtwesen, geistige Führer erscheinen. Gott wird als das Du eines persönlichen Gegenübers, auch eines Geliebten erfahren. Gott wird innerlich geschaut. Eine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Kreatur wird noch aufrecht erhalten.
Die Seele entdeckt die transzendente Verbindung zur Tiefe, zum Hintergrund aller Existenz, zur Einheit und beginnt, sich selbst zu transzendieren und sich vom Ich zu lösen.
Dieser Versenkungsgrad wird auch die Ebene der Heiligen genannt und entspricht der achten Entwicklungsstufe.
3. Versenkungsgrad, kausal, formlose Mystik, traumloser Tiefschlaf, Dharmakaya
Der dritte Versenkungsgrad erreicht die Ebene des absoluten GEISTES, des reinen Bewusstseins jenseits aller Bilder und Vorstellungen. (Da es im Deutschen keine klare Unterscheidung des englischen mind und spirit gibt, wird in der integralen Literatur der Verstand, das denkende Bewusstsein des Menschen als Geist, und das höhere, göttliche Bewusstsein als GEIST bezeichnet.) Hier liegt die Quelle und Ursache aller Erscheinungen, daher wird sie die kausale Ebene genannt.
Hier wird die Seele zum Einssein, sie erreicht die höchste Identität mit dem Ursprung. Es gibt keinen Subjekt-Objekt-Dualismus mehr. Ich bin eins mit dem Göttlichen. Subjekt und Objekt sind ganz und gar identisch. Alle Formen und auf Trennung basierende Erscheinungen werden aufgelöst und kehren in den Urgrund der ursprünglichen Leere zurück, zum Bewusstsein-an-Sich.
Die formlose Mystik wird bestimmt durch Kontemplation, Schau des Göttlichen jenseits aller Gottesbilder, der reinen Zeugenschaft und des Geschehenlassens von allem, was ist.
Dieser Versenkungsgrad ist die Ebene der Weisen und entspricht der neunten Entwicklungsstufe.
4. Versenkungsgrad, nondual, nonduale Mystik, Erleuchtung, Svabhavikaya
Im vierten Versenkungsgrad verschwindet die Unterscheidung zwischen Form (Samsara) und Leere (Nirvana). Das eine drückt sich im anderen aus, alle Phänomene und alle Zustände sind eins. Es ist die Ebene der erleuchteten Meister, die nach Belieben zwischen den Ebenen und Seinsweisen wechseln können. Durch das Durchschauen der Illusion der Realität der Formen haben sie die Meisterschaft über diese erlangt und können sie verändern (Heilungen und Wunder Jesu), ohne dies im Allgemeinen auch zu tun. ICH BIN alles, was existiert und nicht existiert.
Noch einmal: Zustände sind vorübergehende Erfahrungen, wohingegen abgeschlossene Entwicklungen zu neuen, mehr oder weniger dauerhaften Stufen führen. Das Entscheidende ist nun, dass jeder der höheren Ebenen in jede der niedrigeren einbrechen kann – entweder spontan oder durch Übung. Nur befindet sich der dies erlebende Mensch auf einer anderen Stufe, und kann dieses Erlebnis nur vor dem Hintergrund des Entwicklungsstandes seiner individuellen Linien und aus seinem kulturellen Umfeld heraus interpretieren.
Jede Person interpretiert eine Gipfelerfahrung, religiöse oder spirituelle Erlebnisse von der Stufe ihrer spirituellen Entwicklung aus, auf der sie sich derzeit befindet.
Sie kann sie nicht aus einer höheren Stufe deuten. Ein Kind in der magischen Phase kann seine Erfahrung gar nicht rational erklären, weil es diese Stufe in seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Erfahrung auf einer niedrigeren Ebene, zum Beispiel rein magisch deutet, ist ebenfalls gering, wenn jemand bereits gelernt hat, rational zu denken.
Tiefe Erfahrungen können also zu einer egoistischen, oder ethnozentrischen Interpretation führen: Jemand, der eine tiefe kausale Gotteserfahrung hatte, kann zum Beispiel denken: „Ich bin der alleinige Auserwählte, der Bevollmächtigte Gottes, alle müssen mir folgen!“
Oder ein Mensch hört eine Stimme. Er denkt je nachdem: Das war eine Halluzination/ein Engel/Gott/mein höheres Selbst.
