Eine klassische Darstellung der Zusammenhänge von Stufen und Zustsänden ist das Wilber-Combs-Raster, das aus einer x-Achse für die Zustände und einer y-Achse für die Stufen besteht. Jeder Zustand kann auf jeder Ebene erfahren werden. Wie im letzten Kapitel erwähnt, hängt die Interpretation eines solchen Erlebnisses davon ab, von welcher grundsätzlichen Entwicklungsstufe der jeweiligen Linien ein Mensch diese Erfahrung deutet.

Die Abbildung des Wilber-Combs-Rasters umfasst üblicherweise nicht die höchsten Entwicklungsstufen der östlichen Traditionen, sondern geht von einem neunstufigen System aus. Die höchsten östlichen Stufen werden eher als Beschreibungen der Zustände aufgefasst, so dass Stufen und Zustände wie in der Abbildung klar getrennt werden.
Diese strikte Trennung ist aber nicht unumstritten, denn wahrscheinlich gibt es einen engen Zusammenhang und eine intensive Wechselwirkung der oberen Stufen und Zustände untereinander. Erlangte Entwicklungsstufen und Zustände klar auseinanderzuhalten, wird so sehr schwierig. Die Beschreibungen und Begrifflichkeiten überschneiden sich. Werden Zustände häufig erfahren, und festigen sich ihre Erkenntnisse und Gefühle auf verschiedenen Linien, so werden sie wahrscheinlich zu einer erreichten Stufen. Daher versuche ich, Simone Brietzke, hier eine Veranschaulichung der möglichen Zusammenhänge mit folgender Darstellung:

Erkenntnisse aus dem Modell:
- Diese Idee hilft uns zu verstehen, dass wir in der Bibel bei Jesu oder auch Worten von Paulus es möglicherweise mit Erkenntnissen zu tun haben, die einem Bewusstsein entspringen, dass dem unseren noch überlegen ist. Wir versuchen dann dennoch, sie so zu verstehen, dass sie zu dem Rest unseres Weltbildes passen. Und vielleicht geht uns Jahre später ein Licht auf und wir sehen den Sinn einer Stelle auf einmal ganz neu. Ein offensichtliches Problem dabei sind Leute, (wir eingeschlossen!), die meinen, einen Text verstanden zu haben, obwohl sie ihn nur soweit verstanden haben, wie ihr Verständnis gereicht hat. Das hinzuzufügen, wenn wir unsere vermeintlichen Erkenntnisse mit anderen teilen, wäre zumindest redlich.
- Das Raster erklärt auch, dass wir nicht zuerst alle Stufen der spirituellen Entwicklung durchlaufen müssen, um eine Gipfelerfahrung, ein Einheitsbewusstsein oder eine Erleuchtungserfahrung zu machen. Denn jeder Zustand ist prinzipiell von jeder Stufe aus zugänglich: Als Kind hatte man z.B. ein Erlebnis intensiver Gottesnähe, hätte es aber damals nie so beschrieben oder gedeutet. Wilber unterscheidet hier gerne zwischen „Aufwachsen (growing up)“ und „Aufwachen (waking up)“. (siehe unter: „Linien“)
- Das Wilber-Combs-Raster hilft auch dabei, zu verstehen, weshalb kontemplative Meister nicht zwangsweise in ihrer spirituellen Entwicklung reifer sind als andere Menschen. Jemand kann viel Erfahrung mit bestimmten meditativen Zuständen, Einheitserfahrungen, Erfahrung der Erleuchtung, der dunklen Nacht etc. sammeln, diese aber von einer magischen oder egozentrischen Stufe aus interpretieren.
- Marion Küstenmacher schreibt in einem Artikel in dem Sammelband „Mystische Wege. Christlich, integral, interreligiös (Rutishauser/Hasenauer (Hg.), 2016“, dass das Raster uns bei der Frage helfe, warum sich Mystiker, Gurus und Erleuchtete nicht unbedingt immer moralisch integer, altruistisch und liebevoll verhalten. Als Beispiele nennt sie Schamanen, die aufgrund ihres Stammesdenkens kein Problem damit haben „Angehörige eines anderen Stammes auszurotten“, Elia im Alten Testament, der gleichzeitig Prophet und Massenmörder war, den heiligen Bernard von Clairvaux, zugleich Theologe und Befürworter der Kreuzzüge und die Athos Mönche, die gleichzeitig im Gebet Gott schauen und doch bis heute in einem „mythisch-patriarchalen Denken gefangen“ sind, dass sie „auf ihrem heiligen Berg das Weibliche noch nicht einmal in Form von Hühnern integrieren können.“
In der Bibel spielen verschiedene Bewusstseinszustände eine entscheidende Rolle („wurden vom Heiligen Geist erfüllt“, „hatte eine Erscheinung“). Wenn wir die Texte aber nicht ausdrücklich damit in Verbindung bringen, müssen sie rätselhaft bleiben oder bringen uns gar in Verlegenheit.
- Vision eines Engels von Maria, Lk 1, vor den Hirten, Lk 2
- Engel im Traum von Josef und den Sterndeutern, Mt 2
- Prophetie über Jesus durch Simeon und Hanna, Lk 2
- Die Taufe und Versuchung Jesu, Lk 3 und 4
- Fernwahrnehmung durch Jesus (wo die meisten Fische im See sind), Lk 5
- Heilung durch Jesus, Lk 5 f., Fernheilung durch Jesus, Lk 7, Wiederauferweckung Toter, Lk 7 und 8, Exorzismus durch Jesus Lk 8
- Heilung und Exorzismus durch die Jünger, Lk 9 und Lk 10
- Die Verklärung Jesu vor dreien seiner Jünger, Lk 9
- Ekstase bei Jesu, Lk 10, Prophetie durch Jesus, Lk 21
- Das Pfingstereignis, Apostelgeschichte 1
- Vision des Stephanus, Apostelgeschichte 8
- Die Handauflegung und die Übermittlung des heiligen Geistes (erhöhtes Bewusstsein), Apostelgeschichte 8 u.a.
- Die Bekehrung des Paulus, Apostelgeschichte 9
- Die Vision des Kornelius und des Petrus, Apostelgeschichte 10
- u.v.m.
Nicht nur unsere spirituellen Erfahrungen bestimmen, wie wir diese und ähnliche Bibelstellen deuten, sondern auch unsere geistige Reife (spirituelle Intelligenz).
Die Botschaft Jesu, die mit „meta-noiete“ im Griechischen beginnt (Mk 1,15), (häufig übersetzt mit „Tut Buße!“ oder „kehrt um!“, kann ebenso als „ändert euer(e) Bewusstsein(szustand)/Gesinnung“ oder „geht über euren Verstand (nous) hinaus (meta)“ übersetzt werden. So verstehen viele integrale Christen das „Reich Gottes“ als einen erhöhten Bewusstseinszustand, in dem die Einheitserfahrung zur Selbstverständlichkeit wird.
Wenn wir Religion – nicht im Sinne der Institution, sondern im Sinne der Weitergabe von bewährten Methoden zur Bewusstseinsvertiefung/-erweiterung und damit Rückbindung an unsere Quelle verstehen und praktizieren wollen, führt an diesem Wissen kein Weg mehr vorbei. Jede „Religion der Zukunft [of Tomorrow]“, so meint Wilber in seinem gleichnamigen Werk, wird diese zwei Elemente zwingend miteinander verbinden: Persönliche geistige Reifung und vertiefte spirituelle Erfahrung – Aufwachsen und Aufwachen. Nikola Anandamli Ristic, spiritueller Lehrer und Autor von „Spirit X“, nennt es schlicht: „Mind and Spirit“.
Zum Weg dahin könnte in der Folge gehören, dass du dir vornimmst, über den Tag hinweg mehr darauf zu achten, in welchem Bewusstseinszustand du dich jeweils befindest. Oder dass du beginnst, in innerlichem Gebet oder Meditation in tiefere Zustände einzutauchen. Oder gar bestimmte Atemtechniken ausprobierst oder dir eigens für diese Zwecke produzierte Musik anhörst. Oder dich einmal fragst, welche Zustände du in deinem Leben bereits erlebt hast. Oder gar versuchst, dir diese Zustände so vertraut zu machen, dass du sie leicht und schnell bewusst hervorrufen kannst – zum Beispiel, um in bestimmten Momenten die nötige Ruhe zu bewahren oder dir bestimmte Fähigkeiten zu Nutze zu machen.
Ja, nutzen. Denn wir können uns viel über diese Zustände anlesen – sie aber wirklich bei uns wahrzunehmen, gezielt hervorzurufen, zu lernen, sie mal spielerisch, mal gezielt einzusetzen, ist eine zweite Entscheidung, die bewusst getroffen werden muss und dann – durch Training über Jahre, Jahrzehnte hindurch zu Ergebnissen führt.
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