Sandra Ulrike Hauser

Die Krise des Christentums: Eine dringende Neubewertung

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Gastartikel von Eduard Fassel

Die existenzielle Krise des Christentums in diesem Teil der Welt verlangt nach einem grundlegenden Umdenken. Die Ratlosigkeit darüber, was man dem massiven Mitgliederschwund entgegensetzen soll, zeigt sich für mich sehr deutlich bei den Verantwortlichen der katholischen Kirche, deren Hauptstrategie offenbar ist, sich für äußerliche Re-formen wie den „Synodalen Weg“ einzusetzen. Die Kirchenbasis scheint dabei nicht weniger anspruchslos zu sein – eine Forderung nach mehr Innerlichkeit, also nach dem „Kerngeschäft“ von Religion, habe ich zumindest nicht vernommen. Ich finde, die Lage ist derart prekär und die unbeirrbare „Verwaltung des Untergangs“ (G. Kreppold) derart töricht, dass es an der Zeit ist, Klartext zu reden. 

Das Goldene Kalb vom Sockel stürzen

Ich nehme an, dass insbesondere die einschlägigen Aussagen in den Paulusbriefen dazu geführt haben, dass der Glaube zum „Goldenen Kalb“ des traditionellen Christentums avanciert ist. Ehrlicherweise muss man zugeben, dass „Glaube“ für die meisten Menschen ein in erster Linie mentales Dafürhalten ist, wie es sich zum Beispiel im Glaubensbekenntnis oder in theologischer Gelehrsamkeit äußert. Die Erfahrung, zu der ein rein mentaler Glaube führen kann, ist lediglich jene von Sicherheit und Trost (deswegen die stets vorgebrachte Religionskritik des „Opium für das Volk“). Man muss dennoch eingestehen, dass gerade in der Vergangenheit, als das Leben mit so viel Verlust einhergegangen ist, der Glaube ein wertvolles Gut war, um die Menschen psychisch stabil zu halten und sie zu befähigen, extreme Lebenssituationen zu bewältigen. Obwohl Sicherheit und Trost keine speziell religiösen Erfahrungen sind, wäre es von unserer sicheren Zeit heraus betrachtet unfair, diese damals so wichtige psychologische Funktion des Glaubens herabzusetzen. 

Heute sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, an dem ein noch nie dagewesener Wohlstand der Masse in Verbindung mit weitläufigen wissenschaftlichen Erklärungen den mentalen Glauben unbedeutend gemacht haben. Hinzu kommt die Offenlegung, wie oberflächlich der Glaube (mit seinen Geboten) sogar in vielen Kirchenmännern verankert war und immer noch ist, was zu diesem immensen moralischen Versagen der gesamten Institution geführt hat. Es wäre also an der Zeit, den absoluten Stellenwert, den der Glaube im traditionellen Christentum innehat, abzumildern und das „Goldene Kalb“ vom Sockel zu stürzen. Denn der maßgebliche Daseinsgrund für religiöse Strömungen sollte sein, den Menschen eine wirklich religiöse Erfahrung zu ermöglichen, und nicht nur eine mentale.

Traditionalismus im Rückwärtsgang

Ein paar Worte zu den ewig Gestrigen, die in der Kirche heimisch sind. Es gibt immer Stimmen, die die altehrwürdige Tradition bewahren wollen und sich Neuem verschließen. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Tradition letztlich aus einer tieferen Erfahrung hervorgegangen ist. Diese wurde in Formen gegossen, um daraus erneute Erfahrung werden zu lassen. Deswegen gibt es die kontinuierlich zelebrierte Messe und die Sakramente, damit den Gläubigen wieder und wieder dieses Erleben nahegebracht wird. Wenn das auch heute noch möglich ist, dann braucht man sich keine Gedanken über den Erhalt irgendeiner Tradition zu machen, dann ist es ein Selbstläufer, denn Menschen wollen mehr und intensiver erfahren. Wenn aber eine Tradition dies nicht mehr zustande bringt, dann besteht kein Grund dafür, leeren Formen nachzutrauern.

Auch ein rückwärtsgewandtes „Jetzt erst recht!“ führt in diesem Sinne nicht weiter. Das Beten des Rosenkranzes in der Öffentlichkeit, das Psalmodieren auf Latein in Klöstern, das Wiederauflebenlassen der ganz konservativen Schiene, wie es manche evangelikale Gruppen für gegeben halten (siehe die Doku „Die hippen Missionare“ oder der Film „Gotteskinder“) – Traditionalismus im Rückwärtsgang.

Die Unzugänglichkeit der Ordensspiritualität

Wenn man nach einer spirituellen Keimzelle fragt, worin noch Potenzial für eine Wiederbelebung des Christentums vorhanden sein könnte, liegt es nahe, an die christlichen Orden zu denken. Aber wie kommt es eigentlich, dass man Spiritualität entwickelt, wenn man Mönch oder Nonne wird? Die monastische Lebensweise wirkt durch die monastische Lebensweise – das christliche Mönchtum kennt keine konkreten Methoden oder Kurskonzepte, die im westlichen Buddhismus oder im Yoga eine viel größere Rolle spielen, sondern eben nur die transformative Wirkung der Selbstaufgabe (Mt 16,24).

Mein Verständnis der zugrundeliegenden Funktionsweise: Totale Selbstverleugnung bedeutet, dass der Mönch oder die Nonne nicht mehr selbstbestimmt leben – ihr tägliches Handeln wird ausschließlich von der Regel und der Weisung des Vorgesetzten bestimmt. Wird dies wirklich befolgt, baut man sich selbst nicht mehr auf, man häuft nichts „Neues“ mehr an, da die eigenen Vorlieben und Abneigungen keine Nahrung mehr erhalten. Es gibt keine nennenswerte Absicht mehr hinter den Handlungen, ebenso wenig wie die Möglichkeit zur Selbstbelohnung oder gar Selbstherrlichkeit. Eigentlich ist dies die einfachste, natürlichste und schönste Art zu leben, ohne Eigenwille, im völligen Einklang mit dem Schöpfer. Man wacht in zeitiger Frühe auf, vollzieht das Gebet, tut beherzt, was gerade zu tun ist, isst die Speisen, die man bekommt, und legt sich abends nieder. 

Die Veränderung kommt daher, dass das Innenleben so beschaffen ist, dass, wenn ein Mensch nichts Neues mehr anhäuft, das Alte seine Haftung verliert und abzufallen beginnt. Es arbeitet sich in Schüben aus, und das sind die Kreuze, die man dann zu tragen bekommt. Wenn ideale Ordensleute beständig und unabhängig von glücklichen oder leidhaften Gemütszuständen ihr tägliches Klosterleben weiterführen, werden sie selbst immer weniger, bis sie eines Tages mit Paulus sagen können: Dann lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.

Früher war die gesellschaftliche Trennung in monastische und familiäre Lebensform ziemlich eindeutig, heute dagegen können auch Weltmenschen die notwendige Zeit für stille Auszeiten aufbringen. Da sie natürlich diese von allem losgelöste Lebensform nicht teilen, wird ihnen auch ein langer Klosteraufenthalt nicht viel Veränderung bringen. Daher ist es für Ordensleute leider nur begrenzt möglich, in dieser Weise für eine innerliche Entwicklung der Gesellschaft zu wirken.

Kontemplation als Erbe und Auftrag

Angelehnt an Sandras Artikel würde ich sagen, dass es im christlichen Kontext nichts „esoterischeres“ gibt als Kontemplation. Sie ist keineswegs etwas Neues, man findet sie bereits im 4. Jh. praktiziert (Cassian, 9. und 10. Unterredung mit den Vätern). Dieses Ruhegebet gilt als Vorform des Jesusgebets, das über das Athoskloster nach Russland gelangte, wo es der Russische Pilger erhielt. Das Hauptzentrum, in dem kontinuierlich Schweigeexerzitien mit dem Herzensgebet abgehalten werden, befindet sich in Deutschland. Ich würde das von Franz Jalics gegründete Haus Gries als Speerspitze der christlichen Kontemplation bezeichnen, obwohl es natürlich auch andere Strömungen gibt. Es würde den Rahmen sprengen, aber man könnte noch detaillierter ausführen, inwiefern Kontemplation und ein entsprechend stimmiges Kurskonzept dem modernen Zeitgeist entgegenkommen (vor allem die Punkte Technikalität, Individualismus und Rationalität würde ich hier nennen).

Die Spaltung überwinden

Das innerliche Schisma, oder die Nicht-Integration von mentalem Glauben und existenzieller Erfahrung, ist aus meiner Sicht der Hauptgrund für die gegenwärtige tiefe Krise des traditionellen Christentums. Diese Spaltung kann auch durch die Ordensspiritualität nicht aufgehoben werden. Die einzige für mich denkbare substanzielle Lösung wäre, die kontemplativen Strömungen ins traditionelle Christentum hineinzuziehen.

Ich hatte eingangs erwähnt, dass mentaler Glaube nur zur Erfahrung von Sicherheit und Trost führt. In einem solchen mehrtägigen Schweigekurs hingegen bekommt jeder Teilnehmer die Möglichkeit, mit seinen tieferen Schichten in Kontakt zu kommen. Latente Tendenzen können zutage treten und sich klären, verdrängte Anteile bewusst gemacht werden, ganz neue Erfahrungen können sich einstellen, wie das Spüren des Herzens in der Brustmitte, ein Vertiefen des Urvertrauens, der Christus-Beziehung usw. Vielleicht wäre die traditionelle Entsprechung dazu die Eucharistische Anbetung, nur habe ich oft das Gefühl, dass viele Betende nicht genau wissen, wie sie diese Zeit für sich angehen sollen. Der große Vorteil eines solchen Kurses ist, dass die Teilnehmer danach eine konkrete Übung an der Hand haben, mit der in der Regel bereits eine Erfahrung verbunden ist, und die man von nun an in seinen Alltag integrieren kann.

Natürlich, Kontemplation ist nicht für jede/n. Auch alle anderen Angebote sind wichtig, und man kann sie als eine stufenweise Hinführung verstehen. Am Anfang sind Andachten wie Nightfire/-fever sehr geeignet, durch die musikalische Qualität und die Atmosphäre des Kirchenraums eine emotionale und gemeinschaftliche Erfahrung zu erzeugen. Bei Taizé-Abenden wird die Musik bereits andächtiger eingesetzt. Auch traditionelle Formen wie das Psalmodieren mit Ordensleuten, gemeinsames Stundengebet, Rosenkranzgebet oder die eingehende Betrachtung biblischer Textpassagen (vgl. Ignatianische Exerzitien) könnte man, wenn sie angenommen werden, einbeziehen. All diese Stufen sind notwendig für eine Annäherung an die stille Kontemplation, und Kontemplationstage oder -wochenenden können auf mehrtägige Schweigeexerzitien vorbereiten.

Es wäre wichtig, dass dies vom „geistlichen Stand“ unserer Gesellschaft mitgetragen würde. Priester und Diakone, Mönche und Nonnen sowie die vielen Nicht-Geweihten engagierten Mitarbeiter sollten eine Kurserfahrung dieser Art gemacht haben, um eine solche „esoterische Akzentverschiebung“ mittragen zu können. Im Hinblick auf unsere Konvente wäre der positive Impuls denkbar, dass eine kontemplative Erfahrung frischen Wind in festgefahrene klösterliche Gemeinschaften bringt, die durch dieses zeitgemäße Element auch für NeuanwärterInnen interessanter werden können.

Mut machende Initiativen wie Kontemplation in Aktion gibt es bereits, und fast alle unserer Klöster hätten die dafür notwendigen Kapazitäten, auch Exerzitienhäuser zu sein. Aber sollte diese „kontemplative Integration“ nicht gelingen, wird nicht nur der Verlust der dafür geeigneten Infrastruktur immer weitergehen, sondern auch der gesellschaftliche Einfluss des traditionellen Christentums würde sträflich ungenutzt bleiben und die Volkskirchen zu einer bereits prophezeiten „kreativen Minderheit“ zusammenschrumpfen. Daher bleibt nur zu hoffen, dass der Aufbruch nach innen nicht ausbleibt.

2 responses to “Die Krise des Christentums: Eine dringende Neubewertung”

  1. Avatar von
    Anonym

    Interessanter Artikel. Meines Erachtens fehlt leider die Unterscheidung von Glaube im Sinne von „für wahr halten von“ und „vertrauen in“. Besser unterschieden im Englischen durch „belief“ und „faith“.
    Von mir aus gesehen sollte das goldene Kalb präziser benannt werden als den „Belief-Aspekt“, die innere Verpflichtung Dogmen, kirchliche Lehre, Unfehlbarkeit der Bibel etc. für wahr zu halten.

    Urvertrauen, Vertrauen in Gott, das Gute, den Urgrund des Seins. der „Faith-Aspekt“ des Glaubens sollte weiterhin durch kirchlich und andere spirituelle Gruppen gefördert und vertieft werden und ist keineswegs ein goldenes Kalb.

    1. Avatar von
      Anonym

      Stimme zu! Nur ist eben mein Eindruck, dass für die Mehrheit zB der Verbleib in der Kirche dadurch motiviert ist, davon Sicherheit und Trost zu erhalten (zB wenn jemand aus der Familie stirbt). Wie gesagt, nichts dagegen, nur fehlt für mich im traditionellen Christentum überhaupt die tiefergehende Perspektive, mehr als das erfahren zu können. „Sein“ ja, aber auch eine praktisches zeitgemäßes „Werden“. Deshalb Kontemplation.

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