Die dunkle Nacht oder: Spiritualität ist kein Wellness

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Derzeit häufen sich, besonders im englischsprachigen Raum, die Artikel darüber, dass Meditation und Achtsamkeit auch schaden kann – besonders wenn eine pure Technik aus einem fremden Kulturkreis wie dem Buddhismus importiert wird, die Ressourcen der entsprechenden Tradition, die Prozesse hilfreich zu begleiten, aber vernachlässigt werden (https://lizbucar.substack.com/p/can-mindfulness-make-you-sick-8-resources).

Tatsächlich kann das, wir Menschen so suchen und anstellen, um erfüllter und ausgeglichener zu sein, uns zunächst erst so richtig ins Unglück hineinreiten: Alte unverarbeitete Gefühle, Erinnerungen, Traumata tauchen auf; selbst unsere Ahnen melden sich, und plötzlich wenden sich selbst die äußeren Umstände zum schlechteren. Was steckt dahinter? Und: Muss das so sein?

Jim Marion erzählt in seinem Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ ausführlich über die „dunklen Nächte“, die er auf seinem persönlichen Weg durchleiden musste. Er erklärt dass damit, dass wir uns bei der spirituellen Arbeit Schicht für Schicht verborgenen Gefühlen stellen. Solche Klärungsprozesse würden häufig auch unfreiwillig durch körperliche Krankheiten oder gewaltsame Ereignisse ausgelöst – es läge also auf der Hand, dass hier spirituelle Techniken vorzuziehen seien. Diese inneren Prozesse spiegelten sich dann auch im Außen wieder:

„Der Verlust von Karriere, Einkommen, Zuhause und Auto ist für die Dunkle Nacht der Seele typisch, denn das Meer aus Negativität, das sich nun auf der bewussten Ebene befindet, zieht auch äußere Folgen nach sich.“ (S. 154)

Der Begriff „Dunkle Nacht“ wurde von dem Mystiker Johannes vom Kreuz geprägt, der ein gleichnamiges Werk verfasst hat. Die dunkle Nacht der Seele (La noche oscura del alma, The Dark Night of the Soul) ist der Titel eines Gedichts sowie der Titel eines längeren Traktates. Das Gedicht schrieb er in den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts, als er auf Veranlassung seines Ordens in Toledo im Kerker des Ordens inhaftiert war.

Das heißt, er saß im Dunkeln, konnte sich kaum bewegen, hatte kaum etwas zu essen: „Dunkle Nacht“ ist alles andere als eine bloße Metapher. Und dennoch entdeckt Johannes vom Kreuz ausgerechnet in diesen Umständen sein inneres Licht:

[...] Geheim, in Zauberringen
der Dunkelheit, wo mich kein Blick erkannte, wo ich nichts sah von Dingen
und nichts mir Strahlen sandte
als jenes Leitlicht, das im Herzen brannte! [...]

Der Heilige bleibt neun Monate lang eingekerkert – ohne Kleiderwechsel, Gespräche und geistigen Beistand. In der Nacht vom 16. auf den 17. August 1578 gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in das Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen Toledos. […] Die neunmonatige Zeit im Kerker erlebt Johannes neben dem Schrecken des „horror vacui“ – dem Schrecken der Leere – als eine Zeit der Reinigung.

https://www.deutschlandfunk.de/johannes-vom-kreuz-die-dunkle-nacht-der-seele-100.html

Aus seiner Sicht durchläuft der christliche Mystiker äußerst qualvolle Lebensphasen, bis er schließlich in dauerhafter Verbundenheit (Unio) mit Gott lebt.

Wir könnte auch sagen: Auf einem spirituellen Weg geraten wir nahezu automatisch in die eine oder andere spirituelle Krise. Das liegt daran, dass wir uns bewusst für inneres Wachstum entschieden haben.

Er unterscheidet dabei eine Nacht der Sinne und eine Nacht des Geistes. Erstere werde von vielen durchlitten, letztere nur von wenigen.

  1. Nach der ersten Bekehrung wird die Seele von Gott genährt und erlebt Trost in spirituellen Übungen.
  2. Mit der Zeit wird die Seele von diesen Trostquellen entwöhnt, um sie auf eine tiefere spirituelle Ebene vorzubereiten – Trockenheit, Trostlosigkeit und Mangel an Freude sind die Folge. Die Dunkelheit, die die Seele durchlebt, ist eine Art der Reinigung von Unvollkommenheiten und Schwächen: Stolz auf spirituelle Fortschritte, Gier nach Trost, spirituelle Unruhe und Ungeduld etc. Es geht um eine schmerzhafte Transformation: Die Seele wird durch eine tiefe innere Reinigung von ihren natürlichen Begierden und Anhaftungen befreit. Das geht einher mit intensiven innere Qualen und einem Gefühl der Gottverlassenheit. Die Phase fördert die Entwicklung von Tugenden wie Glaube, Liebe, Hoffnung, Demut.

„Diese Dunkelheit sollte so lange andauern, wie es nötig ist, um die Gewohnheit zu vertreiben und zu vernichten, die die Seele seit langem in ihrer Art des Verstehens entwickelt hat, und dann werden das göttliche Licht und die Erleuchtung ihren Platz einnehmen.“

Johannes vom Kreuz, Die Dunkle Nacht der Seele, Kapitel 9,3

Auch Robert Assagioli, der Begründer der Psychosynthese, nennt den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“ und charakterisiert ihn ähnlich wie Johannes vom Kreuz. Diese Phase sei durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

Es handelt sich um eine Neustrukturierung der eigenen Identität, die normalerweise auf die Erfahrung der Erleuchtung oder Vereinigung mit dem Göttlichen erfolgt. Diese kann unter Umständen tiefe, schmerzhafte Heilungsprozesse anstoßen.

„Die Merkmale dieses Zustands ähneln stark denjenigen einer Depression: eine tiefe Niedergeschlagenheit bis hin zur Verzweiflung; ein heftiges Gefühl der eigenen Würdelosigkeit; eine starke Tendenz zur Selbstkritik und Selbstverdammung, die manchmal bis zu der Überzeugung reichen kann, verloren und verurteilt zu sein; ein qualvolles Gefühl der geistigen Ohnmacht; die Schwächung des Willens und der Selbstbeherrschung; ein Widerwille und eine weitgehende Handlungsunfähigkeit.“

Roberto Assagioli, Psychosynthese und transpersonale
Entwicklung, Paderborn 1992, 142-143.

Dr. Jeffrey A. Martin, der von den USA aus weltweit Erleuchtungs- und Erwachensprozesse erforscht, stellt ebenfalls fest, dass es immer wieder zu dem Phänomen der sog. „Dunklen Nacht“ käme. Besonders dann, wenn eine spirituelle oder psychologische Methode sich als hoch wirksam erweise und sich der Zustand „davor“ und „danach“ stark unterscheide.

Das erscheint logisch, wenn es sich um innere Reinigung- und Klärungsprozesse handelt: Je mehr schmerzhafte Gefühle im Verborgenen liegen, je mehr Anhaftung an bestimmte Gefühle, Verhaltensmuster, Menschen oder Dinge vorhanden ist, desto länger dauert die Heilung und Befreiung.

Fazit: Dunkle Nächte müssen wohl sein. Das Leben in seiner „Fülle“ schließt schmerzhafte Erfahrungen nicht aus, sondern ein, führt aber nach und nach über diese hinaus zu einem Erleben von Non-dualität, All-Einheit, Seligkeit.

Und wir machen das nicht nur für uns alleine: Alles, was uns reinigt, reinigt auch das Kollektiv, alles, wo wir uns befreien, befreien wir das Kollektiv.

Kennt ihr selbst Phasen in eurem Leben, die ihr als „Dunkle Nacht“ oder „spirituelle Krise“ bezeichnen würdet? Was hat sich in dieser Phase verändert?

Ein spannender (englischsprachiger) Artikel dazu:

https://kennethsorensen.dk/en/glossary/dark-night-of-the-soul

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