Eine weitere Hilfe zum Verständnis schwieriger Zusammenhänge ist das Bild der „drei Gesichter Gottes“. Wie man „Gott“, „das Göttliche“ sieht, sich vorstellt, deutet, erlebt, hängt sowohl davon ab, auf welcher Stufe man sich befindet, als auch davon, welche Zustände man erlebt hat.
Gott, oder der GEIST, in der dritten Person, als „Es“ taucht mehrmals in der religiösen Entwicklungsgeschichte auf: Als der unbegreifliche, unverständliche, allmächtige Schöpfergott des Alten Testamentes, von dem man sich kein Bild machen darf. Oder als die abstrakte Wirkmacht, der Seinsgrund, die verborgene Triebfeder, die auf der rationalen Ebene möglicherweise hinter aller Entwicklung steht. Der „kosmische Christus“ ist ein ähnlich abstraktes Bild. Mit diesem Gott kann keine persönliche Beziehung eingegangen werden. Er steht mir als das „absolut Andere“ gegenüber. Mit ähnlichen Begriffen wird das „Göttliche“ auch auf den höheren Entwicklungsstufen interpretiert. Sie resultieren zum Beispiel aus Erfahrungen des dritten Versenkungsgrades.
Gott, oder der GEIST, in der zweiten Person, als „Du“ kann im christlichen Zusammenhang auf mehrere Weisen erfahren werden. Als Gott-Vater (oder Mutter), der zugängliche Gott als persönliches Gegenüber, der ansprechbar ist und antwortet. Oder als unser Bruder, Lehrer und Meister Jesus, der immer an unserer Seite geht. Vielleicht auch als Maria, oder den Heiligen, oder seelische Führer, die unsere Gebete erhören und uns antworten. Dieses Arten von Gottesbildern sind vor allem auf der traditionellen, blauen Stufe, sowie in abgewandelter Form auf der grünen und gelben Stufe wichtig. Sie können zum Beispiel aus Erfahrungen des zweiten Versenkungsgrades entstehen.
Gott, oder der GEIST, in der ersten Person, als „Ich“ ist ein schwieriges Thema, da eine Vermischung von Schöpfung und Schöpfer in vielen theologischen Interpretationen und vor allem im Islam als unmöglich und gotteslästerlich galt und vielfach noch gilt. Und doch gab es in den drei monotheistischen Religionen schon immer Menschen, die genau das erfahren haben: Mein tiefster Wesenskern ist identisch mit Gott. „Ich und der Vater sind eins, und auch ihr sollt eins sein mit dem Vater!“ („Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30), „…dass sie eins seien wie wir!“ (Joh 17,11))
In der „unio mystica“ verschwindet die Grenze zwischen Gott und Ich. Manche Mystikerinnen sprachen von Gott in erotischen Bildern, in denen sie sich mit Gott vereinigten. Im orthodoxen Christentum wird der Weg als „Theosis“ beschrieben, als Gottwerdung des Menschen. Im Buddhismus ist die Erleuchtung, das Erleben des Einsseins, klares Ziel.
Die Realität der Einheit kann im vierten Versenkungsgrad der Nondualität erfahren werden.
Wie diese drei Gesichter mit der Trinität in Beziehung stehen, dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:
Gott, der Vater = du – das göttliche Gegenüber
Gott, der Sohn = ich – Gott wird Mensch und der Mensch wird Gott
Gott, der Heilige Geist = es – die unverständlichste, abstrakteste Person der Trinität
Gott, der Vater = Es – der unbegreifliche Urgrund
Gott, der Sohn = Du – Jesus als die verständliche, greifbare Weise Gottes
Gott, der Heilige Geist = Ich – die Kraft des Geistes hilft mir, mich Gott zu nähern
Auch wenn es mit den drei Gesichtern Gottes eine gewisse „Hierarchie“, oder Fortentwicklung des Gottesbildes zu geben scheint, so sind doch alle drei Gesichter gleichermaßen richtig und wichtig. Das Göttliche kann in jeder Form erfahren werden. Und da wir uns nicht nur auf einer Ebene befinden, sondern je nach Lebenssituation alle (unteren) Ebenen erfahren und Bedürfnisse auf allen Ebenen erleben, so ist es völlig in Ordnung, wenn unser inneres Kind zum Gott als Du ruft, aber auch, wenn wir im Self parenting gegenüber unserem inneren Kind die Rolle von Gott als Ich annehmen. Oder mit Gott oder Jesus an unserer Seite zuversichtlich durchs Leben gehen. Oder wenn wir in gefühlvollen Augenblicken Gott als Geliebtem empfinden, mit dem wir eine innige Beziehung eingehen. Oder wir auf einem Berggipfel hingerissen die im Detail unverständlichen Wunder der Schöpfung betrachten. Oder wir uns für die Gaben des Heiligen Geistes öffnen…
Auch dies bedeutet, sich in Harmonie und Wertschätzung durch alle Stufen bewegen zu können.
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