Ken Wilber regt dazu an, bei der „spirituellen Intelligenz“ zwei Entwicklungen zu unterscheiden, den Bereich des „Aufwachsens (grow up)“ und den des „Aufwachens (wake up).“

Erstere läuft durch die beschriebenen Ebenen hindurch (Beige, Purpur, Blau, Orange usw.). Es ist die Entwicklung der Reflexion, also des kritischen Nachdenkens, z.B. über die Dogmen einer Religion, ihre Werte, aber auch Selbstreflexion, Wertebewusstsein, etc. Diese findet das ganze Leben über statt, also während unseres „Aufwachsens“ und kann sich zunehmend vertiefen und verfeinern. Unsere Urteile werden dabei genauer, kenntnisreicher, aber auch vorsichtiger und differenzierter.
Bei der zweiten Linie könnte man von einer zunehmenden Erfahrung in verschiedenen Bewusstseinszuständen sprechen. (Mehr hierzu auch im Menüpunkt „Zustände“). Denn in den Bereich des „Aufwachens“ fällt die gezielte Schulung in den verschiedenen Bewusstseinszuständen, wie es in der kontemplativen Praxis geschieht: Die feinere Wahrnehmung des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins durch Achtsamkeit, die Fähigkeit, gezielt in ein Zeugenbewusstsein einzutreten, also sich quasi von der Seite her „über die Schulter zu schauen“, das Auftreten von einem erhöhten Bewusstsein, z.B. während sog. Gipfelerfahrungen oder Visionen, oder verbunden mit besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten wie Herzensschau oder Klar/Hellsicht, bis zu einem erleuchteten Einheitsbewusstsein mit dem Göttlichen und schließlich nondualen Bewusstsein, in dem jedes Gefühl des Getrenntseins aufgehoben ist und das Subjekt selbst verschwindet.
Häufig klafften diese zwei Bereiche der spirituellen Intelligenz auseinander: das abstrakte Wissen und Reflektieren über die eigene Religion kann hoch entwickelt sein, auch wenn jegliche eigene spirituelle Erfahrung fehlt.
Dass das problematisch ist, müsste eigentlich jedem klar sein, ist es aber offensichtlich nicht: Viele fürchten eigene Erfahrungen, weil diese sie zum Zweifeln bringen könnten oder sie halten sich selbst und andere Zeitgenossen für „unwürdig“, besondere religiöse Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel Jesus wirklich zu begegnen. Wenn jedoch die Anbindung der behaupteten Inhalte an eigenes Erleben fehlt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese bald leer und unverständlich werden. Denn eigentlich bedingen sich Dogma, also die Lehre eines Glaubensinhaltes, und die Kontemplation, die Erfahrung des Geglaubten, gegenseitig: Der spirituelle Meister kann nur das wirklich lehren, was er selbst erfahren und als wahr erkannt hat.
Umgekehrt gilt aber auch: Auch ein geübter spiritueller Meister, also ein Mensch, der sehr viel Erfahrungen mit dem Göttlichen macht, kann intolerant und starr in seinem Denken bleiben, wenn er sich im Bereich der Reflexion, des Nachdenkens nicht weiterentwickelt. Für ihn ist dann beispielsweise alles, was er erfährt, Jesus – und er weigert sich anzuerkennen, dass andere dieses Etwas, dass er erfährt, möglicherweise „Buddha“ nennen und damit ebenfalls Recht haben könnten.
Jim Marion stellt in seinem Buch „Der Weg zum Christusbewusstsein“ die These auf, dass der Pfad Jesus sowohl eine kognitive als auch emotionale Entwicklung lehre: Ein Mensch müsse nicht nur im Geist „erleuchtet“ werden, d.h. verstehen, dass er eins mit Gott sei, sondern auch psychologische Ganzheit erlangen, d.h. nach und nach durch kontemplative Praxis und harte Arbeit an sich selbst die negativen wie positiven Seiten, die bewussten wie unbewussten Seiten wie auch seine weiblichen und männlichen Aspekte miteinander versöhnen. Für ihn ist „Erleuchtung“ oder spirituelle Entwicklung wesentlich die Heilung innerer Wunden, die daran hindern, die Welt und sich selbst in ihrer Verbundenheit mit Gott wahrzunehmen.
Andere, wie z.B. Küstenmacher und Haberer in „Gott 9.0“ fügen diesen zwei Entwicklungslinien eine dritte hinzu: Die des Wollens oder Willens. Die spirituelle Linie definieren sie als das „Streben nach Ganzheit“, dass diese drei Bereiche miteinander verbindet. Die Mystikerin und Theologieprofessorin Sabine Bobert verbindet in ihrer Technik ebenfalls die drei Bereiche des „Denkens, Fühlens und Wollens“.
Das Wissen um die „Entwicklungslinien“ erklärt also nicht nur, dass es durchaus möglich ist, „geistlich zu wachsen“, sondern hilft uns auch zu verstehen, wo und wodurch geistliches Wachstum stattfindet. Es kann aber ebenso gezielt in der Gemeindeentwicklung angewandt werden:
Marion Küstenmacher stellt in „Integrales Christentum“ ebenfalls fest, dass Gemeinden unterschiedlich mit bestimmten Entwicklungslinien umgehen. Entweder sie bremsen die Entwicklung auf einem Gebiet, z.B. dem spirituellen, indem sie diese nur bis zu einer bestimmten Stufe, wie BLAU oder ORANGE, zulassen. Oder sie verhindern durch Verdrängung die Entwicklung in bestimmten Bereichen gänzlich, wie z.B. die psychosexuelle Entwicklung.
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