Gastartikel von Eduard Fassel
Wenn wir von „Gedächtnis“ oder „Erinnerung“ sprechen, verbinden wir diese in erster Linie damit, was in unserem Verstand abgespeichert ist. Es kann jedoch gut sein, dass das Ausmaß an Erinnerung, die unser Körper in sich trägt, das des Verstandes um ein Vielfaches übersteigt. Ganz grundsätzlich ist da einmal die evolutionäre Erinnerung, die aus zwei Zellen diesen derart ausgeklügelten menschlichen Mechanismus entstehen lässt. Ein Entwicklungsprozess, der sich über Milliarden Jahre erstreckt hat, kann so wie im Zeitraffer ablaufen. Dann ist da die genetische Erinnerung, wodurch sich unsere Vorfahren in unserem Körper wiederfinden, und sei es nur in der Form, Farbe und Größe unserer persönlichen Erscheinung… Das nur vorausgeschickt, da diesem körperlichen Aspekt für gewöhnlich wenig Beachtung geschenkt wird. Hier soll es nun einfach um die Art der Körpererinnerung gehen, die wir durch Berührung ständig neu aufbauen, und um deren Folgen für den Umgang mit der Sexualität.
Um es nochmals deutlich zu machen: Die Erinnerung des Körpers ist eine eigenständige und vom Verstand unabhängige. Angenommen, man gibt fünf Personen jeden Tag die Hand. Nach zwei Wochen kommt eine dieser fünf und berührt einen am Rücken, und ohne sich umzudrehen, ist es möglich zu wissen, wer es ist. Der Körper erinnert sich.
Generell ist das Ansammeln von Erinnerung für uns ausschließlich additiv, es ist eine ständige Hinzufügung. Vielleicht erinnern wir uns nicht mehr bewusst an etwas, aber würde uns jemand hypnotisieren, könnten wir wahrscheinlich detailliert berichten, was wir an jenem bestimmten Tag gemacht haben. Das will sagen: Alles, mit dem wir in Kontakt kommen, nehmen wir auf (was vage erahnen lässt, welches ungeheure Ausmaß „Erinnerung“ in uns hat).
Beim Körper verhält es sich ebenso. Er ist wie ein permanenter Rekorder, der jede Berührung aufzeichnet. Dieser Eindruck kann danach also nicht einfach wieder abgewaschen werden. Kulturell wird damit sehr unterschiedlich umgegangen, was man daran sieht, wie sich die Menschen begrüßen: In manchen Ländern wird geküsst und umarmt, während man sich beispielsweise in Indien nur mit gefalteten Händen begegnet – einmal um möglichst viel, andermal um möglichst wenig körperliche Gemeinsamkeit zu erzeugen. Je mehr sich die eigene Wahrnehmung verfeinert, desto sensibler wird man dafür und desto weniger ist man auf diesen Kontakt aus. Ein Mönch sagte mir sogar, dass es ihm unangenehm ist, wenn seine Kleidung zusammen mit der einer anderen Person gewaschen wird (was daran liegt, dass die Art des eigenen Körpers auch in die Kleidung eingeht).
Eine besonders großflächige und starke Erinnerung entsteht beim intimen Zusammensein in den beteiligten Körpern. Die Partner erzeugen dabei eine konkrete physische Gemeinsamkeit, die im Positiven die eheliche Bande stärkt. Sobald es aber ein gewisses Maß übersteigt, kann es für einen Menschen irgendwie unangenehm werden. Genauso, wie wir durcheinander kommen, wenn zu viele unterschiedliche Informationen auf uns einprasseln, wird auch der Körper durch zu viele verschiedene Eindrücke verwirrt. Es ist diese Tatsache, die gegen Polygamie spricht.
Was die Kirche also früher (aus welchen Motiven auch immer) in Verbindung mit Sünde und Schuld als moralisches Problem hingestellt hat, ist in Wirklichkeit zuallererst ein leibhaftiges – es geht dabei für jeden Menschen darum, trotz seiner sexuellen Bedürfnisse seine körperliche Integrität zu bewahren. Schiebt er alle Einschränkungen beiseite und überhört er alle körperlichen Signale, dann ist ein gutes Leben schwer vorstellbar, da es nun mal um die physische Plattform geht, auf deren Grundlage wir in der Welt tätig sind. Deshalb ist es wichtig, sie klar und stabil zu erhalten.
Es liegt für mich auf der Hand, dass die Tradition darum wusste oder zumindest Elemente besitzt, die dieser Erfahrung Rechnung tragen. Das eben Gesagte wäre zum Beispiel eine handfeste Erklärung für die traditionelle Vorgabe, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Was sie der Gesellschaft damit sagt ist: Haltet eure Körpererinnerung möglichst einfach! Auch wirft es ein erhellendes Licht auf die traditionelle Sichtweise, eine Jungfrau als rein zu betrachten. Während eine „Reinheit“ in Bezug auf ihre Gedanken nur vermutet werden kann, ist sie mit Sicherheit hinsichtlich des Körpers zu würdigen, da dieser tatsächlich (wie es im alten Sprachgebrauch heißt) „unbefleckt“ ist. Mir scheint, die Tradition ist oft wie eine alte Großmutter, die allen sagt: Macht es so, dann lebt ihr gut! Das Problem ist nur, dass mit der Zeit die Erfahrung verloren geht und sie sich nicht erklären kann. Die Jüngeren möchten dann irgendwann selbstbestimmter werden und gewisse Grenzen überschreiten, ohne dafür die nötige Bewusstheit zu besitzen, nicht einmal in Bezug auf ihren eigenen Körper. Erscheinungen wie der „One night stand“ sind daher eben kein echter Ausdruck von Freiheit, sondern eine Übertreibung der Moderne, die durch die vielen Partnerwechsel (natürlich auch je nach Grad der Intimität) viel persönlichen Schaden anrichten kann.
Wissenschaftlich ist der Bereich der Körpererinnerung nur wenig erforscht, und auch in der Schule wird sich Sexualkunde um andere Dinge drehen. Es wäre aber wichtig, gerade junge Menschen für ihre körperliche Integrität zu sensibilisieren – natürlich nie moralisch, sondern einfach so, wie es ist:
https://www.kleinezeitung.at/lebensart/gesundheit/5876366/Schmerzen-verstehen_Koerpergedaechtnis_Warum-unser-Koerper-nicht
Das Körpergedächtnis kann auch genutzt werden, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten:
https://www.gezeitenhaus.de/blog/somatic-experiencing-kommunikation-mit-dem-koerpergedaechtnis/
Bessel van der Kolk, Das Trauma in dir: Wie der Körper den Schrecken festhält und wie wir heilen können (The Body Keeps the Score), 2023.
Bild: Pexels, Clara Ngo.
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