Patanjali meets Moses – oder die 5 Großen Universellen Gelübde

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Gastartikel von Eduard Fassel

Regeln, Gebote, Verbote – davon gibt es in der Religionslandschaft wahrlich genügend. Obwohl wir ja gerade in Deutschland Regelungen nicht grundsätzlich abgeneigt sind, erschienen mir die religiösen immer wie ein großes Dickicht, wodurch sich für mich eine uneingeschränkte Akzeptanz dieser Regellisten stets in Grenzen hielt. Ein wenig entwirrt wurde es, als ich die fünf Tugendsätze bei Patanjali las (Patanjali gilt als der „Godfather“ des Yoga mit sehr hohem Stellenwert). Diese waren für mich wohl deswegen nachvollziehbarer, weil sie universelle Gültigkeit haben sollen. Dann fiel mir auf, dass sie auch in den 10 Geboten enthalten sind. Über diese fünf schreibt Patanjali:

„Diese Grundregeln sind nicht durch soziale Schicht, Ort, Zeit oder Umstände bedingt. Sie gelten für alle Ebenen und bilden das große universelle Gelübde.“ (Yogasutras, 2. Kapitel, Vers 31)

Gemessen an diesem Anspruch sind bei Moses ein paar Abstriche zu machen. Die ersten drei seiner Gebote sind monotheistischer Natur und damit nicht allgemeingültig (siehe die verschiedenen Gottesbilder in der integralen Sicht). Auch das vierte trifft es nicht ganz. Gerade der Zusatz „…damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!“ (Ex 20,12; Dt 5,16) weist darauf hin, dass es dabei nicht nur um ein respektvolles familiäres Miteinander geht, sondern auch um die Bewahrung der jüdischen Tradition. Den Eltern und Vorfahren Ehre, Liebe und Dank zu erweisen hat als Gebot eine sehr konservative Note. In der Praxis bedeutet es, dass die Jüngeren sich ihnen unterordnen und so das Alte stetig wiederholt und nichts Neues herangelassen wird. Einen universellen Charakter hat also auch dieses Gebot nicht.

1) Das Gelübde des Nicht-Verletzens („Du sollst nicht töten“)

Hier steigt Patanjali mit ein. Besonders gefällt mir bei ihm, dass er jeden Tugendsatz in die Maxime führt: Was passiert, wenn dieses Gebot voll und ganz verinnerlicht wurde? So verbindet er das Ge- oder Verbot mit seinen positiven Folgen, die einen am Ende erwarten. Zu diesem schreibt er:

Wenn Nichtverletzen fest begründet ist, wird Feindschaft in seiner Gegenwart aufgegeben.“ (II. 35)

Ein Kommentator fügt hinzu (die Yogasutras wurden über die Jahrhunderte mehrfach kommentiert), dass selbst wilde Tiere in der Gegenwart eines solchen Menschen zahm werden. Man kennt das aus den Heiligenlegenden, wenn zum Beispiel die Löwen in der römischen Arena die Märtyrer nicht anfielen. Hier ist die Ausstrahlung gemeint, die ein völlig friedfertiger Mensch auf seine Umwelt hat. Tritt ihm dennoch Feindschaft entgegen, so sieht er seine Feinde nicht als Feinde (vgl. die Worte Jesu am Kreuz).

2) Das Gelübde der Wahrhaftigkeit („Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“)

Hier soll es nicht nur um die schlichte Lüge gehen, sondern universeller um Wahrhaftigkeit. Sicher, ein Mensch sollte in Gedanken, Worten und Werken wahrhaftig sein. Aber warum eigentlich? Lügen ist nicht so einfach wie man denkt. Es wäre natürlich sehr anstrengend, ein soziales Lügengeflecht aufrechtzuerhalten. Aber „Wahrhaftigkeit“ kann man auch subtiler verstehen. Bereits wenn es einem darum geht, ein bestimmtes Selbstbild nach außen hin zu erschaffen, benötigt das viel Energie. Es bedeutet also auch, authentisch zu sein und nicht zu versuchen, eigene Schwächen zu überspielen. Wenn man möchte, könnte man dieses Gebot sogar bis ins Unbewusste hinein ausweiten, denn Verdrängung kann eben auch eine (wenn auch manchmal vorerst notwendige) Art der Wahrheitsleugnung sein, die viel psychische Energie zieht. Patanjali folgert daraus diese Maxime:

„Wenn Wahrhaftigkeit fest begründet ist, erlangt man die Frucht der Handlung, ohne zu handeln.“ (II. 36)

Was er damit sagen will ist, dass es einem solchen Menschen möglich wird, Dinge allein durch das, was er denkt oder sagt, geschehen zu lassen. Wahrhaftigkeit kann also zu einer solchen Zentrierung und Anziehungskraft führen, dass was immer man sucht, automatisch in das eigene Leben tritt. Zugegeben eine ziemliche Superhelden-Eigenschaft (vielleicht wie in Mt 17,27).

3) Du sollst nicht stehlen

Niemand sollte für sich etwas in Anspruch nehmen, das ihm nicht zusteht. Und niemand sollte zu viel Reichtum und zu viele Güter horten, und diese dem Lebensfluss entziehen. Das Gegenteil des Stehlens und Hortens ist selbstlose Freigiebigkeit. Die Maxime lässt sich bereits erahnen und erinnert an „dann wird euch alles andere dazugegeben“:

„Ist Nichtstehlen fest begründet, kommen alle Kostbarkeiten wie von selbst.“ (II. 37)

Es hört sich wirklich so an, als würde dann das Leben selbst für einen solchen Menschen sorgen.

4) Das Gelübde der Enthaltsamkeit („Du sollst nicht ehebrechen“)

Dieses Gebot kann von einer rein ehelichen Verpflichtung zur Enthaltsamkeit hin geweitet werden. Im monotheistischen Kontext wird sie meist damit begründet, dass nur so eine ungeteilte Hingabe an Gott möglich ist (KKK 491). Natürlich zerstreuen sexuelle Fantasien den Geist, aber auch und gerade der Verlust der „Kraft“ (wie es in Dt 6,5 heißt) durch den körperlichen Akt darf nicht unterschätzt werden. Allein aus biologischer Sicht ist klar, dass die Produktion einer Samenzelle, die ein neues Leben erschaffen kann, um ein Vielfaches mehr Energie erfordert als zum Beispiel die Nachbildung einer Hautzelle. Und auch auf gedanklicher und emotionaler Ebene kann Energie aufgespart werden, wenn man sich nicht immer alle Wünsche erfüllt und allen Impulsen nachgibt. Um innerlich voranzukommen ist nunmal ein gewisses Energieniveau vonnöten, manche sprechen auch von einer Sublimierung der Energie. Die Maxime lautet daher:

„Ist Enthaltsamkeit fest begründet, erlangt man große Lebenskraft“ (II. 38)

5) Das Gelübde der Unbestechlichkeit („Du sollst nicht begehren …, was dein Nächster hat“)

Das neunte und zehnte Gebot bei Moses gehen in dieselbe Richtung und lassen sich sehr treffend als Aufforderung zur Unbestechlichkeit zusammenfassen. Je mehr Bestechlichkeit es in Wirtschaft und Politik gibt, desto schlechter steht es um diese Gesellschaft, weil die Ausrichtung auf das Allgemeinwohl verloren geht. Ein grundsätzlicher Aspekt dabei ist das Annehmen von Geschenken. Dies öffnet Tür und Tor für Verpflichtungen und Abhängigkeiten, die ein neutrales Handeln torpedieren. Ein anderer Aspekt davon ist die Gewinnsucht, also ein unersättliches Streben nach immer mehr (eben Häuser, Frauen…, oder zumindest ein bisschen mehr, als der Nachbar = dein Nächster hat). Die hochinteressante Maxime lautet:

„Ist Unbestechlichkeit fest begründet, versteht man den Sinn des Lebens.“ (II. 39)

Angenommen der Weg nach Hause führt durch ein Einkaufszentrum. Da gibt es welche, die gehen schnurstracks hindurch, völlig unbeeindruckt. Andere lassen ihre Blicke schweifen und verweilen immer mal an einem der Schaufenster. Andere wiederum gehen dann in alle möglichen Geschäfte, verbringen den ganzen Tag dort und kommen erst viel später mit ihren Einkäufen wieder heraus. Patanjalis Maxime bezieht sich natürlich auf Erstere. Da ist nichts, was einen solchen Menschen anzieht, sein Weg ist gerade, sein Urteil objektiv. Keine Geschenke anzunehmen (soweit es sozialverträglich ist) und nicht zu denken, durch Äußerliches etwas gewinnen zu können, läutert also die Gesinnung. Und wenn es auf dem Lebenskorridor an den Seiten keine Fenster gibt, sieht man bis ans Ende – man kennt den Sinn des Lebens.

Noch ein Nachtrag zum Schluss: Der monotheistische Kontext neigt dazu, die Perspektive der Gläubigen auf das Halten der Gebote und die Vermeidung der Sünde zu verengen. Das spirituelle Ziel ist jedoch etwas völlig anderes, weswegen Tugendhaftigkeit nur den Beginn markiert. Sie ist kein Ziel an sich, sondern das solide Fundament, das nötig ist, um darauf weiter voranzuschreiten. Patanjali beispielsweise lehrte einen achtfachen Pfad, auf dem die hier erwähnten universellen Gebote im Umgang mit anderen nur den ersten Schritt ausmachen.

Was machst du persönlich aus den zehn Geboten Mose – wie verstehst du sie? Spielen sie eine Rolle in deinem Leben?

Quellen:

https://schriften.yoga-vidya.de/patanjali-raja-yoga-sutra/category/sadhana-pada/2-kapitel-verse-31-40

https://www.ekd.de/Zehn-Gebote-10802.htm

Bildquelle: KI

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