Gastartikel von Eduard Fassel
Dieses Thema beginne ich am besten mit der seltsamen Textstelle, die es weiß Gott wie ins Johannesevangelium geschafft hat: Im Anfang war das Wort. Der ganze Absatz, der sich nicht recht in das Gesamtwerk einfügen will, wirkt eher kryptisch. Da es aber einer Erklärung bedarf, erfolgt die Deutung gemeinhin über den Glauben. Beim Jesusgebet beispielsweise wird der Atem mit dem Namen Jesu Christi verbunden. Dieser ist „das Wort“.
Es gibt aber noch eine ganz andere Möglichkeit, ein Wort zu betrachten, wofür man ein wenig ausholen muss. Heute ist es in der Quantenphysik ein anerkanntes, wenn auch gewöhnungsbedürftiges Phänomen, dass dasselbe „Ding“ sich einmal wie ein Teilchen und andermal wie eine Welle verhält (der sog. Welle-Teilchen-Dualismus). Das heißt, dass auch das, was wir als feststofflich sehen oder ertasten, zugleich in Wellenform besteht. Jede Welle oder Schwingung ist zugleich ein Klang. Das bedeutet wiederum, dass alles – ein Stein, ein Tisch, ein Pferd – seinen eigenen Klang hat.
Es heißt, dass dieses Phänomen in der Vergangenheit sogar einmal in Sprache gegossen wurde. Die deutsche Sprache gehört den indogermanischen an, die sich aus dem Sanskrit entwickelt haben. Eben diese indische Ursprache soll nicht gedanklicher, sondern existenzieller Natur sein. Da es dort viele Menschen gegeben hat, die ihre Wahrnehmungsfähigkeit über das gewöhnliche Maß hinaus gesteigert haben, war es ihnen möglich, auch Dinge und Menschen in Klangform zu hören, woraus sich dann deren Bezeichnung ganz natürlich ergab. Das ist der Unterschied zwischen einer gedanklichen und einer existenziellen Sprache.
Der eigentliche interessante Punkt dabei ist, dass wenn die erzeugte Schwingung mit der Schwingung der Form übereinstimmt, es möglich ist, Einfluss auf diese Form zu nehmen. Dazu gibt es ein bekanntes Beispiel aus dem Physikunterricht: Eine Militäreinheit muss eine Brücke überqueren. Zuerst fahren die Panzer, und die Brücke hält stand. Dann kommen die viel leichteren Soldaten. Wie es der Zufall will, erzeugt ihr Gleichschritt aber genau die Vibration, die mit der Eigenschwingung der Brücke übereinstimmt, und sie stürzt in sich zusammen. Ganz ähnlich, nur auf klangliche Weise, kann man sich die biblische Geschichte von Josuas Einnahme der Stadt Jericho vorstellen: sie bliesen die Hörner, das Volk brach in lautes Geschrei aus, und die Stadtmauern stürzten ein.
Da unserer Kultur die entsprechende Anwendung eines Klangs auf eine Form fremd ist, dies aber in den alten Kulturen durchaus präsent war, möchte ich noch ein paar weitere Beispiele dafür nennen: – Im alten Indien erhielten Neugeborene von Weisen zusätzlich einen Sanskritnamen. Dieser mit der Beschaffenheit des Menschen „resonierende“ Klang erzeugt jedesmal, wenn die Eltern ihn bei diesem Namen rufen, eine Art subtiler Öffnung in dem Kind. – Die Gesänge der Indianer haben etwas gleichförmig Monotones, ganz so wie die flache Prärie Nordamerikas. Manchen Medizinmännern soll es darüber sogar möglich gewesen sein, mit dem Klang zu „reisen“ und das Land auf weite Entfernung hin zu „erspüren“. – In Europa gehört der aus Skandinavien stammende Joik zu den ältesten Volksmusikformen, bei dem der Klang wichtiger war als die Worte. So konnten auch Berge oder Menschen „gejoikt“ werden…
Die Wechselwirkung aus Klang und Form liegt natürlich der Wirkungsweise von Mantras zugrunde. Im Gegensatz zur Rezitation, bei der es darum geht, eine inhaltlich aufgeladene, immer gleiche Gedankenwelle zu erzeugen, kommt es bei einem Mantra nur auf den Klang an. Da ich nicht zu viel auf die indische Kultur eingehen will (aber doch nicht um sie herumkomme), wieder zurück zum Anfang – also ganz zurück zum Anbeginn der Schöpfung: Was war oder ist denn nun dieses allererste Wort, die allererste Schwingung oder Manifestation in dieser Welt? Bewusste Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, diesen Klang tatsächlich innerlich zu hören, sagen, es ist nicht „OM“. Das sei eine Verzerrung, die in Indien selbst stattgefunden habe. Auch entspricht es nicht exakt dem christlichen Grundwort „AMen“ (Amin, etc.), sondern der Lautfolge, die entsteht, wenn man den Mund schließt, ohne die Zunge zu benutzen: A-U-M.
Vielleicht ist es ein wenig nachvollziehbar geworden, dass ein Klang mehr sein kann als nur Informationsübermittlung oder Unterhaltung. Bestimmte Klänge haben bestimmte Wirkungen. Im Falle des „Wortes“ wäre dies vor allem eine Stabilisierung des gesamten physisch-psychischen Systems, da ein solcher Urklang nunmal die Grundlage einer jeden Existenz und damit auch eines jeden Menschen ist. Bei wiederholter Intonierung über längere Zeit kann es bei Angszuständen, Aufmerksamkeitsstörungen, Alpträumen, mangelnder Entschlossenheit u.ä. hilfreich sein. Das wäre also ein konkretes Beispiel dafür, wie man die Macht des Klangs für das eigene Wohlbefinden nutzen kann.
Mehr zum Thema findest du hier: https://www.kleine-spirituelle-seite.de/files/template/pdf/urklang_aum_om_psychologische_auswirkungen-sadhguru.pdf
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Welle-Teilchen-Dualismus
https://de.wikipedia.org/wiki/Joik

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