Am bekanntesten hat wohl der Philosoph Friedrich Nietzsche den „Tod Gottes“ in seinen Werken ausgerufen:
„Sollte es denn möglich sein! Diese alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Gott tot ist!“
Also sprach Zarathustra, Ein Buch für alle und keinen, Erster Teil, Zarathustras Vorrede, geschrieben zwischen 1883 und 1885
Er meinte damit, dass der Glaube an Gott unglaubwürdig geworden sei. Der Theismus in seiner mythologischen Verkleidung war ihm suspekt. Zu Recht, meine ich.
„Der Vater“ in Gott ist gründlich widerlegt; ebenso der „Richter“, der „Belohner“. Insgleichen sein „freier Wille“: Er hört nicht, – und wenn er hörte, wüßte er trotzdem nicht zu helfen. Das Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich mitzuteilen: ist er unklar? – Dies ist es, was ich, als Ursachen für den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, daß zwar der religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, – daß er aber gerade die theistische Befriedigung mit tiefem Mißtrauen ablehnt.“
Jenseits von Gut und Böse
Der Mystiker Jim Marion beschreibt in seinem zweiten Buch „Der Tod des mythischen Gottes“ ausführlich, warum der Glaube an einen „Himmelsgott“ für viele Menschen zunehmend unglaubwürdig und unbefriedigend geworden ist: Einerseits durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über das All (Galileo etc.), die Evolution (Darwin etc.), die Zeit (Einstein etc.), andererseits durch die Erkenntnisse der menschlichen Psyche über sich selbst (Freud etc.) und die kritische Bibellektüre.
Der „Himmelsgott“ habe folgende Eigenschaften: Er sei getrennt von den Menschen, er lebe „im Himmel/Jenseits/der Ewigkeit“, er sei männlich/patriarchal, ethnozentrisch/auf der Seite eines Volkes stehend, ein Gesetzgeber, ein Vorgesetzter, der „übernatürlich“ in die Geschehnisse der Welt eingreife. Dabei handele es sich um eine Projektion menschlicher Eigenschaften und Wünsche auf ein Wesen außerhalb.
Trotz dieser massiven Religionskritik, die im 19. Jahrhundert durch Vertreter wie Feuerbach, Freud, Marx, ihren Höhepunkt feierte, hören wir heute in leicht abgewandelter Form noch immer Sonntags in unseren Kirchen diesen Mythos vom „Himmelsgott“.
VORSICHT TRIGGERWARNUNG! Ich formuliere den Mythos, der in leicht abgewandelter Form in ständiger Wiederholung auf den Kanzeln erzählt wird, bewusst überspitzt und verzerrt:
„Gott schuf zwei Menschen, die sich leider schon bald darauf als ziemlich ungehorsam herausstellten und eine Frucht aßen, die eigentlich nicht für sie vorgesehen war (auch wenn sie ihnen direkt vor die Nase gestellt wurde, fast, um sie auf die Probe zu stellen, ob sie auch schön brav wären). Eigentlich hätten sie nun den Tod verdient – aber dann wäre die schöne Geschichte ja schon wieder aus gewesen, kaum dass sie begonnen hätte.
Zum Glück wusste Gott jedoch bereits, dass es so kommen würde, (denn er weiß ja alles im Voraus) und er hatte schon einen Plan B in der Tasche:
Er schickte einfach seinen Sohn, mit dem er bis dahin im Himmel gekuschelt hatte, auf die Erde. Dieser Jesus setzte dann alles daran, dass er von den Menschen wie ein Opfertier ans Kreuz genagelt wurde, denn Opfer tragen die Möglichkeit zur Sühne in sich, was so viel heißt, dass jemand stellvertretend die Todesstrafe auf sich nimmt, die eigentlich ein anderer für seinen Ungehorsam und seine Bosheit verdient hätte.
Wenn nämlich einmal alle Menschen tot sind (ist aber noch eine Weile hin bis da!), gibt es ein Gericht: dann wird geschaut, wer gute und wer böse Sachen gemacht hat, und die, die Jesus um Befreiung bitten, werden freigesprochen – ganz egal, ob sie Kinderschänder oder Mörder waren, sie kommen dann alle in den Himmel, denn in Jesus sind ja schon stellvertretend bestraft worden.
Die anderen, die das leider nicht tun, weil sie Muslime sind oder gar nichts von Jesus wissen, oder gar „mit Gott nichts zu tun haben wollen“ gehen bei dieser Rettungsaktion leider unter, –
naja, außer sie waren besonders gute Menschen, dann lässt Gott es sich vielleicht noch einmal durch den Kopf gehen …
Die Menschen, die frei gesprochen werden, werden dann durch einen Super-Lichtstrahl von oben wie Dr. Frankensteins Monster auferweckt. Darauf leben sie zusammen an einen wunderschönen Platz (wo auch immer der ist) und sind für immer froh.
Achso: Und nur die Menschen werden gerettet, für Wölfe und Schweine gibt es natürlich keinen Jesus… naja, die fragen sich ja auch bestimmt nicht die ganze Zeit, ob und wie sie „gerettet“ werden 😉
Ja, ich habe übertrieben 😉 Aber wenn sie redlich wären, müssten manche Theologen zugeben, dass sie komplexe Gedankengebäude errichtet haben, die ihren Zuhörern einiges an gedanklicher Akrobatik abverlangen.
Die Entfremdung von der Kirche beginnt da, wo Menschen anfangen, das Meta-Narrativ in Frage zu stellen, da, wo es beginnt ihnen „unlogisch“, „künstlich“, „konstruiert“, „lächerlich“, gar „abstrus“ vorzukommen.
Das Hauptproblem an diesem Meta-Narrativ sind nicht die Details, um die sich so viel gestritten wird.
Die Frage ist, aus welcher Perspektive wir darin von Gott sprechen: Ist er eine Person – also etwas außerhalb, das mir begegnet?
Eine Person ist immer Maske, eine Rolle, eine Biografie, etwas von anderen Personen unterschiedenes, deren Beweggründe mir im Letzten verborgen bleiben. Dann entsteht die Frage: Glaube ich, dass ER/SIE/ES existiert oder nicht? Und die Folge-Frage der Theodizee: Wie kann ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott Leid zulassen? Und die Folge-Frage: Welcher Gott ist besser, der jüdische, der christliche oder der muslimische Gott?
Oder ist Gott eine Erfahrung, etwas, dass ich in mir finden kann und durch das hindurch ich die Welt sehe?
Der „Gott“, den ich in mir finde und um den ich weiß, ist kein „höheres Wesen“, kein JEMAND, Er ist das Wesen an sich, das Wesen aller Dinge, das zeitlose und immer gegenwärtige ICH BIN oder das Bewusstsein, das uns alle vereint, ein JEDER und NICHTS. Oder anders ausgedrückt: In der ekstatischen Verzückung verschwinde „Ich“, da IST nur noch GOTT (oder vielmehr eine Erfahrung, der ich einen Namen gebe, die aber jenseits der Worte ist).
Der Glaubenssatz der Monotheisten: „Es gibt nur einen Gott“ wird ironischerweise weder von Juden, noch Christen, noch Muslimen wirklich verstanden, bis sie zu dieser mystischen Erfahrung gelangen.
Ich kann mich noch gut an ein Streit-Gespräch mit einem Mitstudenten erinnern, der felsenfest behauptete, wenn ein Muslim bete, bete er zu einem anderen Gott als ein Christ, wenn er bete. Er schien kognitiv nicht fähig gewesen zu sein, zwischen dem Gottesbild und der dahinter stehenden Entität zu unterscheiden. Diese Unterscheidung scheint erst der pluralistische Geist (Piaget)/der verbindende Glaube (Fowler) wirklich zu schaffen. Noch einen Schritt weiter in der religiösen Entwicklung beginnt dann mit dem universalen Glauben (Fowler) und dem Einheitsbewusstsein auch die Vorstellung einer externen „Entität“ zu bröckeln.
Postmoderne und metamoderne Spirituelle sprechen deshalb lieber von
- einem Panentheismus: Gott ist in allem, und der Grund von allem, aber nicht begrenzt auf alles, sondern immer jenseits von allem in allem, was noch werden will. Er entwickelt sich – und wir mit ihm.
- Panpsychismus: Alles ist Geist, alles hat eine Art „Bewusstsein“ oder „Seele“, der Hund, der Löwe, die Palme, aber auch der Stein und die Wohnung, in der ich lebe. Rupert Sheldrake meint, „Panpsychismus“ sei eigentlich nur ein moderner Ausdruck für „Animismus“, die Erfahrung der Beseeltheit aller Dinge.
- oder, wie Wilber, im Anschluss an Teilhard de Chardin, von einem „Pan-interiorismus“: Alles hat eine Innen- und eine Außenseite, ist aus Geist und Materie.
Mit der Rücknahme der Projektion Gottes nach außen beginnt die Wiederverzauberung der Welt.
Und doch – und jetzt kommt ein Paradox – macht es Sinn, am Theismus festzuhalten und nicht – zusammen mit seiner mythologischen Verkleidung – die Rede von GOTT als ganzes zu beerdigen.
Gott bleibt personal in dem Sinn, dass sich uns die letzte Wirklichkeit als DU mitteilt, liebt, antwortet und in Beziehung tritt, aber auch unsere Schattenanteile spiegelt. Die viel beschworene „Projektion“ nach außen hat einen tiefen Sinn. Lernen wir diese Projektion Stück für Stück anzunehmen, zu deuten, zu integrieren, kann sie zu Liebe und Selbsterkenntnis führen.
Aber dieses DU ist trans-personal in dem Sinn, dass ES nicht ein „Ich neben anderen Ichs“ ist, sondern das göttliche DU, in dem alle unsere Ichs gründen. Aus Sicht der Mystik ist das Göttliche der Ursprung aller Personalität und ist in allen Personen gegenwärtig.
Das Konzept der drei Gesichter Gottes ermöglicht es uns, alles zu vereinen: Das Nachdenken über die letzte Wirklichkeit, das Reden zu einem göttlichen DU, wie in der Religion, und das Ruhen im Göttlichen, wie in der Mystik.
Siehe auch Die großen Drei und Formen der Gotteserfahrung.
Die drei Gesichter Gottes
Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden.
Wie sieht das integrale Christentum aus?
Paul Smith über die integrale Weltanschauung und die integrale Theologie, Kirche und Gemeinschaft
Die Entwicklung des christlichen Glaubens
Im Folgenden habe ich für euch den Versuch unternommen, die Entwicklung des christlichen Glaubens durch die Ebenen innerhalb des Quadranten für unseren Kulturkreis durchzuspielen. Bei der Beschreibung habe ich mich von dem Modell Spiral Dynamics und den Stufen des Glaubens von Fowler inspirieren lassen.

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