„Wiederverzauberung“ ist ein im englischsprachigen Raum häufiges Schlagwort derjenigen, die sich mit der „Metamoderne“ beschäftigen, einer kulturelle Bewegung und einem Denkansatz, der zwischen den Extremen von Vormoderne, Moderne und Postmoderne zu vermitteln versucht.
Die Moderne, so die These von Max Weber oder Charles Taylor, hat die Welt entzaubert.
Die Postmoderne lehnte „große Erzählungen“ ab, misstraut Wahrheit und Sinn
Nach der entzauberten Moderne und der desillusionierten Postmoderne öffnet sich in der Metamoderne wieder die Sehnsucht nach neuen Sinnhorizonten, Spiritualität, Transzendenz.
Dazu möchte ich mich zunächst auf die zwei Philosophen beziehen, die mich am meisten inspirieren, und die ich vorrangig meine, wenn ich von „Metatheorien“ spreche: Ken Wilber und Roy Bhaskar.
Alle diese Theorien eint das Bemühen, die Realität und das menschliche Wissen von ihr möglichst integrativ, dh. umfassed und nicht-reduktionistisch zu beschreiben und zu erfassen
Es geht dabei die Multidimensionalität der Welt und ihrer Phänomene zu respektieren und das rein formal-operative Denken durch eine „post-formales“ Denken zu übersteigen
Dazu werden Anleihen aus allen Bereichen der Wissenschaft gemacht: Psychologie, Soziologie, aber auch Systemtheorie und Quantenphysik, aber auch anderen Sphären der Erkenntnisgewinnung wie der Phänomenologie und der Innenschau in der Mystik. Auch alte Weisheitstraditionen werden respektiert und eingebunden.
Ken Wilber geht es vor allem um die Einbindung möglichst vieler Blickwinkel oder Perspektiven auf ein Phänomen.
Er stellt fest: Moderne Rationalität, Wissenschaft und Säkularisierung haben die Welt entmythologisiert, aber auch von tieferen Bedeutungszusammenhängen abgeschnitten.
Für Wilber ist die Entzauberung zunächst eine notwendige Entwicklungsstufe: das „Ausdifferenzieren“ von Wissenschaft, Kunst und Religion/sieht er als ein wesentliches Kennzeichen der Moderne. Ohne diese Trennung hätte es keine moderne Freiheit und Rationalität gegeben.
Problematisch wird es, wenn nur die objektive Dimension (3. Person Perspektive) gilt und innere Erfahrung, Sinn und Transzendenz (die 1. Person Perspektive) marginalisiert werden. Dann entsteht „Flachland“, eine Welt ohne Tiefe.
Wiederverzauberung bedeutet daher Integration:
- Ein „integrales Bewusstsein“ anerkennt die Errungenschaften der Moderne (Wissenschaft, Menschenrechte), integriert aber auch wieder mythische, ästhetische und spirituelle Dimensionen.
- Keine Rückkehr in „prärationale Magie“, sondern eine transrationale Wiedergewinnung von Tiefe, Sinn und Heiligkeit.
Der englische Philosoph Roy Bhaskar entwickelte eine einzigartige „Tiefen-Ontologie“ (Lehre vom Sein).
Sie entstand aus der Frage heraus, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit naturwissenschaftliche Forschung überhaupt möglich ist. Seine Frage richtete sich also nicht auf das, was ist und geschieht, sondern warum etwas geschehen kann.
In seiner Philosophie der „kritischen Realismus“ lehnt er einen flachen Empirismus der Moderne ab: Also es gibt nur das, was gemessen wird. Die Welt ist tiefer als das, was wir direkt sehen. Hinter den sichtbaren Ereignissen gibt es Strukturen, Kräfte und Möglichkeiten, die erst wirken, wenn bestimmte Bedingungen eintreten.
Aber er richtete sich auch gegen die Tendenz der Postmoderne zu behaupten, dass man ohnehin nur perspektivisches Wissen habe und alle Perspektiven gleichwertig seien. Die Wirklichkeit sei mehrschichtig, mit verborgenen Strukturen, Tendenzen, Potentialen.
Das brachte ihn dazu ein „geschichtetes Sein“ anzunehmen. Auch das „Nichts, die Lücke“ bzw. das „Abwesende“ wird von ihm philosophisch gründlich durchdacht.
Bhaskar unterscheidet drei Schichten:
- Empirisches (das Erfahrbare)
Alles, was wir beobachten und wahrnehmen können.- Ein Beispiel: Ich sehe, wie ein Glas auf den Boden fällt und zerbricht.
- Aktuelles (das Geschehene)
Alles, was tatsächlich passiert, auch wenn es niemand dabei beobachtet.- Ein Beispiel: Das Glas fällt nachts vom Tisch und niemand bemerkt es, weil alle schlafen – trotzdem liegt es morgens zersprungen da.
- Reales (das Tiefe, Strukturen/Kräfte)
Die verborgenen Kräfte, Mechanismen und Strukturen, die ein Ereignis möglich machen. Sie existieren wirklich, bleiben aber häufig unsichtbar.- Beispiel: Die Schwerkraft lässt das Glas fallen. Die Zerbrechlichkeit des Glases ist eine Eigenschaft, die erst sichtbar wird, wenn es aufschlägt.
Allein schon diese Schichtung der Wirklichkeit deutet auf eine „Wiederverzauberung“ hin – die Welt ist nicht bloß Oberfläche, sondern voller Potential, das sich erst unter bestimmten Umständen offenbart.
In seinen späteren Schriften spricht Bhaskar explizit von Spiritualität, Liebe, und dem göttlichen Grund. In „MetaReality“: entwickelt er die Idee einer „Wiederverzauberung der Welt“ durch die Erfahrung der Präsenz des Absoluten in jedem Sein.
Wiederverzauberung heißt für Bhaskar auch, dass die Welt nicht nur materiell, sondern zutiefst bedeutungshaft und auf Befreiung ausgerichtet ist. Er verbindet das mit einer Praxis für soziale Gerechtigkeit, ökologische Heilung und spirituelles Erwachen.
Sowohl Wilber als auch Bhaskar lehnen eine naive Rückkehr zur mythischen Welt (Prärationalität) ab. Sie wollen Rationalität nicht zerstören, sondern übersteigen und integrieren. Beide sehen Wiederverzauberung als etwas, das Tiefe, Sinn und Transzendenz zurückbringt, ohne die Errungenschaften der Moderne preiszugeben.
Während bei Wilber der Fokus auf Bewusstseinsentwicklung liegt, liegt er bei Bhaskar stärker auf der Ontologie (der Lehre vom Sein) und gesellschaftlich-spiritueller Praxis
Die Welt ist nicht „leer“ oder „reduziert“, sondern geheimnisvoller und reicher, als wir es sehen.
Anknüpfend an diese beiden Denker möchte ich noch ein bisschen ausführen, was das für eine post-postmoderne Spiritualität bedeuten könnte.
Elizabeth Kim hat einen ganz wunderbaren, englischsprachigen Artikel über das Thema geschrieben (den Link pinne ich euch an!), aus dem ich hier zitieren möchte:
„An Verzauberung zu glauben bedeutet, an die Macht des Willens, an das Wundersame und an eine Welt der Geistwesen, Gespenster, Feen oder jenseitigen Wesenheiten zu glauben; es kann das Gefühl des Staunens beinhalten, das man empfindet, wenn man bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang auf einem Berggipfel steht, einen Sonnenuntergang beobachtet oder Synchronizitäten erlebt. Es bedeutet aber auch, sich der markerschütternden Angst zu stellen, dass andere uns verflucht haben, dem bösen Blick, der Unausweichlichkeit des Todes und unserem begrenzten Verständnis der Welt trotz unserer wundervollen Wissenschaft.“
https://www.cunning-folk.com/read-posts/are-we-going-through-a-period-of-re-enchantment
Wiederverzauberung bedeutet für mich wesentlich das Staunen wieder zu entdecken: Die Wissenschaft hat noch längst nicht alles entzaubert und ihr wird das auch nie gelingen. Derzeit scheint sie eher auf dem besten Wege sind, wieder Raum für die Möglichkeit von Wundern zu schaffen.
Mystische und religiöse Traditionen sprechen schon lange von feinstofflichen, geistigen oder kosmischen Dimensionen.
Aber auch manche Physiker und anderen Naturwissenschaftler nehmen heute weitere Dimensionen (außer 3D des Raumes + 4. der Zeit) zur Hilfe, um Phänomene zu erklären. Allerdings sind diese Dimensionen hypothetisch und es gibt Debatten, wie real diese zusätzlichen Dimensionen seien: Sind sie „physisch existent“ oder nur theoretische Hilfsannahmen?
Die spirituellen Traditionen sind sich da einig: Die Welt hat mehrere Ebenen/Dimensionen – sichtbar und unsichtbar, aktuell und potenziell, materiell und geistig.
Für sie ist auch eine klare Hierarchie erkennbar: Zuerst der GEIST, das Göttliche, dann die Materie, zuerst die Möglichkeit im Geistigen, dann die Realisation im Materiellen.
Im christlichen Glaubensbekenntnis und im Leben der Mystiker spielt diese unsichtbare Welt eine große Rolle. So heißt es im Nizänischen Glaubensbekenntnis:
„Wir glauben an den einen Gott,
den Vater,
den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.“
Manche halten es bspw. für gut möglich, dass wir alle in einer Art Simulation leben – und das muss nicht negativ als Illusion oder ein Gefangensein verstanden werden, sondern kann auch ganz mystisch-spirituell so verstanden werden, dass die Realität mehr einem göttlichen oder kollektiven Traum ähnelt.
Bei Träumen sind wir es gewohnt, sie symbolisch zu deuten, der ganze Traum heißt es, sei Ausdruck unseres Selbst, das sich durch den Traum mitteilt, d.h. alle darin vorkommenden Personen, Tiere sind nicht wirklich von uns getrennt, sondern stehen alle für bestimmte Aspekte von uns selbst.
Wenn wir nun aber auch das Leben am Tag als ein Art Traum deuten, bedeutet das, dass die ganze Realität zu uns sprechen kann und zum Träger von Bedeutung wird: In Form von Symbolen, Synchronizitäten, also auffälligen Zufällen, und den Personen oder Ereignissen, die uns begegnen.
(Der „Christlich Spirituellen Planer 2026“ sieht deshalb auch vor, dass du auf derlei Dinge achtest und sie jeden Monat zu Papier bringst)
Das Göttliche begegnet uns aber nicht nur in unserem Inneren oder unserem Erleben, sondern auch konkret im Gegenüber.
Wiederverzauberung heißt nicht nur staunen, sondern auch Verantwortung: Wenn die Welt tiefere Bedeutungen hat, schulden wir ihr Fürsorge, Befreiung und Heilung (Menschen, Gesellschaft, Natur).
Wenn wir mit Bhaskars Tiefen-Ontologie hinschauen, erkennen wir:
- Der Wald ist ein Ökosystem mit verborgenen Kräften.
- Er hat Möglichkeiten (zu heilen, zu wachsen, Arten hervorzubringen).
- Er ist Träger von Sinn – ein Ort, an dem sich vielleicht auch das Göttliche zeigt.
Dann ist der Wald nicht nur „Ressource“, sondern wieder ein heiliges, lebendiges Gegenüber, durch das wir mit dem Göttlichen in Verbindung treten können
Der Biologe Rupert Sheldrake betont in seinem Buch „Die Wiederentdeckung der Spiritualität“ wie wichtig es für uns Menschen ist, mit der „Mehr-als-menschlichen Welt“ in Kontakt zu treten. Viele Philosophen verträten heute eine Form von „Panpsychismus“, dh. die Annahme, dass allen Formen des Lebens, auch den Atomen und Molekülen eine Art Bewusstsein zugrunde liegt. Dass sei im Grunde nur ein anderes Wort für „Animismus“, an den früher die meisten Menschen glaubten: Alles ist beseelt, alles ist Gegenüber. (Wilber spricht etwas vorsichtiger vom „Pan-interiorismus, d.h. alles hat ein Außen als auch ein Innen).
Sheldrake stellt die Frage: Was ist, wenn die Sonne, wenn die Sterne Bewusstsein haben? Können wir dann mit ihnen Kontakt aufnehmen?
Der Sonnengesang des Franziskus von Assisi und seine Gespräche mit den Tieren und Pflanzen sind ein Beispiel für eine solche gelebte Verbundenheit.
Die Wiederverzauberung der Welt ist also nichts Romantisches oder Naives, sondern das philosophische und existenzielle Erkennen, dass wir in einer multidimensionalen, lebendigen Realität stehen – und dass jede Dimension ihren eigenen Sinn und ihre eigene Wahrheit trägt
Wir nehmen damit wieder Elemente der magischen Stufe auf, verbinden sie aber mit moderner Wissenschaft, Mitgefühl und einer Art „Meta-Blick“, wo alles eine Berechtigung hat.
Diesen Artikel kannst du dir hier auch als Podcastfolge anhören:
https://sandra-ulrike-hauser-podcast.podigee.io/5-wiederverzauberung

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