„Bei einem Auftritt im US-Fernsehen sorgten der Schauspieler Ben Affleck und der Philosoph Sam Harris für einiges Aufsehen. Dabei ging es um kritische Kommentare von Harris zur Religion des Islam und wie sich Affleck als Verteidiger des Islam profilierte. Es war ein klassisches Beispiel dafür, wie zwei Perspektiven aneinander vorbeireden, wobei jede eine bestimmte Teilwahrheit beanspruchen kann. Als ich dann in Sam Harris‘ Blog die Beschreibung dieses Ereignisses las, wurde mir klar, wie nützlich eine größere integrale Perspektive auf dieses Gespräch wäre.“
Dustin DiPerna, http://dustindiperna.blogspot.com, Oktober 2014
So schrieb Dustin DiPerna, Autor von „EVOLUTION ALLY: Our World’s Religious Traditions as Conveyor Belts of Transformation (2018)” unter der Überschrift „Die spirituelle Kluft überbrücken: Warum Sam Harris und Ben Affleck eine Portion integrale Theorie brauchen“ es auf seinem Blog.
Der Islam in seiner BLAUEN oder gar ROTEN Variante ist tatsächlich gefährlich. Er wurde für uns mehr als eine Rückkehr ins Mittelalter bedeuten: Über die Jahrhunderte bis heute waren Christen von (konservativen) Muslimen häufig Verfolgung ausgesetzt und wurden nicht selten einen Kopf kürzer gemacht.
Ich denke, Islamkritiker haben mit fast allem Recht – mit dem verhängnisvollen Fehler, dass sie „Islam“ mit „Islam“ gleichsetzen.
Der Islam ist aber innerlich ebenso vielfältig wie andere Religionen auch. Der Sufismus ist auch ein Produkt des Islam. Und die Schriften eines modernen Sufisten und die Schriften eines modernen christlichen Mystikers kann man fast nicht auseinanderhalten.
Der weltweit bekannteste sufistische Autor und Mystiker ist Rumi. Seine Werke über die göttliche Liebe und Spiritualität machten ihn zu einem der bedeutendsten Dichter des Mittelalters. Er wird bis heute regelmäßig zitiert, auch von Christen.
Hazrat Inayat Khan ist der Begründer der internationalen Sufi-Bewegung und des internationalen Sufiordens. Seine Gedanken sind weit, universell, aus einem Einheitsbewusstsein heraus formuliert. Ich lese ihn lieber als so manchen christlichen, engstirnigen, verkopften Theologen.
Nicht der Islam ist das Problem. Sondern die spirituelle Entwicklung derjenigen, die sich Muslime nennen. Auch Muslime müssen eigene, spirituelle Erfahrungen machen dürfen, sich eigene Gedanken über ihren Glauben machen, zweifeln, reifer und bewusster werden dürfen. Natürlich gibt es Strömungen im Islam, die das verhindern wollen.
Deshalb ist es wunderbar, dass es in Deutschland möglich ist, Islamwissenschaft zu studieren, dass es Islamunterricht gibt und so fort. Das alles trägt dazu bei, dass der Islam ORANGE verstanden und gelebt werden kann. Wenn wir gar einen GRÜNEN, GELBEN oder gar TÜRKISEN Islam wollen (analog zur spirituellen Entwicklung unserer Glaubenschwestern- und brüder Gott 9.0), müssen wir alles begrüßen, was diesen auf die ORANGENE Stufe hebt:
„Der Masterstudiengang Islamische Theologie im europäischen Kontext… währleistet ein Qualifizierungsniveau von Islamexpertinnen und Islamexperten, das dem Ausbildungsniveau anderer (christlicher und jüdischer) Theologinnen und Theologen entspricht und einen interreligiösen Dialog auf Augenhöhe ermöglicht. Damit verbunden vermittelt er die Fähigkeit, islamische Theologie in ihrer historischen und gegenwärtigen Bedeutung in den Gesellschaften Europas zu analysieren, kritisch-rational zu bewerten und weiterzuentwickeln.“
https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/zentrum-fuer-islamische-theologie/studium/studiengaenge/islamische-theologie-im-europaeischen-kontext
Dustin diPerna beschreibt in seinem Buch „Evolutions ally. Our World’s Religious Traditions as Conveyor Belts of Transformation“ die verschiedenen Richtungen und Schulen des Islam und ordnet sie verschiedenen Stufen zu: Der magischen, mythischen, rationalen, pluralistischen und integralen. Dabei unterscheidet er zusätzlich zwischen „moderaten“ und „extremen“ Versionen.
Wichtig ist es ihm auch zu betonen, dass Modernisierung nicht mit Verwestlichung gleichzusetzen ist. Die Modernisierung im Islam kann an der Oberfläche sehr anders aussehen, von der tieferen Struktur aber dasselbe im Bewusstsein bewirken.
Was den Koran betrifft: Natürlich gibt es da schwierige Stellen. Einige sogar! Nur: Die hat unsere Bibel auch. Und: Es gibt auch ganz wunderbare, poetische Stellen im Koran:
„Rufe neben Gott nicht noch zu einem anderen Gott! Es gibt keinen Gott außer ihm. Alles vergeht – nur sein Antlitz nicht! Sein ist das Urteil, und zu ihm werdet ihr zurückgebracht.“ Sure 28,88
„Haben wir dir nicht die Brust geweitet, dir nicht abgenommen deine Last, die schwer auf deinem Rücken lag, und haben wir nicht deinen Ruf erhöht? Darum siehe, mit dem Schweren kommt auch Leichtes.“ Sure 94,1-5
„Beim hellen Morgen und bei der Nacht, wenn sie still ist! Dein Herr hat dich nicht aufgegeben noch verschmäht. Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits. Dein Herr wird dir geben, dass du zufrieden bist.“ Sure 93,1-5
Ein größeres Problem liegt allerdings darin, dass der Koran im Islam häufig theologisch den Platz bekommt, den Jesus in unserer Tradition bekommt: Der präexistente, ewige, unfehlbare, sich in einem Buch inkarnierte Logos. Gerade daher ist jeder Anfang, dieses Buch historisch-kritisch, und schließlich auch geistig-spirituell, zu lesen, wichtig.
Im interreligiösen Dialog wird es irgendwann notwendig werden, eine simple Verschiebung vorzunehmen, die sowohl Christen als auch Muslimen erst auf einer höheren Bewusstseinsstufe gelingen wird:
Jesus und Mohammed sind beide spirituelle Lehrer oder, in ihrer Eigenbezeichnung, Propheten, Sprachrohre der göttlichen Wirklichkeit. Und die Bibel und der Koran sind die Zeugnisse ihrer Lehre, teils von Engeln eingegeben (heute würden wir gechannelt sagen), teils im Nachhinein bearbeitet, mit unreifen, problematischen Anteilen der Autoren.
Dann können wir entscheiden, was wollen wir behalten, was wollen wir davon leben, was berührt uns tief, was ist Vergangenheit, was ist schädlicher Mist.
Wer einmal offenen Geistes eine Moschee besichtigt oder gar einerm muslimischen Gottesdienst beigewohnt hat, in dem ein Imam den Koran singt, weiß, dass auch diese Religion Methoden entwickelt hat, in andere Bewusstseinszustände einzutreten und in einen authentischen Kontakt mit dem Göttlichen zu treten. Schlussendlich ist „Allah“ einfach „Gott“ in einer anderen Sprache.
Quellen:
https://test.evolve-magazin.de/blogs/dustin-diperna-die-spirituelle-kluft-ueberbruecken/
Ben Affleck, Sam Harris and Bill Maher Debate Radical Islam | Real Time with Bill Maher (HBO)
https://integralislam.blogspot.com
https://integrallife.com/desperately-need-integral-islam
Die Entwicklung des christlichen Glaubens
Im Folgenden habe ich für euch den Versuch unternommen, die Entwicklung des christlichen Glaubens durch die Ebenen innerhalb des Quadranten für unseren Kulturkreis durchzuspielen. Bei der Beschreibung habe ich mich von dem Modell Spiral Dynamics und den Stufen des Glaubens von Fowler inspirieren lassen.
Die fünf Stufen des Erwachens
Ein grober Überblick fürs Erste, um herauszufinden, wo du dich selbst möglicherweise gerade befinden könntest.
Die Integrale Theologie: Brücke zwischen Konfessionen
Dem ehemaligen, verstorbenen Systematik Professor Christoph Schwöbel in Tübingen verdanke ich eine mich tief begeisternde Erkenntnis, als er einmal in einer Vorlesung die Intelligenzzentren auf die drei großen Konfessionsfamilien anwandte: Den Kopf auf die Protestanten, das Herz auf die Katholiken, den Bauch auf die Orthodoxen.

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