Dem ehemaligen, verstorbenen Systematik Professor Christoph Schwöbel in Tübingen verdanke ich eine mich tief begeisternde Erkenntnis, als er einmal in einer Vorlesung die Intelligenzzentren auf die drei großen Konfessionsfamilien anwandte: Den Kopf auf die Protestanten, das Herz auf die Katholiken, den Bauch auf die Orthodoxen.
Ja, dachte ich mir, damals. Genau das ist es!
Wir Protestanten sind viel zu verkopft. Ein Extrembeispiel ist Karl Barth, in dessen Theologie außer dem „Wort“ nicht viel übrig bleibt. Gleichzeitig sind wir intellektuell redlich. Wir versuchen wirklich, zu verstehen und zu durchdenken, nicht nur zu glauben oder zu behaupten. Die Bibel wird bei uns analysiert, verglichen, systematisch interpretiert. Deshalb gibt es bei uns – manchmal zumindest – wirklich schlaue Predigten. Also Nahrung für den Kopf. Wir könnten auch sagen: Hier geht es vor allem um Gott in der dritten Person, um das Rationale, Verstehbare.
Die Katholiken dagegen beten wirklich mit dem Herzen, ja, sie beten sogar das Herz Jesu selbst an. Ihre Riten sind darauf aus, Sehnsucht, Liebe und Barmherzigkeit zu wecken. Auch Scham- und Schuldgefühle haben ihren Platz. Wenn ein Chor oder Einzelpersonen singen, und in einer großen Kathedrale viele Kerzen brennen, geht das Herz auf. Die Kirchen lassen uns fühlen, wie klein wir sind und wie groß das Göttliche ist. Die allgegenwärtigen Reliquien und Statuen bieten uns Gelegenheit zur Verehrung und Kommunikation mit dem Unsichtbaren, Heiligen, dem Geheimnisvollen. Gott in der zweiten Person, dem „Du“, dem Gegenüber, wird hier erlebbar. Das Prärationale, das Wundersame, die Magie, bekommt hier viel Raum.
Bei den Orthodoxen wiederum werden alle Sinne angesprochen: Es gibt nicht nur viel, viel Weihrauch, ununterbrochen Gesang, es gibt einfach überall etwas zu sehen: Das Mysterienspiel der bunt gekleideten Priester, die Ikonen, Malerei, Verzierungen, manchmal sogar grüne Pflanzen in der Kirche, und es herrscht eine ständige Bewegung: Bekreuzigen, Niederknien, hin und her laufen, die Ikone, das Kreuz, das der Priester hält, küssen. Es ist leicht, hier in transrationale, höhere Bewusstseinszustände zu kommen. Das Wahrnehmen der inneren Göttlichkeit, die Theosis, steht im Mittelpunkt.
Ich bin tatsächlich überzeugt, dass ein Gottesdienst, der alle diese Elemente bzw. Stärken vereinen würde (ich habe noch keinen solchen erlebt) uns sofort zu veränderten Menschen machen könnte.
Ein Kennzeichen der integralen Bewegung ist ihre Überkonfessionalität. Auf der ganzen Welt beschäftigten sich Baptisten gleichermaßen wie Orthodoxe, Charismatiker wie Katholiken, Protestanten wie Angehörige der Unity Kirchen mit der Verbindung von Christentum und integraler Theorie.
Eine wahrhaft integrale Theologie darf, so meine ich, nicht bei der Rezeption integraler Theorie stehen bleiben. Wirklich integral wird es erst da, wo die neue Theologie ein neues Verständnis der Konfessionen ermöglicht und damit auch zu deren Wiederannäherung einen Beitrag leisten kann. Auch inhaltlich sähe eine solche Theologie dergestalt aus, dass sie orthodoxe, katholische und evangelische Theologie miteinander verbinden könnte. Wie das im Detail aussehen könnte, müsste noch genauer ausgearbeitet werden.
Viele scheinbare Widersprüche zwischen den Konfessionen vermag die integrale Theologie möglicherweise aufzulösen. Sie kann dabei nützlich sein, die jeweiligen Stärken und Schwächen zu lokalisieren und dürfte daher bei keiner vergleichenden Konfessionskunde mehr fehlen. Während heute meistens noch so gelehrt wird, dass schlussendlich die eigene Konfession die bessere ist, wird irgendwann hoffentlich verstanden, dass darin kein Verdienst, sondern ein Mangel an Selbstverständnis liegt: Der jeweils andere kann uns helfen, unsere Schattenseiten, unsere Schwächen, aber auch Stärken zu spiegeln.
Durch die integrale Theorie wird vieles, was im Streit der Konfessionen passiert, erklärbar. Die Entwicklung einer spirituellen Intelligenz (Protestantismus) ist etwas anderes als Herzensbildung (Katholizismus) ist etwas anderes als das Einüben von höheren Bewusstseinszuständen (Orthodoxie). Durch die Unterscheidung zwischen „Aufwachsen“ und „Aufwachen“ wird verständlich, warum beispielsweise äußerst konservative oder ungebildete, aber wundertätige Heilige, mit einer gigantischen Ausstrahlung, möglich sind.
Es wird auch verständlich, warum die orthodoxe Liturgie und der Gesang des Priesters, Diakons und Chores uns in den Himmel, eine andere Dimension der Zeitlosigkeit, zu entführen vermag, uns die Predigt des Priesters hinterher aber verstören oder wütend machen kann, wenn wir andere Werte haben.
Es wird verständlich, warum manchen eine liberale Theologie erschreckt, während sie für den anderen eine Wohltat ist. Und warum intelligente Predigten dennoch mit einer großen Geistlosigkeit bzw. dem Mangel an echter Spiritualität einher gehen können: Denn ein rein rechtliches Verständnis der Erlösung verkennt die Mystik, die Erkenntnis der realen Teilhabe an Gott, die wir in aller erster Linie spüren müssen, bevor wir sie durchdenken können.
Was verknüpft ihr jeweils mit eurer Konfession? Und welche Erfahrungen habt ihr in anderen Kirchen gemacht?

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