Der kosmische Christus: Eine integrale Perspektive

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Spiritual figure with outstretched arms surrounded by swirling galaxies and glowing celestial patterns

Das ist der Vortrag, den ich vor kurzem auf dem Katholikentag in Würzburg halten durfte. Thema war „Der universale, kosmische Christus. Schöpfungsspiritualität – franziskanisch und integral.“ Es sprachen außerdem Dr. Jörg Doppelfeld, Unternehmensberater und Organisator der Veranstaltung und die Franziskanerin Sr. Dr. Katharina Kluitmann.

Vor vielen Jahren hatte ich einen Traum. Ich war mit einer Freundin unterwegs und traf auf einen fremden, wohlhabenden Mann, der uns spontan zu seiner Hochzeit einlud. Dort angekommen, standen viele junge Frauen in einer Reihe. Der Hausherr ging von einer zur anderen und fragte jede nach ihrem Namen. Plötzlich verstand ich: Die Braut stand noch gar nicht fest, es war eine Brautschau. Als er zu mir kam, sah er mich bedeutungsvoll an. Plötzlich wusste ich: Seine Wahl war auf mich gefallen.

Als ich aufwachte, wusste ich, dass ich im Traum einem universellen Archetyp begegnet war, der „Braut Christi“. Sie steht für jeden einzelnen Menschen und seine Beziehung zu dem Göttlichen.

Der Traum machte mir wieder bewusst, dass religiöse Bilder oft etwas Universelles ausdrücken. Sie erzählen nicht nur von einzelnen Personen, sondern von einem inneren Erleben, dass alle, oder mindestens viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen.

Hierzulande sind gewohnt, so zu denken: Wer auserwählt ist, ist etwas Besonderes. Es können nicht alle auserwählt sein.

Das ist, weil wir die Sprache des Unbewussten und der Religion nicht verstehen. Wir lesen Geschichte meist aus einer ego- oder ethnozentrischen Perspektive aus: Es geht dann um mich, mich, mich oder uns, uns, uns. Ich glaube aber, dem Unbewussten und der Religion geht es um Wahrheiten an sich, um kollektive, das heißt alle Menschen betreffende Wahrheiten.

Und alle Menschen wollen gemeint sein und angesprochen werden. Das „Du“ ist für uns überlebenswichtig. Bedeutung und Anerkennung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir alle werden innerlich zur „Braut Christi“, wenn wir uns danach sehnen, eins mit Gott zu werden.

Richard Rohr meinte in einem Vortrag zum universalen Christus 2019: „Meine jüdischen Freunde sagen mir, dass dieses auserwählte Volk dazu auserwählt ist, allen anderen zu sagen, dass auch sie auserwählt sind.“ Ich glaube, darum geht es. Natürlich sind wir alle von Gott beim Namen gerufen, alle erwählt – nur nicht alle von uns sind sich dessen bewusst.

So verstehen integrale Theologen den historischen Jesus: Er wurde erwählt, damit auch wir durch ihn erkennen, dass wir erwählt sind. Er wurde erwählt, damit wir durch ihn erkennen, wie schön der Mensch ist. Er wurde erwählt, damit wir erkennen, wie wunderschön diese Welt ist, dass sie diesen Menschen hervorgebracht hat: Dieses einzigartige Produkt chemischer Elemente, menschlicher Kultur, menschlicher Beziehungen. Damit wir uns durch ihn in diese Menschen und diese Welt verlieben.

Sie kennen das sicherlich auch, wenn Sie verliebt sind, projizieren wir unglaublich viel auf den anderen. Aber wer genau hinfühlt, merkt auch, wie er durch einen Menschen plötzlich alle Menschen in einem anderen Licht sieht, zB. wenn du dich in einen siebzigjährigen verliebst, sind plötzlich alle siebzigjährigen hübscher, oder? Unsere Wahrnehmung ändert sich durch eine solche Erfahrung.

An dieser Stelle möchte ich kurz klären, was „integrale Theologie“ meint, für alle, die diesen Begriff das erste Mal hören.

„Integral“ kommt in diesem Fall aus dem englischen Sprachgebrauch des Wörtchens „integral“ und bedeutet so etwas wie „ganzheitlich“, „umfassend“, „integrierend“. Integrale Theologie wird inspiriert von dem integralen Ansatz von Ken Wilber, dem Modell „Spiral Dynamics“ und Kulturphilosophen wie Jean Gebser. Dahinter steht eine breite philosophische Bewegung, der es im Kern um Vermittlung geht, zwischen Innen und Außen, Körper und Geist, Naturwissenschaft und Spiritualität, Vormoderne, Moderne und Postmoderne.

Ein wichtiger Punkt bei der integralen Theorie ist die Wahrnehmung: Wenn du aufwächst, verändert sich dein Gehirn, deine Wahrnehmung, und damit auch dein Glaube. Die Wahrnehmung ändert sich aber auch, wenn du besondere Erfahrungen machst, zB. eine Einheitserfahrung oder eine Begegnung mit einem Engel.

Dieses Wissen um unsere Wahrnehmung lässt uns auch die Bibel anders lesen, weil wir um diese Faktoren wissen. Wir wissen, wir können einen Text oder einen Traum so verstehen, dass es darin nur um uns geht. Oder nur um einen bestimmten Menschen. Wir können aber auch lernen, zu verstehen, dass Texte eine übertragene Bedeutung haben können, die für alle oder für eine bestimmte Lebensphase gilt. Dieses Textverständnis ändert sich ja schon bei den Schülern: Erstklässler und Achtklässler denken und reden anders über eine Text. Nun das ist allgemein akzeptiert.

Nun, wenn wir aber ehrlich sind, finden wir auch bei uns Erwachsenen reifere und unreifere Formen einen Text oder eine religiöse Idee zu verstehen.

Was die integrale Theologie macht, ist einfach, dass sie biblische Texte noch viel weiter liest, als wir das aus unserem traditionellen Glauben kennen.

Dahinter steht, so die integrale Theologie, eine wichtige Stufe der geistigen und religiösen Entwicklung, individuell als auch kollektiv. Ich versuche es – auch mit der Gefahr, zu sehr zu vereinfachen – mit wenigen Worten zu beschreiben: Zuerst sind wir unbewusst eins mit dem Göttlichen (als Babys), dann, im egozentrischen Weltbild sind wir etwas Besonderes für Gott („du bist der wichtigste Mensch auf der Welt“ vermitteln uns liebende Eltern), dann, im ethnozentischen Weltbild, ist unser Volk etwas besonderes für Gott („die Deutschen, die Amerikaner, die Russen, die Juden etc., „wir gegen die anderen“), im anthropozentrischen Weltbild steht immer noch der Mensch als Gegenüber Gottes im Vordergrund, im weltzentrischen ist dann die ganze Mutter Erde insgesamt etwas Besonderes und schützenswertes für Gott.

Und wir sind, am Beginn des 21. Jahrhunderts, gerade kollektiv dabei, uns an die Idee eines kosmozentrisches Weltbildes zu gewöhnen, wo wir es möglicherweise mit einer unendlichen Anzahl an Planeten, Sonnen, Galaxien und Universen zu tun haben, samt verschiedener Außerirdischer, die sich in dieser einen Sekunde durch dich und mich selbst bewusstwerden und am Dasein erfreuen.

Ist dein Gott groß genug, fragt der integrale Theologe Paul Smith in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel: „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough?“ von 2017.

Er stellt darin die Fragen: Wie kann es sein, dass nur Jesus „Gottes Sohn“ sein soll, wenn wir doch alle Töchter und Söhne Gottes genannt werden? Und wie kann es sein, dass nur ein Mensch präexistent (also vor seiner Geburt bei Gott) gewesen und sich inkarniert haben soll, der Rest der Menschen, Tiere und Pflanzen aber nicht?

Auch Richard Rohr schreibt: „Wenn Gott überall ist, dann ist er nirgends exklusiv.“

Paul Smith und Richard Rohr unterscheiden zwischen dem „historischen Jesus“, dem „auferstanden Jesus“ und dem „kosmischen Christus“. Integrale Theologen sagen auch gerne und oft: „Christus“ ist nicht Jesus Nachname.

  • Jesus war ein bewusstes, menschlich-göttliches Wesen – so wie wir alle es sind.
  • Der auferstandene Jesus ist Jesus, wie er heute mit uns ist, in seinem spirituellen Körper und seiner Persönlichkeit.
  • Der „kosmische Christus“ ist – unbegrenztes Bewusstsein, grenzenlose Göttlichkeit und das ganze Universum, die gesamte Realität ohne Trennung. Wenn Jesus im Johannesevangelium seine berühmten „Ich-bin-Worte“ sprach, identifizierte er sich mit diesem „Christus“: „Ich bin das Licht der Welt.“

Im sogenannten „Christusbewusstsein“ oder einer Einheitserfahrung können wir uns alle mit diesem „Christus“ eins fühlen. Wer diese Erfahrung kennt, wird jetzt nicken. Und wer nicht, dem wird es vielleicht seltsam, wenn nicht gotteslästerlich vorkommen. In dieser Erfahrung sind wir eins, nicht nur mit uns selbst, sondern auch mit jedem Baum, jedem Blatt, jedem Menschen und Tier da draußen und natürlich auch mit Gott oder dem Göttlichen oder dem Universum.

Die Idee hinter dem „kosmischen Christus“ ist es, den ganzen Kosmos als Fleischwerdung Gottes aufzufassen. Der eine oder die andere kennt vielleicht auch den Begriff „deep incarnation“.

Der Begriff „Christus“ stammt aus dem Griechischen und übersetzt das hebräische Maschiach – „der Gesalbte“. Im alten Judentum wurden Könige, Priester und Propheten gesalbt, um sie für eine besondere Aufgabe zu weihen.

Der Weg vom Messiastitel zum Gedanken eines „universalen“ oder „kosmischen Christus“ ist eine theologische Entwicklung, die sich über Jahrhunderte entfaltet hat.

Das erste christliche Bekenntnis lautete: „Jesus ist der Christus.“

Damit war brisante politische Botschaft verbunden. Im antiken Judentum erwartete man einen Gesalbten, der Israel befreit, Gerechtigkeit herstellt und Gottes Herrschaft sichtbar macht.

Für die Zeitgenossen Jesu war es selbstverständlich, in den zeitgeschichtlichen Ereignissen ihrer Zeit unmittelbar Gott oder geistige Mächte am Werk zu sehen. Und es war eine ähnlich spannende Zeit wie heute: Es herrschte Chaos und Krisenstimmung, der Weltuntergang wurde ausgerufen, solche Dinge. Dabei wurde gerne in die Heiligen Schriften geschaut, so wie heute viele gerne die Offenbarung lesen und in Zusammenhang setzen mit dem, was in der Weltpolitik vor sich geht. Es stand eine Zeitenwende bevor und alle spürten es.

Die Erwartung an Jesus war keine kleine: der Messias sollte auf dem Thron Davids herrschen, Jerusalem und das Land Israel von Fremdherrschern befreien und von da seine Macht auf alle Völker der Erde ausdehnen.

Jesus machte aber alles vollkommen anders, als die meisten von ihm erwarteten. Statt eine Armee zu sammeln, wanderte er umher und gründete eine spirituelle Organisation, angefangen mit zwölf Jüngern, dann erhöht auf zweiundsiebzig, und brachte ihnen bei, wie man Kranke heilte und Dämonen austrieb.

Er versuchte erst gar nicht, von außen, mit Waffengewalt etwas zu ändern. Er war ja nicht doof, oder? Er wusste, dass sich zuerst etwas im Inneren der Menschen ändern muss, damit sich im Außen etwas ändern kann. Damit veränderte er auch den Messiasgedanken: Der „Christus“ bringt nicht äußere, zentralisierte Herrschaft, sondern innere Wandlung in jedem Einzelnen. Veränderung beginnt nicht mit Gewalt, sondern mit Bewusstsein.

Viele werteten Jesu Hinrichtung als Totalversagen. Andere hielten an Jesus fest, verschoben ihre Hoffnung auf das Jenseits oder eine ferne Zukunft. 

Tatsächlich ist das aber nur die halbe Wahrheit. Denn das römische Reich ging tatsächlich einige Zeit später unter, und ein anderes Zeitalter brach an, das die Ideen Jesu in alle Erdteile brachte, wenn auch sehr unvollständig umsetzte. Wir wissen das heute, weil wir zweitausend Jahre später leben.

Während das Christentum sich äußerlich ausbreitete, wurde auch der „Christus“-Begriff immer mehr ausgeweitet.  Schon im Neuen Testament, also Jahrzehnte nach Jesu Tod, beginnt die Erweiterung des Messiasbegriffs. Besonders die sogenannten Christus-Hymnen in Philipper und Kolosserbrief zeigen, dass Christus nicht nur als historische Person verstanden wird, sondern als übergeordnete Wirklichkeit. Im Johannesevangelium wird „Christus“ wird mit dem göttlichen „Logos“ identifiziert, durch den alles geworden ist. Paulus schreibt: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir (Galater 2,20). Ab dem vierten Jahrhundert wird Christus als „Pantokrator“, All- oder Weltenbeherrscher dargestellt und so weiter… Dann kam irgendwann die Naturwissenschaft und hat unser Weltverständnis komplett ausgeweitet.

Der Begriff des „kosmischen Christus“ taucht in der Theologie erstmals bei Pierre Teilhard de Chardin auf, einem französischen Jesuiten und Paläontologen des 19./20. Jahrhunderts. In seinem Werk „Der Mensch im Kosmos“ versuchte er, Evolution und Heilsgeschichte zusammenzudenken. „Christus“ ist für ihn nicht nur Erlöser einzelner Menschen, sondern Zielpunkt der gesamten Evolution – der sogenannte Omega-Punkt. Für ihn ist die Evolution nicht blind, sondern hat eine Richtung hin zu mehr Komplexität, Tiefe und Liebesfähigkeit. Der Kosmos ist für ihn Christi Leib in Entwicklung.

Den Begriff „kosmischer Christus“ stammt aus dem Umfeld der Theosophie, worüber er auch bei Rudolf Steiner und den Anthroposophen Eingang fand. Beliebt war die Vorstellung auch in der „New Thought“ (Neu-Geist-) Bewegung seit dem 19. Jahrhundert in den USA, die stark von der Naturmystik inspiriert wurde.

Heute erfreut sich der Begriff großer Beliebtheit: Der Schöpfungstheologe Matthew Fox greift ihn auf, der Befreiungstheologe Leonardo Boff, Richard Rohr und viele andere integrale Theologen, auch das Buch „Gott 9.0“.

Ich denke, dass das veränderte Verständnis des Begriffes „Christus“ etwas damit zu tun hat, dass sich wirklich etwas im Inneren mancher Menschen verändert hat, dass manche spirituell reifer und auch pragmatischer geworden sind. Wir erwarten keinen Heilsbringer mehr, der von außen kommt und alles auf einen Schlag in Ordnung bringt. Wir hören auf, andere, wie Jesus und die Heiligen auf einen Sockel zu stellen, und uns klein zu machen.

Unsere Sehnsucht nach einer realen Veränderung – auch im Außen, in unserem Leben, aber auch in der Politik oder im Umgang mit diesem Planeten, geht mit der Erkenntnis einher, dass wir unsere Sicht auf die Dinge es ist, die wir verändern müssen, unser Bewusstsein, das reifen und weiter werden muss.

Der Hl. Franziskus hat uns, so meine ich, vorgemacht, wie wir lernen können, Christus überall zu sehen: Nicht nur in Jesus, sondern auch in unseren Mitmenschen, die er allesamt Brüder und Schwestern nennt, und auch im Wind und in den Blumen und den Schweinen und der Sonne und den Sternen und und…

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