Der Schöpfungstheologe Matthew Fox schrieb bereits in den 80er Jahren ein Buch mit dem Titel: „Vision vom kosmischen Christus. Aufbruch ins dritte Jahrtausend.“ Darin bekennt er:
„Ich glaube, das Ziel des dritten Jahrtausends der Christenheit – falls die Erde bis ins nächste Jahrhundert überlebt – wird die Suche nach dem kosmischen Christus sein. Der Paradigmenwechsel, dem sich Religion und Theologie heute unterziehen müssen, besteht im Schritt von der Suche der Aufklärung nach dem historischen Jesus zur heutigen Suche nach dem Kosmischen Christus.“
Matthew Fox, S. 120
Er sieht in dem kosmischen Christus das verbindende Muster, durch das die Welt in ihrem Innersten zusammengehalten wird.
Der kosmische oder universale Christus ist sozusagen die Personifikation der Erfahrung der Verbundenheit aller Dinge.
Der integrale Theologe Paul Smith unterscheidet gar zwischen dem historischen Jesus, dem auferstandenen Jesus und dem kosmischen Christus. Während der auferstandene Jesus einfach der historische Jesus sei, der in einem nicht-physischen, energetischen Körper bis heute gegenwärtig sei, handele es sich bei dem kosmischen Christus um ein Symbol für die Ganzheit oder ungetrennte Wirklichkeit all dessen, was überall und jemals existiert(e) oder passiert(e).
Der kosmische Christus ist, so Smith, das persönliche Zentrum der Existenz, das sowohl die göttliche, als auch die menschliche als auch die materielle Wirklichkeit umfasst und zusammenhält.
Vor allem Paulus hat viel über den kosmischen Christus geschrieben:
Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes,
der zuerst Geborene –
noch vor der ganzen Schöpfung.
Denn durch seine Gegenwart wurde alles geschaffen,
im Himmel und auf der Erde,
das Sichtbare und das Unsichtbare –
ob Throne oder Herrschaftsbereiche,
ob Mächte oder Gewalten.
Alles wurde durch ihn geschaffen,
und alles hat in ihm sein Ziel.
Er ist vor allem da,
und durch seine Gegenwart hat alles Bestand…“
Kolosser 1, 15- 17 Basis-Bibel Übersetzung, ein Christushymnus von Paulus
Richard Rohr nennt Christus den „blueprint“, Entwurf und Bauplan, des Kosmos. Auch er deutet „Christus“ als eine Metapher für alles, was ist. Durch alles, die gesamte Realität, die Natur, unbelebte als auch belebte, auch durch menschengemachte Artefakte, wie deine Waschmaschine, durch dich und mich offenbare sich Gott.
Tatsächlich begegnen wir dem kosmischen Christus am häufigsten in der Briefliteratur, und da vor allem bei Paulus.
„Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen“
Römer 8,22
„Es gibt nur einen Herrn – Jesus Christus, durch den alles geschaffen wurde“
1. Korinther 8
„Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist“
Epheser 1,10
„Ja, Gott hat ihm alles unter die Füße gelegt, und er hat ihn, den Herrscher über das ganze Universum, zum Haupt der Gemeinde gemacht“
Epheser 1, 20
„Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind.“
Philipperhymnus 2, 10.
„Der Sohn ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“
Kolosser 1,15ff.
Alle Texte entstammen der Neuen Genfer Übersetzung
In der klassischen Theologie spricht man bei diesen Stellen von der „Schöpfungsmittlerschaft“, „Präexistenz“, aber auch „Allversöhnung“. [Diese werden dann jedoch häufig nicht mit dem „kosmischen Christus“ verknüpft, sondern mit dem historischen und auferstandenen Jesus.]

Matthew Fox gibt in seinem Buch „Vision vom kosmischen Christus“ einige Hinweise, wie wir den kosmischen Christus auch noch an anderen Stellen der Bibel finden können. Überall, wo folgende Stichworte auftauchen, sei von Kosmologie die Rede, was heißt, nicht der Mensch und seine Erlösung steht im Mittelpunkt, sondern es geht um die Verklärung und Vergöttlichung der ganzen Schöpfung, des ganzen Planeten und aller Galaxien, des Alls, des großen Ganze allen Seins:
- Engel. Vor der Entstehung der modernen Kosmologie sah man die Engel als die bestimmenden Mächte im Universum.
- das Wort „Kyrios (Herr)“ als ein Ehrentitel für den Herrscher des Universums, der im Neuen Testament und der frühen Kirche auf Christus übertragen wird
- Wolken als Form der Erscheinung Gottes („Siehe, er kommt mit den Wolken“, Offenbarung 1)
- das Wort „doxa (Herrlichkeit)“ (an der die ganze Schöpfung teilhaben soll, siehe dazu den Kontext der obigen Stellen bei Paulus, aber auch die Verklärung Jesu)
- Wildnis und Berge (als besondere Orte der Gottesbegegnung)
- der Kampf mit dem Bösen als einer kosmischen Macht
Die Idee ist also nicht unbiblisch, sondern vielmehr stark in der Bibel verwurzelt. Gleichzeitig wahr ist jedoch, dass die Vorstellung sich nicht allein auf biblische Quellen stützt, sondern weiter entwickelt wurde – (das ist allerdings, am Rande bemerkt, für nahezu alle heutige Glaubenslehren – und Traditionen, auch die der offiziellen Kirchen, der Fall…)
Außerbiblische Quellen
Ab dem vierten Jahrhundert wurde der Titel „Pantokrator“, All- oder Weltenbeherrscher, von Gott, dem Vater auf Gott, den Sohn, Christus übertragen. Zeugnis davon geben zahlreiche Darstellungen, v.a. auf Deckengemälden der byzantinischen und damit orthodoxen Kunst (siehe Bild).
Christus wurde auch mit dem „Adam Kadmon“ aus der jüdischen Kabbala in Verbindung gebracht, der so etwas war wie der „ursprüngliche, kosmische, himmlische Mensch“ oder „Urbild des Menschen“, und die drei Eigenschaften der „Weisheit, Herrlichkeit und Unsterblichkeit“ besaß. Er wurde als ein makrokosmischer Mensch gedacht, der die ganze Welt umspannte.
Die großen Mystiker des Mittelalters, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Mechthild von Magdeburg, Dante Alighieri, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues usw. entwickeln die Idee durch eigene, in der Versenkung gewonnene Einsichten, weiter.
Der Ausdruck „der kosmische Christ“ kam zunehmend im 19./frühen 20. Jahrhundert auf. Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch der integrale Denker Pierre Teilhard de Chardin, der neben der menschlichen und göttlichen Natur Christi von einer dritten, der kosmischen, Natur sprach.
Beliebt wurde die Vorstellung in der „New Thought“ (Neu-Geist-) Bewegung aus dem 19. Jahrhundert in den USA. Diese wurde stark von Ralph Waldo Emerson inspiriert, der von Wilber als einer der wichtigsten Vertreter der Naturmystik genannt wird. Aus ihr leiten sich mehrere Strömungen ab, darunter auch die „Unity Church“ von Charles und Myrtle Fillmore, die, wie bereits an anderen Stellen erwähnt, heute integralem Gedankengut gegenüber sehr aufgeschlossen ist.
Mir erscheint es nicht zufällig, dass die Idee des „kosmischen Christus“ sich erst jetzt zu verbreiten beginnt oder neu entdeckt wird: Sie ist eigentlich erst mit einem weltzentrischen Bewusstsein annehmbar und vermutlich mit einem kosmozentrischen Bewusstsein wirklich begreifbar.
Kritik
Dementsprechend schreibt auch ein harscher Kritiker dieser Vorstellung, ein gewisser Dr. Peter Jones, der sich dem Kampf gegen „den neuen Paganismus“ verschrieben hat, dass sie gänzlich dem New Age zuzurechnen sei, und befindet problematisch:
„Das göttliche wird nun der kosmische Christus genannt, der der Geist in allen Religionen sei. Jesus ist nur noch ein Mann, der mit anderen den göttlichen Geist teilt. Christus und das Christentum sind nicht mehr länger einzigartig.“
Die neue Spiritualität sei demokratischer, da sie die Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen in Jesus nur als Paradigma sehe, das potentiell für alle Menschen gelte. Er identifiziert die Bewegung daher mit dem Antichristen (Übrigens: Der Verfasser scheint auch der festen Ansicht, dass der Antichrist eine Frau, und zwar eine Feministin, sei ;-))
Dem möchte ich mit einem Zitat von Richard Rohr antworten (zitiert nach Gott 9.0):
„Wenn Gott überall ist, dann ist er nirgends exklusiv.“
Ich vermute, dass die größte Angst, die sich hinter einer Abwehrhaltung gegenüber dieser Idee verbirgt, diejenige vor Beliebigkeit ist: Ja, wo kommen wir denn hin, wenn Christus überall ist? Lässt sich dann überhaupt noch irgendetwas über diesen Christus aussagen?
Nun, der Schöpfungstheologe Matthew Fox sagt, es sei eine mystische Erfahrung und als solche jenseits aller Definitionen…
Was meint ihr?
Weiterführende Quellen:
Matthew Fox, Vision vom kosmischen Christus. Aufbruch ins dritte Jahrtausend, 1991.
Richard Rohr, Alles trägt den einen Namen: Die Wiederentdeckung des universalen Christus, 2019.
Quelle Foto: Christ the Redeember, Brazil, 4FLY RJ, Pexels.com

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