Wie war dein Jahr 2025?
Ich muss zugeben: Manchmal fühle ich mich überfordert, von der Sorge für meine Kinder, von der Spaltung und Überfremdung, von den vielen Veränderungen durch die Technik, von den Nachrichten aus der Ukraine (wenn du plötzlich Bekannte hast, deren Söhne an die Front müssen und einen kriegsverletzten Schwager, den du nie kennengelernt hast), von den Ereignissen weltweit, von den äußeren und inneren Umbrüchen und Widersprüchen in meinem Leben. Dann hilft es mir, zu begreifen, dass wir alle miteinander verbunden sind, das unsere Krisen die Krisen des Kollektivs spiegeln und umgekehrt.
Alle Menschen in meinem und weiteren Umfeld sind derzeit mit einer sog. Meta-Krise konfrontiert, die alle Bereiche unseres Lebens (bzw. alle vier Quadranten Wilbers) betrifft: Eine Bedeutungskrise im Inneren („meaning crisis“), eine soziologische, politische und ökologische Krise im Äußeren.
Die Postmoderne hat mit allen großen, sinnstiftenden Narrativen aufgeräumt, zurück blieb eine seelenlose, tief verunsicherte und orientierungslose Welt. Die Gesellschaft besteht immer mehr aus einer bunten Vielfalt von Menschen, die zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Zeiten leben und im selben Land in unterschiedlichen Ländern – will heißen: Manche spielen Nintendo und reden gleichzeitig von einem „heiligen Krieg“; manche entscheiden sich bewusst zum Ausstieg und für ein Leben im Wald; andere stilisieren sich über Instagramm als erfolgreiche Unternehmerinnen, die angeblich „x-stellige Umsätze machen“ und wieder andere sind der Ansicht, alle müssten den Kampf „fürs Klima“ zu ihrer obersten Priorität machen und sich auf die Straße oder sonstwohin kleben. Scheinbar unendlich viele kleine Blasen/“Bubbles“ co-existieren nebeneinander her.
Rob Smith nennt es das „Zeitalter der Transformation (Transformation Age)“: Eine Ära des ständigen Wandels und der Umgestaltung des menschlichen Lebens. Andere sprechen von einer „Zeit zwischen den Welten.“
Bruce Alderman, einer der wenige Autoren, die die „Integrale Theorie“ und „Critical Realism/MetaReality“ miteinander verbinden, spricht in einem Artikel von einem „algorithmischen Sog“. Algorithmische Kräfte beeinflussen subtil die Wahrnehmung und das Verhalten der Nutzer in digitalen Räumen. Sie wirken auf verschiedenen Ebenen:
- reale Domäne (tiefe, unsichtbare Mechanismen wie historische Kräfte, wirtschaftliche Zwänge und technologischer Einfluss)
- aktuelle Domäne (politische Entscheidungen, Marktreaktionen und öffentliche Maßnahmen)
- empirische Domäne (Medienberichte, Diskurse, digitales Verhalten wie Scrollen, Likes/Dislikes, Teilen, Kommentieren, du bekommst automatisch das angezeigt, was dich interessieren könnte etc.)
Algorithmische Tunnel sperren Nutzer in isolierte Realitäten ein, gaukeln falsche Totalitäten vor und führen zu gegenseitiger Entfremdung. Echokammern, Narrative mit Schwarz-Weiß-Logik und Dopamin-Ausschüttungen über „Likes“ ersetzen den unmittelbaren menschlichen Kontakt und Dialog von Angesicht zu Angesicht, die verkörperte Erfahrung, Zeit für Reflexion und komplexe Sichtweisen.
Das Vertrauen in öffentliche Institutionen und Fakten (welche?) schwindet. Künstliche Intelligenz, die über Philosophie plaudern, Bücher schreiben und die Arbeit von immer mehr Menschen ersetzen kann, und Roboter, die dir dein Essen bringen und deine Wäsche falten, sind keine Science-Fiction mehr. Keiner weiß, wie schnell und wie tiefgreifend diese Erfindungen unser Leben in Zukunft verändern werden.
Zu den Dingen, die mich die letzten Jahre am meisten bewegen, gehört die Erfahrung von plötzlicher gegenseitiger Entfremdung; das Auseinanderdriften der Werte bzw. die gänzlich unterschiedliche Wahrnehmung der Welt; die Veränderung des Zwischenmenschlichen durch Smart Phones und Social Media; die schleichende Rückkehr der Bemühungen, uns militärisch als auch geistig für einen Krieg zu rüsten und, zeitgleich, die zunehmende Abwertung all dessen, was patriotische Gefühle bei potentiellen Vaterlandsverteidigern wecken könnte: der Familie, der Sprache, der Kultur, des Bargelds, der Nationalflagge etc.
Das Modell Spiral Dynamics und andere Metatheorien helfen mir dabei, ein wenig Struktur in diese Beobachtungen zu bringen, verschiedene Haltungen unterschiedlichen Memen und Mileus zuzuschreiben, den sog. Kulturkampf gedanklich nachvollziehen zu können. Ich übe mich im Pendeln zwischen der einen und der anderen Weltsicht, die mir häufig um 180 C entgegengesetzt zu sein scheint.
Auch eine Philosophie Emmanuel Lévinas, das Gegenüber als den wirklich gänzlich Anderen wahrzunehmen, empfinde ich als hilfreich:
Es gibt hier nur die unmittelbare Berührung von Mensch zu Mensch, wobei jeder dem Anderen ein radikal Anderer ist und bleibt.
https://ethik-heute.org/ethik-sich-den-belangen-des-anderen-oeffnen/
Im Anderen, der mir Angst macht; der sich meiner Kontrolle entzieht; von dem mich gefühlt ein tiefer Spalt trennt, begegnet mir die dunkle Seite Gottes, begegnen mir die eigenen Abgründe. Auch der andere ist das Subjekt seiner Welt wie ich es bin – auch wenn er mich triggert und verstört.
Eine neue integrative Weltanschauung kündigt sich an, die derzeit durch viele einzelne, nur lose miteinander verbundene Bewegungen vertreten wird: Integrale Philosophie, Metamodernismus, Bewusste Evolution usw.
Zu den Akteuren und Fürsprechern einer neuen Welt gehört für mich Prof. Gerald Hüther. Er ist Neurobiologe und Buchautor. Seine Vision: Wir sollten uns als Menschen gemeinsam in die Lage versetzen, unser Potential frei zu entfalten. Abschließend ein mich nachdenklich stimmendes Zitat von ihm aus einem neueren Interview:
„Das wertvollste in dir selbst bekämpfst du selbst und dafür kannst du dich nicht leiden. Sagst du aber keinem.“
https://youtu.be/eVU1Zsa7f-M?si=PROKMl4eSlMuhvQs
Was ist es, was dich derzeit am meisten bewegt, wenn du an unsere Zeit denkst?
Rob Smith: A Sociology of Big Pictures: Network Strategy for a 21st Century Worldview, https://appliedmetatheory.org/a-sociology-of-big-pictures/
Bruce Alderman: Polarization and the Algorithmic Undertow: Integral and Critical Realism Perspectives, Institut of Applied Metatheory: https://appliedmetatheory.org/polarization-and-the-algorithmic-undertow/
Jonah Wilberg über die Metakrise (englischsprachig)
Bild: WEF Global Risks Report 22-23
Zwei Metatheorien im Dialog
Im letzten Jahrzehnt kam es immer mehr zur Annäherung der Vertreter der Integralen Theorie Ken Wilbers mit Vertretern des Critical Realism/Meta Reality des Philosophen Roy Bhaskar. Beide Schulen beschäftigen sich mit wichtigen integrativen Metatheorien unserer Zeit, die uns helfen können, durch diese herausfordernden Zeiten zu navigieren.
Die Metamoderne und ihre Metatheorien
Sinn und Funktion von Metatheorien, den Philosophien des 21. Jahrhunderts
Die drei Merkmale des integralen Bewusstseins
Zusammen mit Eva Scherrer versuchen wir die drei Elemente „Zeitfreiheit, Ichfreiheit und Raumfreiheit“ bei Gebser zu verstehen.

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