Zwei Metatheorien im Dialog

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Im letzten Jahrzehnt kam es immer mehr zur Annäherung der Vertreter der Integralen Theorie mit Vertretern des Critical Realism/Meta Reality des Philosophen Roy Bhaskar. Beide Schulen beschäftigen sich mit wichtigen integrativen Metatheorien unserer Zeit, die uns helfen können, durch diese herausfordernden Zeiten zu navigieren. Der Versuch einer Synthese wird auch „Integral Realism“ genannt.

(Mit dem Wort „Realismus“ müssen wir vorsichtig sein, denn die Theorie des „Critical Realism“ ist nicht mit dem „Kritischen Realismus“ im Deutschen gleichzusetzen).

Im Gegensatz zu Wilber war Bhaskar ein gelernter Philosoph.

Beide Philosophien weisen einige Ähnlichkeiten auf, so eine starke spirituelle Komponente (bei Wilber von Anfang an, bei Bhaskar erst in der späten Phase), das Bemühen um einen integrativen und nicht-reduktionistischen Ansatz, ein Akzent auf der Innerlichkeit/dem Subjekt, ein methodologischer und erkenntnistheoretischer Pluralismus und die Vorstellung eines geschichteten Seins. 

Roy Bhaskar beschreibt den Menschen als ein soziales Wesen mit vier Ebenen. Obwohl diese Beschreibung nicht exakt mit dem Quadrantenmodell Wilbers übereinstimmt, gibt es eine allgemeine Entsprechung: z.B. die geschichtete verkörperte Persönlichkeit mit den oberen Quadranten; zwischenmenschliche Beziehungen mit den unteren linken; soziale Strukturen und Institutionen mit den unteren rechten; und materielle Transaktionen mit der Natur mit den rechten Quadranten.

In einem Punkt unterscheiden sich die Theorien. Es geht hier um eine der wichtigsten und spannendsten Frage der Philosophie, nämlich

„gibt es die Welt da draußen (unabhängig von ihrem Beobachter, dem Mensch)?“ Und: Wenn ja, haben wir irgendeinen verlässlichen Zugang zu ihr?

Roy Bhaskars Ausgangsfrage des Critical Realism war, wie die Wirklichkeit beschaffen sein müsste, damit Wissenschaft überhaupt funktionieren kann. Er kommt dabei zu der Schlussfolgerung, dass es eine Welt „da draußen“ geben müsse und unterscheidet eine transitive (gesellschaftlich produzierte wissenschaftliche Theorien) und eine intransitive Dimension (theorieunabhängige Welt). Er spricht immer wieder von dem „erkenntnistheoretischen Fehlschluss“ der Postmoderne, die alles Sein auf das reduziere, was erkannt werden könne. Er kritisiert die Ontologie des empirischen Realismus, ansetzend bei David Hume – in der das Reale auf das Tatsächliche und Empirische reduziert wird. Manche sind daher der Ansicht, die Integrale Theorie könnte von der Ontologie Roy Bhaskars profitieren. [Ich auch, da ich seine Unterscheidungen als hilfreich empfinde.]

Wilber selbst sieht das jedoch nicht so. Für ihn ist Epistomologie (Erkenntnis) und Ontologie (Sein) untrennbar miteinander verbunden, komplementär zueinander. Das heißt, es gibt keine Welt unabhängig von dem/der/das an dieser teilnimmt und sie damit in irgendeiner Weise erfasst/wahrnimmt/beobachtet. Dazu zähle auch das Atom, der Baum, der Frosch, etc., dessen 1. Person Perspektive wir uns nur annähern können, sie aber niemals selbst einnehmen können.

Ken Wilber hat dagegen mit seinem integralen methodologischen Pluralismus acht verschiedene Zonen bzw. Perspektiven beschrieben, durch die diese Welt wahrgenommen und interpretiert werden kann. Ob es etwas „gibt“ bzw. etwas „existiert“ scheint hier völlig von der eingenommenen Perspektive abhängig zu sein, denn durch das Einnehmen einer bestimmten Perspektive wird jeweils etwas bestimmtes bzw. unterschiedliches hervorgebracht. Damit scheint er in eine stark konstruktivistische Ansicht zu vertreten. Außerdem scheint das (menschliche) Bewusstsein ein notwendiger Teil dieser Welt zu sein, weswegen sie von den Vertretern des Critical Realism als „anthropozentrisch“ angesehen wird. Dabei handelt es sich jedoch um ein Missverständnis, da Wilber als Vertreter des sog. Pan-interiorismus das Bewusstsein keinesfalls nur dem Menschen zuschreibt, sondern auch Atomen ein „Innen“ zuschreibt.

Wilber schreibt dazu:

„Bewusstsein kann nicht aus dem Sein herausgelöst werden, um eine bewusstseinsfreie „Ontologie“ zurückzulassen, die darauf wartet, von einem anderen empfindungsfähigen Wesen erkannt zu werden. Das Bewusstsein geht vielmehr den ganzen Weg hinunter und ist Teil des intrinsischen Bewusstseins und der intrinsischen Kreativität jedes ontologischen Wesens oder Holons.“

Wilber lehnt damit eine „körperlose, schwebende, „Ansicht-von-überall“-Ontologie“ ab. Sein gebe es immer nur in Verbindung und Austausch mit anderem Sein, alles sei eine gemeinsame Schöpfung, Co-Creation. Durch die kulturelle Entwicklung des Menschen habe sich auch die Ontologie gewandelt. Was auf Orange ein „Atom“ gewesen sei, sei auf Türkis „11-dimensionale Strings“. Die Ebenen des Seins-Bewusstseins (Rot, Bernstein, Orange, Grün etc.) seien keine verschiedenen Interpretationen einer, einzigen, vorgegebenen Realität, sondern tatsächlich verschiedene Welten, die durch gemeinsam geschaffene kosmische Gewohnheiten zustande kommen. Er ist außerdem der Ansicht, dass das Wissenschaftsbild, das den Hintergrund der Critical Realism abgibt, nicht mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft, insbesondere der Quantenmechanik, Schritt gehalten habe.

Eine Gemeinsamkeit scheint, dass die Wirklichkeit als Hybrid angesehen wird, weder sei die Realität objektiv und unabhängig (Positivismus der Moderne) noch rein konstruiert (sozialer Konstruktivismus der Postmoderne). Es wird auch von einem „gemäßigten Konstruktivismus“ gesprochen oder dem  Versuch, den „Anti-Realismus“ der Postmoderne zu überkommen. Beide Philosophien teilen außerdem die Ontologie von nondualer Leere als dem Grund alles Seins und unterscheiden verschiedene Schichten bzw. Ebenen innerhalb des Seins.

Während die Integrale Theorie eine ausführliche Psychologie und eine integrale Praxis zur individuellen Transformation entwickelt hat, ihr Schwerpunkt also auf dem linken oberen Quadranten liegt, legt die Critical Realism/MetaReality viel Wert auf soziale Emanzipation, also die unteren Quadranten.

Literatur:

Bildquellen:

https://alchetron.com/cdn/roy-bhaskar-18546c94-ed3c-41bb-adb3-7f8f6a5934a-resize-750.jpeg

https://journals.sagepub.com/cms/10.1177/1468794119881985/asset/images/large/10.1177_1468794119881985-fig1.jpeg

Ein Kommentar zu „Zwei Metatheorien im Dialog“

  1. […] Alderman, einer der wenige Autoren, die die „Integrale Theorie“ und „Critical Realism/MetaReality“ miteinander verbinden, spricht in einem Artikel von einem „algorithmischen Sog“. Algorithmische Kräfte beeinflussen […]

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