Die Metamoderne: Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft

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Von einer Bekannten bekam ich den Hinweis zu diesem Buch, dem ersten Buch in deutscher Sprache, das sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem kulturellen Phänomen der Metamoderne auseinandersetzt.

Es wurde herausgegeben von dem Professor für Kulturwissenschaften Maik Hosang und dem Hirnforscher Gerald Hüther und enthält neben einer Einleitung zwölf Fachartikel von Autoren verschiedenster Fachrichtungen wie der Neurobiologie, Kulturphilosophie, Psychologie, Kreativitätsforschung, Unternehmensführung und Poesie.

Da es zahlreiche Überschneidungen zwischen den Theoretikern der Metamoderne und der integralen Theorie gibt, ist die Auseinandersetzung mit dem dahinterstehenden Phänomen für all jene interessant, die sich nicht nur für eine andere Form des Christseins, sondern für neue Formen des menschlichen Denkens, Fühlens, Wirtschaftens und Zusammenlebens interessieren.

Das Buch ist eher etwas für Intellektuelle und Gebildete mit einem breiten Interesse für übergeordnete Zusammenhänge, und weniger für Menschen, die noch Neulinge auf dem Gebiet sind, lediglich „Gott 9.0“ kennen oder noch ganz mit der De/neukonstruktion ihres Gottesbildes beschäftigt sind.

Der Begriff „Metamoderne“ ist verhältnismäßig jung und wird recht unterschiedlich gefüllt. Berühmte Theoretiker sind aus Norwegen und den Niederlanden Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker („Metamodernism: Historicity, Affect, and Depth after Postmodernism“), aus Schweden Daniel Görtz/Hanzi Freinacht („Gesellschaft des Zuhörens/Listening Society“), in den USA Jason Ananda Josephson Storm und – in der Verbindung mit dem Christentum – Brendan Graham Dempsey.

MEs handelt sich dabei um eine kulturelle Bewegung und einen Denkansatz, der zwischen den Extremen von Vormoderne, Moderne und Postmoderne vermittelt, deren Elemente verbindet und sich am besten unter dem Slogan „Die Kunst des Oszillierens“ zusammenfassen lässt. Damit ist eine Pendelbewegung zwischen vermeintlichen Gegensätzen gemeint wie die zwischen Moderne-Postmoderne, Relativismus-Wahrheit, Immanenz-Transzendenz und Ego-Höheres Selbst.

Die Vorsilbe „meta“ aus dem Griechischen (μετά) verfügt über eine spannende Mehrfachbedeutung („inmitten, zwischen, unter, mit, hinter(her), nach“). Vermeulen und van den Akker beziehen sich aber vor allem auf die Metaxie (gr. μεταξύ, in der Mitte, dazwischen) im Sinne eines Sowohl-Als-Auch-Denkens. Jonathan Rowson beschreibt das „meta“ als einen Dreifachagenten für

das kulturelle Dazwischen, das politische Danach oder die mystische Transzendenz (S. 101).

Der Bezug zur Transzendenz, spirituelle Praktiken und Metaphysik gehören untrennbar zu der Bewegung dazu.

Als neue Qualitäten nennen Maik Hosang u.a. „ironische Ernsthaftigkeit, pragmatischer Idealismus, informierte Naivität, magischer Realismus“.

Einige der Autor*innen des Bandes, so zB. Jonathan Rowson, nehmen explizit Bezug auf die integrale Theorie oder bedienen sich, wie Ralph Buchner, einzelner Elemente daraus. Noch häufiger wird auf den Kulturphilosophen Jean Gebser (Stichwort „Ich-Freiheit“) Bezug genommen.

Ich kann das Buch jedem wärmstens empfehlen, der Interesse hat, tiefer in die Materie einzusteigen und ein Gefühl für diese neue, gegenwärtig anbrechende Zeitqualität bekommen möchte. Das ermöglichen die Autoren durch eine Art harmonischen Klang, der sich in Form von sich wiederholenden Themen, Motiven, Bezügen und Begrifflichkeiten durch (nahezu) alle Beiträge zieht. Als besonders wertvoll empfinde ich vor allem die zahlreichen weiterführenden Literaturangaben am Ende eines jeden Artikels und die liebevolle Aufmachung des eher kleinen, handlichen Bändchens.

Kritisch möchte ich anmerken, dass der Artikel von Marlene Gürgen zum Thema „Klimagerechtigkeit“, ursprünglich auch in der TAZ erschienen, m.E. trotz oberflächlich ausgewogener Argumentation stark in einer „links-grünen Blase“ verhaftet bleibt. Gerade im Bereich Politik, wo integrales Einfühlen, holistisches Denken und Hin-und Her-Pendeln zwischen Extremen dringend notwendige Qualitäten beisteuern könnte, bleibt damit eine noch zu füllende Leerstelle.

Besonders stark fand ich dagegen die Ausführungen von Udo Boessmann über das Bewusstsein, der aufzeigt, dass dieses gerade aus wissenschaftlicher Sicht etwas gänzlich anderes ist, als es unser Alltags-Verstand oder unsere Intuition annimmt. Damit nimmt er uns mit auf einen Ausflug in die aktuellen Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung und bringt diese mit Platons Höhlengleichnis in Verbindung. Einige genannten Stichworte dabei sind „Nichtlokalität“, Bewusstsein als „interpersonales Phänomen“, „kollektive Bewusstseinsinformation“ und „Wirklichkeits- und Benutzerillusion“. Auch seine positive Sichtweise auf das Potential von Religionen und Spiritualität fand ich Mut machend.

Hier bekommt ihr das Buch (und eine Leseprobe) direkt beim Verlag:

https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/psychologie/die-metamoderne

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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