Tilmann Haberers Buch „Kirche am Ende. 16 Anfänge für das Christsein von morgen.“
Aus meiner Sicht ist Tilmann Haberer mit diesem Werk ein fantastischer Wurf gelungen. Ich habe es mit tiefer Freude und großem Interesse verschlungen. Bei vielem, was er anspricht, fiel mir ein Stein vom Herzen: „Endlich schreibt das jemand!” Er fasst vieles, was mir an der Kirche in den letzten Jahren Unwohlsein bereitet hat, präzise, klar und treffend in Worte, untermauert durch Fakten und Beispiele. Das Buch ist ein Streifzug durch zahlreiche Problemfelder der heutigen verfassten Kirchen und alternativer Konzepte, die hier und da erdacht, ausprobiert oder bereits gelebt werden.
Beispielsweise geht es um die Kirchensteuer, die Rolle der Pfarrer/-innen und Theologen/-innen, das Parochieprinzip, die Versorgungskirche, die Immobilien, die Dekonstruktion des Glaubens, die Integration der Armen und der Vielfalt, Machtmissbrauch, Konfessionsgrenzen usw.
Ich möchte hier nur wenige Beispiele herauspicken, die mich persönlich besonders berührt haben.
„[…D]er konkrete Arbeitsalltag von Pfarrerinnen und Pfarrern hat oft recht wenig zu tun mit dem, wofür sie ausgebildet sind.“ (34)
Stimmt. Ich habe mein Studium geliebt und einen sehr guten Abschluss gemacht. Auf dem Dorf in der Gemeinde fühlte ich mich plötzlich einfach nur noch unwohl. Plötzlich sollte ich „Repräsentantin“ sein. Es war wichtig, wie ich angezogen war, wie ich grüßte, wie ich Smalltalk beherrschte, wie ich auf Leute zuging (oder auch nicht), wie mein Privatleben lief (mit einer Scheidung und neuer Beziehung mitten während des Vikariats hatte ich definitiv einen schlechten Start hingelegt). Es war wichtig, ob ich Gitarre spielen konnte (leider nicht), ob ich gerne Schweinebraten aß (leider nicht), ob ich Autorität ausstrahlte (leider nicht), ob ich Auto fahren konnte (nein), ob ich die Arbeit einer Kindergartenleitung beurteilen und begleiten konnte (ehrlicherweise nicht), ob ich mich mit Finanzen und Bauwesen auskannte (natürlich nicht!), ob ich Konflikte zwischen Personen und ganzen Dörfern lösen konnte (nein!), usw. Ich war definitiv schlecht vorbereitet und hatte keinerlei Ahnung, was auf mich zukommen würde.
„Mit der Alltagsrealität sehr vieler Menschen hat das Leben der Pfarrer und Pfarrerinnen wenig bis gar nichts zu tun.“ (36)
Stimmt. Nach meiner Kündigung vom Pfarramt habe auch ich schmerzhaft erfahren dürfen, wie es ist, plötzlich nur noch einen Bruchteil des Geldes zur Verfügung zu haben, nach Arbeit suchen zu müssen und nicht mehr zu wissen, ob ich überhaupt einmal irgendeine Rente bekomme. Auch meine politische Haltung hat sich verändert. Ich verstehe heute wesentlich mehr Positionen als früher und sehe, dass ich als Berufsanfänger wohl ein ziemlich weltfremder, idealistischer Mensch war.
„Wie kann einer, der beispielsweise uns kleine Vikare nach seinem Ermessen auf irgendeine Pfarrstelle schicken kann, der Kolleginnen und Kollegen beurteilt und damit über Lebenswege entscheidet, allen Ernstes bestreiten, dass er Macht besitzt und ausübt?”
Auch ich musste erleben, dass viele Vorgesetzte – ob Pfarrer oder Dekane – große Unbewusstheit im Umgang mit ihrer Macht an den Tag legten. Zu den schlimmsten Erlebnissen meines Lebens gehörte meine Lehrprobe, nach der mich ein dreiköpfiges männliches Team eine halbe Stunde niedermachten. Bis heute fühlt es sich für mich so an, als sei ich damals vergewaltigt worden. Wer das jetzt für übertrieben hält, sollte sich dringend einmal mit patriarchaler Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen.
Beim Abschnitt zum Thema Schulderklärungen und Buße der Kirche hätte ich noch ergänzt, dass ich – wie viele andere auch – immer noch auf eine Schulderklärung bezüglich des Verhaltens der Kirchen während der Corona-Zeit hoffe. Auch meine Familie wurde damals vom Gottesdienstbesuch ausgegrenzt, weil wir uns nicht impfen lassen wollten – aus meiner Sicht ein absolutes No-Go.
Zurück zum Buch: Ich lege es jedem, der sich mit integraler Theologie oder kritisch mit Kirche bzw. Christentum beschäftigt, wärmstens ans Herz. Denn natürlich enthält es neben den Negativbeispielen, die ich angeführt habe, zahllose Anregungen und Inspirationen für Neuanfänge und Alternativen. Danke, Tilmann!

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