Gastartikel von Eduard Fassel
Betrachtet man die unzähligen Votivtafeln an den einschlägigen Wallfahrtsorten, dann sind die meisten Notlagen, die die Darstellungen zeigen, Krankheiten und Verletzungen. Für Menschen von heute ist es schon verwunderlich, wie oft „Maria geholfen hat“.
Meine erste Reaktion darauf: Unsinn, die wären doch sowieso gesund geworden. Die Spannungen zwischen Tradition und Moderne brechen vor allem an solchen Punkten auf. Und wer noch an die Jungfräulichkeit Mariens glauben kann, der wird sich auch mit Wunderheilungen nicht schwertun…
Oder kann es doch sein, dass ein starker Glaube etwas bewirken kann, wofür unsere Schulmedizin keine Erklärung hat? Und wenn ja, wurde die Heilung dann durch eine göttliche Kraft bewirkt oder war es der jeweilige Mensch, für den die Gottesmutter nur ein Hilfsmittel war, um sich selbst zu heilen?
Heute denke ich, wir sollten gerade bei solchen Themen zurückhaltend damit sein, alles von früher aus der Sicht unseres vorherrschenden Zeitgeistes zu bewerten. Durch die Brille eines wissenschaftlichen Materialismus könnten voreilige Schlüsse gezogen werden, bedingt durch eine zu grobgeartete Sichtweise.
Mira Alfassa, die spirituelle Gefährtin des Mystikers Sri Aurobindo, weist den modernen intellektbetonten Menschen in die Schranken und bricht zugleich eine Lanze für die Möglichkeiten des Glaubens:
„Es besteht kein Zweifel, dass der Glaube eines der machtvollsten Mittel ist, um auf den Körper einzuwirken. Menschen mit einem einfachen Herzen, keinem sehr komplizierten Denken – einfache Leute, nicht wahr –, die mental nicht sehr entwickelt sind, aber einen tiefen Glauben besitzen, haben eine sehr große Macht der Einwirkung auf ihren Körper. Ich will damit nicht sagen, dass ein hochkultivierter Mann keinen Glauben haben kann, aber es ist schwieriger, weil da immer dieses mentale Element mitspielt, das widerspricht, das diskutiert, das zu verstehen versucht, schwierig zu überzeugen ist und Beweise will. Sein Glaube ist weniger rein.“ (Gespräche, 19. Juni 1957)
An anderer Stelle erwähnt sie zwar auch das Vertrauen in eine göttliche Kraft, aber hier bringt sie den Glauben interessanterweise mit Selbstheilung in Verbindung. Wie dem auch sei, um all das akzeptieren zu können, benötige ich in eine Darstellung der Funktionsweise solcher Phänomene.

Das menschliche Energiesystem
Den einzig mir bekannten Erklärungsansatz für Krankheit und Heilung bietet das indische Modell der fünf Körperhüllen (koshas), das ich hier zugrunde legen will.
Von diesen fünf sind nur die ersten drei physischer Natur und damit für die Gesundheit relevant: der Nahrungskörper, der Mentalkörper und der Energiekörper. Diese werden bewusst als „Körper“ bezeichnet, weil es ausdrücken soll, dass wenn der Nahrungskörper Hunger hat, es nicht nur den Magen betrifft, sondern jede Zelle nach Nahrung verlangt. Auch besagt es, dass wir innerhalb der mentalen Körperhülle nicht nur mit einer bestimmten Region denken oder fühlen, sondern ganzheitlich, und der gesamte Organismus reagiert auf das Gedachte und Gefühlte.
Ich weiß nicht, wie die westliche Psychologie es betrachtet, aber in der östlichen wird der Ausdruck von Gedanken, Gefühlen oder Willensreizen in Form von physischen Wellen beschrieben. Was eigentlich verwundern mag, ist, dass die noch subtilere Ebene, die Körper, Verstand und Emotionen mit Energie versorgt, ebenso als physisch gilt. Dieser Energiekörper ist wie eine Elektroinstallation aufgebaut, bestehend aus insgesamt 72.000 Bahnen oder Leitungen, die sich über 112 Knotenpunkte (die viel beschworenen „Chakren“) im ganzen Körper verteilen.
Ein wichtiger Grundsatz für die Herangehensweise an eine Krankheit lautet, dass die subtile Ebene immer einen stärkeren Einfluss auf die gröbere ausübt als umgekehrt. (Der indische Mystiker Jaggi Vasudev sagt sogar, dass sich im Zuge unserer körperlichen Entwicklung zuerst der Energiekörper entwickelt und wächst, bevor der Nahrungskörper in dessen Vorgabe nachzieht.) Das Energiesystem spielt demnach bei einer Heilung die Hauptrolle.
Da es sich um eine schwer messbare, subtilst-physische Ebene handelt, weiß unsere Wissenschaft noch nichts davon, weshalb ein kleiner „Nachweis“ angebracht erscheint: Dessen Hauptkomponente machen die beiden Energiebahnen rechts und links der Wirbelsäule aus, deren Aktivität ständig wechselt (etwa im 40-Minuten-Takt). Sie sind direkt mit unserem Atem verbunden, was es für jede*n nachvollziehbar macht: Während des Tages ist immer mal ein Nasenloch freier ist als das andere, je nachdem, welche der beiden Energiekanäle gerade aktiver ist. Dies ändert sich in der Zeit von Sonnenauf- und Sonnenuntergang, denn dann wechselt deren Aktivität so schnell hin und her, dass beide Nasenlöcher frei sind…
Entscheidend ist also das Energiesystem. Befindet es sich auf einem hohen Niveau und ist ausgeglichen, so wird gefolgert, dass ein Mensch weder psychische noch größere körperliche Probleme hat. Von dieser Betrachtungsweise ausgehend stellt sich die Frage, wie gewöhnliche Menschen von damals ihr Energiesystem beeinflussen konnten, um eine Heilung zu bewirken?
Eine Antwort darauf wurde eingangs schon gegeben. Ich will gar nicht bestreiten, dass ein solcher Glaube, ein sich-Öffnen, Hingabe an eine höhere Macht, auch äußere Kraftquellen zu erschließen vermögen. Aber da einem Menschen nunmal nichts näher liegt als der eigene Energiekörper, möchte ich weiter danach fragen, wie sich denn genau diese „Macht der Einwirkung auf den Körper“ vollziehen kann?
Die gedankliche Initiative
Im Zusammenhang mit Selbstheilung wird oft von „Gedankenkraft“ gesprochen. Das ist innerhalb des erwähnten Modells nicht ganz korrekt, aber es deutet darauf hin, dass man durch Gedanken oder Vorstellungen den Energiekörper aktivieren kann, der dann nach und nach die gewünschte Besserung im Nahrungskörper bewirkt. Eine Möglichkeit, um dies anzustoßen, können Hausmittel sein. Wenn man jemandem mit einer Mittelohrentzündung eine halbe Zwiebel ans Ohr gelegt hat, dann ist das aus rein medizinischer Sicht eher wirkungslos. Aber jeder weiß, dass eine Zwiebel ausdünstet, und so fällt es leicht, eine Vorstellung in die gewünschte Richtung zu erzeugen. Das allein reicht jedoch nicht. Damit eine Vorstellung wirklich auf den Energiekörper durchschlagen kann, ist es wichtig, dass es keine entgegenstehenden Gedanken gibt. Das Zurückhalten negativer Gedanken ist definitiv eine Rolle, die ein tiefer Glaube bei einer Heilung spielt.
Die Zeiten haben sich sehr verändert und jetzt haben wir wissenschaftliche Erklärungen und Apotheken. Natürlich braucht niemand Hausmittel anzuwenden oder im religiösen Sinne gläubig zu sein, um diesen Prozess in Gang zu bringen, aber ich wollte aufzeigen, dass diese Aspekte damals für die Heilung durchaus Relevanz hatten. Wir leben in einem technischen Zeitalter und es ist wichtig zu versuchen, auch innere Prozesse soweit möglich auf diese Weise darzustellen und entsprechend anzuwenden.
In seinen „Heilmeditationen“ geht Yogananda konkreter auf den Einsatz konzentrierter Gedankenformen ein und differenziert diese Herangehensweise je nach Menschentyp. Demnach ist für einen emotionalen Menschen die Autosuggestion am wirksamsten. Ein intellektueller Mensch braucht vor allem das Wissen um diese Zusammenhänge und die daraus erwachsende Überzeugung, dass es möglich ist. Bei Willensmenschen wiederum sind Gedanken wichtig, die ihre Willenskraft anregen, wie in die Zukunft gerichtete Vorsätze („ich werde dies oder das wieder tun können“). Yogananda betont dabei die Wichtigkeit einer unablässigen Wiederholung des jeweiligen Ansatzes, auch um Skepsis und Zweifel entgegenzuwirken:
„Man muss die Heilmeditationen oft und mit fester Überzeugung wiederholen, damit die Willens-, Verstandes- und Vorstellungskraft groß genug wird, die untätige Lebenskraft anzuregen und wieder in normale Bahnen zu leiten. Die Bedeutung wiederholter, stets anwachsender Bemühungen darf nie unterschätzt werden.“ (Wissenschaftliche Heilmeditationen)
Zum Schluss mein ganz persönliches Fazit zu den Wunderheilungen: Natürlich wird es unter den Geheilten auch Menschen gegeben haben, die ohnehin gesund geworden wären und sich den traditionellen Dank an die Mutter Gottes nicht nehmen lassen wollten. Von diesen Fällen abgesehen ist mir wichtig zu sagen, dass ich in keiner Weise die Möglichkeit einer „göttlichen Intervention“ anzweifle. Aus eigener Erfahrung in schwieriger Lage kann ich bestätigen, dass als Antwort auf eine stete, sich selbst zurücknehmende Hinwendung ein klar von außen kommender Einfluss geschehen kann. Gerade an den Orten der Marienerscheinungen wie Lourdes (aktueller oder „aktiver“: Medjugorje) wurden viele Heilungen dokumentiert und einige von offizieller Seite als Wunder anerkannt. Exemplarisch heißt es bei Lukas: Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte. (6,19) Es ist möglich.
Trotzdem denke ich, dass auch das eher auf eine Minderheit zutrifft. Ich nehme an, dass in den meisten Fällen der oben beschriebene Prozess letztlich zu einer Heilung geführt hat, dass also die Heilungsursache hauptsächlich innerhalb der Menschen zu verorten ist („dein Glaube hat dich gerettet“) und in selteneren Fällen eine von außen kommende Kraft war. Pragmatisch gesagt, war es wohl für die meisten Menschen nicht Maria, sondern das „Hilfsmittel Maria“, das geholfen hat.
Wie stehst du zu Wundern? Suchst du nach Erklärungen oder glaubst einfach daran, dass sie möglich sind? Hast du gar selbst einmal ein (Heilungs-)Wunder erlebt?
Quellen: Mira Alfassa (in: Die Heilkraft des Yoga), verschiedene Artikel und Videos von Jaggi Vasudev (Sadhguru) zum Thema, Yogananda (in: Wissenschaftliche Heilmeditationen)
Eine Zusammenschau der Buch-Quellen findet sich hier: https://www.kleine-spirituelle-seite.de/files/template/pdf/krankheit_und_heilung.pdf
Foto von Ron Lach, Pexels

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