Der Titel des Buches hat mich angesprochen, weil mich, ehrlich gesagt, mittlerweile alle Rettungsversuche der althergebrachten Institution Kirche einfach nur noch nerven und weil ich, wie der Autor, auf der Suche nach einer neuen Version des Christseins bin.
Für mich ging es beim Christentum noch nie um die Kirche, auch wenn ich eine Zeitlang als Pfarrerin in der Gefahr stand, diese – und auch mich – stark damit zu identifizieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es fällt, sich aus dieser Bindung wieder zu lösen, und zu verstehen, dass es sich bei dieser Auftrennung nicht um einen Verlust handeln muss.
Auch dem Autor, der konstatiert: „Diese Kirche ist kaputt. Sie ist tot. Ich stehe an ihrem Grab“, ist der Abschiedsschmerz und die Trauer, die er dabei empfindet, anzumerken. Er meint damit vor allem seine, die katholische Kirche, in der er Priester ist.
Das Büchlein ist eher klein und handlich und lässt sich schnell und einfach lesen.
Je länger ich aber das Buch las, desto mehr kam eine Frage in mir auf: Warum ist der Autor überhaupt noch Mitglied in der katholischen Kirche, ja, immer noch Priester und damit auch weiterhin ihr Repräsentant und damit weiterhin auch eine Stütze all dessen, was er mittlerweile nicht mehr für richtig hält?
Auf jeder Seite stellt er die Existenzberechtigung seiner Kirche als Institution – und damit auch seine Rolle selbst – in Frage. Und macht das richtig gut und bewusst provokativ. Hierfür ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele:
- Jeder Institution seien Überraschungen suspekt, denn sie führten zu Kontrollverlust und ließen sich schlecht verwalten. Jesus Botschaft liefe dem völlig entgegen: Das Kommen des Reiches Gottes sei ein überraschender Vorgang, der sich nicht regulieren ließe. Auch deshalb sei es zum Konflikt zwischen ihm und den religiösen Institutionen seiner Zeit gekommen.
- Die ketzerische Frage, ob die „Priester eigentlich für die Eucharistie da [seien] oder […] die Eucharistie für die Priester und ihre Daseinsberechtigung?“ (55) Weil schließlich in seiner Kirche nur geweihte männliche Priester diese überhaupt durchführen dürfen – und diese mittlerweile so rar sind, dass man sie bereits aus dem Ausland importieren muss, Talent hin oder her.
Vielleicht wäre die Predigt das erste und auch leicht zu praktizierende Handlungsfeld einer tatsächlich umkehrenden Kirche, die sich nicht mehr darauf fixiert, wer etwas darf oder nicht darf [aufgrund von Ausbildung/Weihe/Geschlecht, Ergänzung d. Verf.], sondern die Frage nach echter Autorität stellt: Wer kann predigen und wer hat etwas zu sagen? (71)
(Ein Ansatz, der auch meiner, der Evangelischen Kirche gut täte. Das lässt sich aber wiederum so schlecht kontrollieren und verwalten…)
- Bündnis mit innerer Beteiligung statt Mitgliedschaft und äußere Berechenbarkeit: Statt wie bisher darauf zu setzen, dass viele als feste Mitglieder regelmäßig ihren Mitgliedsbeitrag bezahlen, obwohl sie weder regelmäßig zur Kirche gingen noch sich engagierten, könnten Menschen zu bestimmten Projekten oder mit gemeinsamem Anliegen in einer Sache zusammenkommen.
Viel Wert legt der Autor auch auf die Bescheidenheit, sich die eigene Unwissenheit einzugestehen und jegliches Überlegenheitsgehabe und Moralisieren abzulegen:
Bischöfe, die beanspruchen, den Willen Gottes zu kennen, sind Auslaufmodelle, so hoffe ich. (134)
Der Autor ist sehr darum bemüht, alle seine Gedanken – die doch von der offiziellen katholischen Kirche nur als störend empfunden werden können – biblisch zu begründen, was ihm – was für ein Wunder 😉 – auch mühelos gelingt.
Vielleicht irritiert mich einfach, dass hier jemand versucht, auf etwas aufmerksam zu machen, was mir schon lange völlig klar war – dass da verdammt viel gar nicht mehr in Jesus Sinne ist, was so in Kirchen getrieben wird. Andererseits freut es mich natürlich: Endlich, endlich nennt einmal jemand all das beim Namen!
Leider beschleicht mich das Gefühl, dass die Spitze der katholischen Kirche sich auch von diesem Buch nicht aufrütteln lassen wird, denn tatsächlich würden sie sich damit den Ast absägen, auf dem sie sitzen.
In der Terminologie von Spiral Dynamics, würde ich sagen, dass hier jemand wegweisende GRÜNE Theologie betreibt: Wertschätzung des Pluralismus, Betonung des Mitgefühls, der Mitmenschlichkeit und des Inklusionsgedankens, Umweltbewusstsein und politisches Engagement.
Dabei weist er auf etwas beschämendes hin, nämlich dass gerade diese GRÜNEN Werte oft bereits besser außerhalb als innerhalb der Kirche praktiziert werden – eine Beobachtung, die ich ebenfalls immer wieder gemacht habe: Deshalb habe ich mich schon in meiner Jugendzeit bei den linken, atheistischen Pfadfindern pudelwohl gefühlt, weil ich da viel persönlichen, idealistischen und mutigen Einsatz für eine „bessere Welt“ miterleben durfte.
Der Autor neigt folgerichtig zu einer weiten Definition von Kirche: Überall dort, wo Jesu Liebe zu den Menschen gelebt würde, sei Kirche.
Das gefällt mir und dennoch bin ich mittlerweile der begründeten Ansicht, dass eine solche Kirche sich im Endeffekt selbst abschafft, und darüber vergisst, dass sie durchaus eine Existenzberechtigung besitzt, die über das reine Üben von Nächstenliebe hinausgeht: Ich sehe deren Zukunft in einer gemeinsam gelebten Mystik. Davon lese ich bei ihm leider so gut wie gar nichts.
Dagegen bietet das Buch einen tiefen Einblick in die sich gegenwärtig in der katholischen Kirche abspielenden Bewusstseinsprozesse, auf deren längerfristige Ergebnisse wir gespannt sein dürfen.
Hier kommt ihr selbst zum Buch:
Warum wir aufhören sollten, die Kirche zu retten – Für eine neue Vision von Christsein, Burkhard Hose, Vier-Türme-Verlag 2019
Dem Vier-Türme-Verlag danke ich recht herzlich für das Rezensionsexemplar!

Kommentar verfassen