Zehn Thesen, die meiner Seelsorge und spirituellen Begleitung zugrunde liegen
1.
Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung. Sie kann von uns immer nur bruchstückhaft verstanden werden, in dem Maß, in dem wir selbst im Verstehen der Welt voranschreiten. Ich lese die Bibel 1. historisch-kritisch; 2. tiefenpsychologisch-mythologisch; 3. im Wissen um die verschiedenen Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben und 4. existenziell aus der Erfahrung transrationaler Bewusstseinszustände heraus.
Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.
Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279
2.
Integraler Seelsorge liegt ein umfassendes Verständnis zur „Seele“ zugrunde, dass durch integrale Theorie(n) und die transpersonale Psychologie inspiriert wurde. Wir stehen vermutlich vor einem Zeitalter, das den Begriff „Seele“ wieder mehr in den Vordergrund rücken wird.
Viele sprechen heute in Anlehnung an integrale Theorien davon, dass wir uns in einem Wechsel von einem Zeitalter in das nächste befinden, weil sich der Schwerpunkt der Bewusstseinsebenen kollektiv nach oben verschiebt, bei manchen in das integrale GELB, bei vielen in das postmoderne GRÜN. (Die Farbcodes entstammen dem Entwicklungs-Modell „Spiral Dynamics“).
Das ist sicherlich eine These, durch die sich vieles von dem, was momentan passiert, schlüssig erklären lässt.
Doch wir stehen, zumindest im Westen, nicht nur vor einer Verschiebung des Schwerpunktes in den Bewusstseinsebenen, sondern vor einer Verschiebung des Schwerpunktes der Selbst- und Weltwahrnehmung von grobstofflich zu feinstofflich, subtil.
„Die Verbindung mit der subtilen Welt und deren Beherrschung ist der nächste kollektive Schritt in unserer spirituellen und menschlichen Evolution.“
Nikola Anandamali Ristic, Spirit X. Spirituality for the Global & Digital Age, 65, eigene Übersetzung
Etwas ähnliches meinen vermutlich diejenigen, die von einem Aufstieg in eine 5. Dimension sprechen oder von dem Eintritt in das Wassermann-Zeitalter.
Das geschieht dadurch, dass immer mehr Menschen in ihre Innenwelt reisen, sei es durch Meditation, durch eine geführte Imagination, durch Psychedelika, ein Nahtoderlebnis oder andere spirituelle Erfahrungen.
Verschiebt sich der Schwerpunkt Richtung Seele in den feinstofflichen Bereich der Träume wandelt sich die gesamte Wahrnehmung der Wirklichkeit:
Die Grenzen zwischen Innenwelt und Außenwelt beginnen sich aufzulösen, die Welt erscheint wir ein gigantischer, kollektiver Traum, überall sind Hinweise, Spiegel des Inneren, Chancen zur Heilung. Projektionen werden als solche erkannt, Synchronizitäten nehmen zu, die Arbeit mit den Träumen geht fließend in die Arbeit mit der Welt über. Nach und nach spüren wir immer intensiver unsere Energiekörper, die weit über unseren Körper hinausreichen. Wir haben das Gefühl, schon ewig zu leben oder aus der Ewigkeit zu stammen – eben, eine „unsterbliche Seele“ zu sein.

2.
Das integrale Seelenverständnis entwickelt sich also aus transnationalen Erfahrungen. Diese führen zu einem veränderten, erweiterten Selbstverständnis. Unsere Identität weitet sich aus, wir sind nicht unser Körper, unsere Gedanken, unsere Geschichte, unsere Persönlichkeit, unsere Herkunft – wir sind Seele und machen die Erfahrung, einen Körper, Gedanken, Geschichte, Persönlichkeit, Herkunft zu haben.
„Wir sind keine menschlichen Wesen mit einer spirituellen, sondern spirituelle Wesen mit einer menschlichen Erfahrung“
Teilhard de Chardin
Unter der Überschrift „The Need for a Soul Culture (Die Notwendigkeit einer Seelenkultur)“ geht Ken Wilber in „Die Religion von Morgen“ davon aus, dass sich bei jedem Menschen der Schwerpunkt verlagern kann, von welchem Bewusstseinszustand aus er die Welt primär wahrnimmt. Derzeit dürfte das in unserer westlichen Kultur der gewöhnliche Wachzustand sein, verbunden mit einer Identifizierung mit unserem Ego – d.h. Glaubenssätzen über uns selbst.
„Wir brauchen definitiv dringend [….] eine Seelenkultur. Jetzt! (Du bist einverstanden, oder?)“
Ken Wilber, Religion of Tomorrow, 445, eigene Übersetzung
Durch die Unterscheidung der drei Körper grobstofflich, subtil und kausal und den entsprechenden Bewusstseinszuständen Wachen/Achtsamkeit, Träumen/Kontemplation, Tiefschlaf/Meditation/außerkörperliche Erfahrung wird ein Gespräch über transrationale, spirituelle Erfahrungen und passende spirituelle Techniken ermöglicht.
Auch das Wissen um die verschiedenen Bewusstseinszustände, die damit zusammenhängen, ist unerlässlich, um religiös-spirituelle Erfahrungen als umfassende Realität zu begreifen und in Sprache zu fassen.
3.
Als spirituelle Wesen, als Seelen, als Fraktale des Göttlichen sind wir mit allem verbunden und nicht getrennt. Als individueller Ausdruck des Göttlichen sind wir voneinander geschieden. Daher unterscheidet die integrale Seelsorge – wie auch die Tiefenpsychologie – zwischen dem „Selbst(Seele)“ und dem „Ego(Ich)“.
Die Begrenzungen unserer vierdimensionalen Realität (Raum und Zeit) mit der Unendlichkeit unserer Seele in Einklang zu bringen, ist eine ständige Herausforderung, ein Paradox, das wir bewusst akzeptieren und leben müssen.
Als Seele fungieren wir als Mittler zwischen der materiellen und der geistigen Welt. Eine integrale Seelsorge berücksichtigt daher die zwei gegenläufigen Bewegungen, die unser Sein ausmachen:
- Schöpfung/Körper vergeistigen (Aufstieg/Eros)
- Geist verkörpern (Abstieg/Agape)
Diese gegenläufigen Bewegungen finden übriges im Davidsstern (zwei Dreiecke, eines nach oben zeigend, eines nach unten gerichtet) ihren symbolischen Ausdruck.
4.
Durch ihr Verständnis von „Seele“ ist die integrale Seelsorge (mindestens) offen für den Gedanken der Reinkarnation.
5.
Eine integrale Seelsorge weiß zudem um unsere spirituellen Zentren/“Gehirne“: Bauch, Herz, Kopf und die daraus folgende unterschiedliche Wahrnehmung der Welt. Alle Erfahrungen sind körperlich vermittelt. Der Esoteriker G. Gurdjieff nennt uns „dreihirnige Wesen“ und lehrt, dass es wichtig sei, zunehmend die Impulse aller Zentren gleichzeitig wahrzunehmen und zu integrieren.
6.
Weiter weiß die integrale Seelsorge um die enorme Erweiterung des Selbst- und Gottesverständnisses durch das Konzept der drei Gesichter Gottes als dem Ich, dem Du und dem Es der Wirklichkeit, wie es von Ken Wilber und Paul Smith ausgearbeitet wurde.
7.
Um während der Etappen der spirituellen Entwicklung angemessen begleiten zu können, ist eine integrale Seelsorge außerdem über unsere Entwicklung in verschiedenen Bereichen (Kognition, Emotion, Spiritualität, Moral etc.) nicht nur während des Erwachsenwerdens, sondern über das gesamte Erwachsenenalter hinweg informiert: Zahlreiche Forschungen haben klar gezeigt, dass sich sowohl Kinder als auch Erwachsene durch eine Reihe von aufeinanderfolgenden Stufen entwickeln und dass auf jeder dieser Stufen eine vollkommen neue Art, die Welt zu betrachten, erscheint.
Die integrale Seelsorge profitiert von dem Wissen um die krisenhaften Transformationsprozesse zwischen den einzelnen Etappen der spirituellen Entwicklung/des Erwachens und wie diese sich im Allgemeinen vollzieht.
8.
Eine integrale Seelsorge weiß um die drei/vier Bereiche/Quadranten/Welten, in den wir Menschen uns zeitgleich bewegen und darum um den Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Welt: Ich, Du und Wir, Innenschau, Beziehung und Gesellschaft etc.
9.
Weiter verfügt die integrale Seelsorge über ein Wissen um die verschiedenen Persönlichkeitstypen- und Typologien und die daraus resultierenden unterschiedlichen Eigenschaften und Herangehensweisen auch in Glaubensfragen.
10.
Wie schon die Kirchenväter scheut sich die integrale Seelsorge nicht vor einer Auseinandersetzung mit unserem Schatten, verdrängten Aspekten unseres Seins, denen wir durch die Arbeit mit Triggern, dem inneren Team, Archetypen u.a. auf die Spur kommen, um wieder ganz/heil zu werden.
Weiterführende Literatur:
- Sandra Hauser, Integrale Christliche Theologie. Ein Überblick, Phänomen Verlag 2024.
- Sandra Hauser, Die drei Gesichter Gottes. Gebete, Übungen und Impulse für eine integrale christliche Spiritualität, 2019.
- Ken Wilber, Die Religion von morgen: Eine Vision für die Zukunft der religiösen Traditionen, Phänomen Verlag 2024.
- Ken Wilber, Der integrale Weg zur Ganzheit, Kösel Verlag 2025.

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