Bedenklicher Anti-Intellektualismus und seine versteckten Ursachen
Bei einigen Christen, die sich der Mystik und/oder Spiritualität zuwenden, erlebe ich einen starken Anti-Intellektualismus. Man möchte gerne alles, was Konzepte sind, über den Haufen werfen oder sich jedenfalls darüber erhaben fühlen. Wer Konzepte vertritt ist zu „kopflastig“ und muss dringend mehr in sein Herz oder in den „Ich bin Raum“ hinein. Begriffe und Weltanschauungen stören da scheinbar nur: „Über Gott kann man sowieso nicht angemessen sprechen“, „Lass die nur reden, ich fühle, was richtig ist“ etc.
Eine Ursache für diesen Anti-Intellktualismus sieht Ken Wilber in der sog. „Prä-trans-Verwechslung“: Prä-rational und trans-rational werden miteinander verwechselt, weil beides nicht-rational ist. Dabei wird übersehen oder nicht verstanden, dass die kognitive Entwicklung des Menschen extrem wichtig ist für seine spirituelle Entwicklung:
Als Kind (also ein Mensch in der prä-rationalen Phase) mögen wir uns unbewusst dem Göttlichen nahe oder mit ihm eins gefühlt haben. Jedenfalls nehmen wir uns für gewöhnlich zunächst nicht getrennt von unserer Umgebung wahr. Erst mit der Ich-Entwicklung beginnen wir, uns als eigenständige Person zu sehen. Dabei lernen wir allmählich, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Das alles sind notwendige Schritte auf dem Weg zu mehr Liebe, Mitgefühl und Verständnis gegenüber unseren Mitmenschen.
Eine zweite Ursache für den Anti-Intellektualismus sehe ich darin, dass einige Spirituelle noch immer unbewusst in einem starken Entweder-Oder-Denken gefangen sind und den Sprung in die Schau-Logik noch nicht geschafft haben. Deshalb wird es für diese Menschen immer nur entweder Herz oder Gehirn oder Bauch, entweder Meditieren oder Philosophieren oder Intuition geben, aber nicht die versammelte Kraft, die aus der Vereinigung dieser Bereiche erwächst.
Die Notwendigkeit von Konzepten
Ken Wilber zitiert in seinem Buch „Integrale Spiritualität“ den tibetischen Meister Traleg Kyabgon Rinpoche. Was dieser über den Buddhismus schreibt, lässt sich leicht auf das Christentum übertragen:
„Es gibt keine Trennung zwischen dem Fahrzeug, das uns an unser spirituelles Ziel bringt, und den Sichtweisen, die wir in unserem Geist vertreten.“
Aus: Mind at Ease: Self Liberation through Mahamudra Meditation, zitiert nach Wilber, S. 157
Erfahrungen sind interpretierte Erlebnisse. Wir brauchen deshalb Interpretationshilfen, um überhaupt erste Erfahrungen machen zu können. Das fängt ganz simpel damit an, dass wir, um einen Hund streicheln zu können, die Kategorie „Hund“ in unserem Kopf gespeichert haben müssen, mit dazugehöriger Information: „Hund hat Haare, über die ich mit der Hand streichen kann.“ Bevor wir diese Informationen haben, wird dasselbe Erlebnis uns unklar, rätselhaft und unsagbar bleiben.
Es gibt „keine meditative Erfahrung per se […] so etwas existiert einfach nicht. Es gibt meditative Erfahrungen plus unsere Interpretation dieser Erfahrung. Und das heißt […], dass wir unsere Interpretationen, unsere Sicht und unseren theoretischen Rahmen sehr sorgfältig wählen sollten.“
Ken Wilber, a.a.O., S. 160
Nicht anders ist es mit Gott. Wir brauchen ein Konzept „Gott“ in unserem Kopf, um überhaupt Erfahrungen mit Gott machen zu können. Natürlich erweitert sich dieses Konzept im Idealfall und unser Erfahrungsraum wird dementsprechend erweitert und vertieft, was dazu beiträgt, dass wir mit mehr und mehr Menschen ähnliche Erfahrungen teilen können: Gottes Person-Sein, Gottes Mehr-als-Person-Sein, Gottes Unergründlichkeit, Gottes Barmherzigkeit, Wir als das Göttliche, das Göttliche als die Wirklichkeit, als die drei Gesichter etc.
Gute Konzepte führen über sich selbst hinaus
Wer mit „Dogma“ automatisch etwas rückständiges, unbewegliches verbindet, darf auch sein Konzept noch einmal überdenken.
Eines, wie mir scheint, der wichtigsten Dogmen der Christenheit ist das von Chalkedon, das 451 von einem Konzil verabschiedet wurde. Es formulierte die 2-Naturen-Lehre Christi: Die göttliche und die menschliche Natur sei in Jesus „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und unzerteilt“ gewesen.
Jahrhundertelang diskutieren und überdachten Menschen dieses Rätsel. Vermutlich hat dieses Denken nicht unwesentlich zur kognitiven Entwicklung der Menschheit beigetragen. Denn da wurde versucht, etwas zu denken, was sich nicht denken ließ. Dadurch führte das Dogma direkt in den transnationalen Bereich hinein.
Auch, um erleuchtet zu werden, braucht es zunächst Konzepte.
Der spirituelle Lehrer Mooji hat das meines Erachtens wunderbar auf den Punkt gebracht, weswegen ich euch das Video hier anhänge.
Er bringt ab 1 h 14min das Beispiel, dass man manchmal mit Hilfe eines Dorns einen anderen Dorn, in den man aus Versehen mit dem Fuß getreten sei, entfernen könne: Danach könnte man beide Dornen wegtun. Ebenso könne man gute Konzepte gebrauchen, um sich von schlechten zu befreien, um dann, in einem zweiten Schritt, beide hinter sich zu lassen.
Das ist für mich der entscheidende Punkt. Wir können uns natürlich in die Tasche lügen, und sagen, ich hatte eine Erleuchtung, ich bin erleuchtet, und so weiter, aber wenn wir gleichzeitig immer noch an den Geschichten, die wir über uns selbst und andere erzählen oder glauben, festhalten, sind wir den Weg noch nicht zu Ende gegangen. Wir brauchen zunächst meist viele Geschichten, die uns aufzeigen oder zu der Erkenntnis bringen, dass alles nur Geschichten sind.
Selbst Mooji – der Menschen innerhalb von kurzer Zeit in das unmittelbare Erfahrungswissen von „ICH BIN“ einführen kann, wie ich es von kaum einem zweiten kenne – hat selbst länger gebraucht, nach dieser Erfahrung zu dem zu werden, der er heute ist. Er musste Worte finden für seine Erkenntnis und Wege, diese an andere weiterzugeben. Im besten Falle führen diese Worte über das rein-intellektuelle hinweg, aber sie lassen den Intellekt keinesfalls links liegen: Sie besiegen ihn vielmehr mit eigenen Mitteln.
Bild von Pixaline auf Pixabay

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