Das Konzept der „russischen Welt“

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Eine Notiz zum Zeitgeschehen

Es gibt Aspekte des Krieges, über den weder in etablierten noch alternativen Medien sonderlich viel berichtet wird – nämlich den christlich-religiösen Überbau.

Mir scheint jedoch, dass niemand das Zeitgeschehen verstehen kann, wenn er sich nicht mit dem Konzept der „russischen Welt“ auseinandergesetzt hat – denn dieser Begriff und die damit verbundene Ideologie dient der Rechtfertigung des Einmarsches Russland in die Ukraine. Obwohl das Konzept auch eine geopolitische Dimension hat, ist es weit aus mehr, es ist eine neue Religion und Ideologie:

„Die russische Welt schließt alle ein, für die die russische Tradition, heilige russische Zivilisation und die großartige russische Kultur der höchste Wert und Lebenssinn ist.“Russisches Weltkonzil im März 2024, Übers. aus dem Russischen d. Vf.

Bei diesem recht wagen, teils widersprüchlichen Konzept, das häufig auch mit der „heiligen Rus“ gleich gesetzt wird, wird Bezug auf die legendäre Erzählung einer Taufe der „Rus“ im Dnepr, dem Gebiet des heutigen Kiew, genommen. Mit „Rus“ sind dabei alle Weißrussen, Ukrainer, Moldauer, Russen und Kasachstaner gemeint, die durch dieses historische Ereignis ein für alle Mal als zusammengehörig definiert werden. Die russische Sprache und Kultur wird als bleibende Gemeinsamkeit gesehen – die Eigenständigkeit der jeweiligen Länder jedoch ausgeblendet.

„Sie [die Lehre] geht davon aus, dass diese „russische Welt“ ein gemeinsames politisches Zentrum (Moskau), ein gemeinsames geistiges Zentrum (Kiew als „Mutter aller Rus‚‘), eine gemeinsame Sprache (Russisch), eine gemeinsame Kirche (die russisch-orthodoxe Kirche, das Moskauer Patriarchat) und einen gemeinsamen Patriarchen (den Patriarchen von Moskau) hat, der mit einem gemeinsamen Präsidenten/Nationalen Führer (Putin) zusammenarbeitet, um diese russische Welt zu regieren, sowie eine gemeinsame, unverwechselbare Spiritualität, Moral und Kultur aufrechtzuerhalten.“A Declaration on the “Russian World” (Russkii mir) Teaching

Ebenso wird eine „gemeinsame Religion“ beschworen, womit vor allem bestimmte, überreligiöse, konservative Werte gemeint sind, wie: Die Familie, die Religion, die Nation. Der Westen dient dabei mit seiner Betonung der Individualität als negatives Gegenbild. Verschiedene Gremien befassen sich mit diesem Konzept, darunter auch das „Russische Weltkonzil“, dessen Vorsitzender das Haupt der Russischen Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, ist und die von Putin 2007 gegründete Stiftung „Russische Welt“. Hinzu kommt eine Art Sendungsbewusstsein und der Glaube von moralischer Überlegenheit, durch das sich die Vertreter von anderen Kulturen abzugrenzen versuchen.

Ein Problem bei diesem Konzept ist, dass es in jedem Staat der Welt Zugehörige zur „russischen Welt“ gibt, es also laut eigener Aussage über die Grenzen des russischen Territoriums hinausreiche – von denen die einen sich bereitwillig durch die russischen Medien beeinflussen lassen (z.B. einige Deutschrussen) und die anderen sich selbst gar nicht als zugehörig betrachten und damit wider ihren Willen vereinnahmt werden (z.B. viele Ukrainer oder Weißrussen).

Das nationale Identitätsgefühl, das das Konzept der „russischen Welt“ erhalten bemüht ist, ist m.E. wichtiger Bestandteil des BLAUEN Mem (siehe Spiral Dynamics). Dazu zählt auch das Narrativ der gemeinsamen Taufe/Christianisierung als Wurzel der Staatenbildung. Tatsächlich dient hier Religion vor allem der Legitimierung und Stabilisierung von staatlicher Macht. Aus der Perspektive des BLAUEN Mems sind selbstverständlich alle Werte jenseits der traditionellen, falsche und daher abzulehnende Werte. Hier können sich Vertreter der Orthodoxie Vertretern des konservativen oder traditionellen Islam trotz Vielehe näher fühlen als einer Kirche im GRÜNEN Mem, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkennt.

Die Argumentation Kyrills für den Krieg in der Ukraine erinnert stark an die Argumentation christlicher Bischöfe zu Zeiten der Kreuzzüge, in denen man bestimmte Gebiete, wie Konstantinopel und Jerusalem, nicht den Ungläubigen überlassen wollte.

Das Weltkonzil des Russischen Volkes erklärt den russischen Angriffskrieg, die sog. „Spezialoperation“, nämlich als „heiligen Krieg“. Es ginge um die Verteidigung des „einigen spirituellen Raumes der heiligen Rus“ gegen den Satanismus, dem der Westen zum Opfer gefallen sei und die Verhinderung einer universellen Hegemonie, die von den bösen „Globalisten“ angestrebt werde. (Im selben Dokument wird daher auch folgerichtig eine unabhängige Wirtschaft und ein eigenes Finanzsystem gefordert). Der höhere Sinn der Existenz Russlands, seine spirituelle Bestimmung, läge darin, „Weltbewahrer“ zu sein; die ganze Welt vor dem Bösen zu bewahren. Die Ukraine dürfe insgesamt nur unter dem Einfluss Russlands stehen, nicht dem des Westens. Die Wiedervereinigung des geteilten Russlands, (in Weißrussland, Ukraine und Russland, wörtlich als „Doktrin der Dreieinigkeit“ (!!) bezeichnet), sei vorrangiges Ziel der Außenpolitik.

Das Moskauer Patriarchat hat dementsprechend alle Bischöfe und Priester aufgefordert, jeden Tag im Gottesdienst öffentlich für den Sieg über die Ukraine zu beten. Geistliche, die das nicht tun, werden konsequent bestraft und/oder ihres Amtes enthoben. Reale Beispiele dafür gibt es bereits genug (siehe letzte Quellenangabe).

Schon 2022 hat eine Gruppe orthodoxer Theologen die Lehre von der „Russischen Welt“ als Häresie verurteilt. Es handle sich um eine Form von Ethnophyletismus, dh. Unterordnung der Religion unter den Nationalismus, der totalitären Charakter habe. Die Erklärung wurde mittlerweile von über tausend Theologen aus aller Welt unterzeichnet, darunter auch von zahlreichen Professoren:

„Wir verurteilen daher jede Lehre als nicht orthodox und lehnen sie ab, die einer einzelnen lokalen, nationalen oder ethnischen Identität göttliche Bestimmung oder Autorität, besondere Heiligkeit oder Reinheit zuschreibt oder eine bestimmte Kultur als etwas Besonderes oder göttlich Gebotenes charakterisiert, sei es eine griechische, rumänische, russische, ukrainische oder eine andere.“A Declaration on the “Russian World” (Russkii mir) Teaching

Eine Versammlung des gesamten Episkopat des Patriarchats von Konstantinopel  vom 1.-3. September diesen Jahres setzte sich ebenfalls ausführlich mit dem Konzept der „Russischen Welt (russkij Mir)“ auseinander und verurteilte diese scharf. Die Kirche habe sich in eine säkulare Institution umgewandelt, die staatlichen Interessen diene.

Ich liebe übrigens die russische Kultur und Sprache – immer noch. Daran können nicht einmal Putin, Kyrill oder mein aus der Ukraine stammender Mann 🙂 etwas ändern.

Quellen:

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