Brauchen wir eine neue Heilige Schrift?

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Tatsache ist: Es gibt nicht nur die eine Bibel. Es sind ohnehin unzählig verschiedene in Gebrauch, angefangen von der Sprache, Übersetzung, bis hin zu der unterschiedlichen Anzahl der enthaltenen Schriften. Und immer wieder gibt es neue Bibelausgaben, so z.B. verwendet Jordan Peterson eine Ausgabe des Neuen Testaments, bei dem alle Evangelien nicht wie üblich hintereinander stehen, sondern chronologisch nach der zeitlichen Abfolge der Ereignisse geordnet sind: „The Single Gospel: Matthew, Mark, Luke and John Consolidated into a Single Narrative“, von Neil Averitt). (https://www.onegospelbook.online)

Zu einer der umstrittensten Bibelausgaben gehört die Volxbibel in zeitgenössischem Slang. (https://www.volxbibel.de)

Ein besonderer Tipp von mir ist auch die Übersetzung des Neuen Testamentes aus der Peschitta, der aramäischen Bibel, d.h. der Muttersprache Jesu durch Georg Bubolz in zwei Bänden:

https://www.schulbuecherundmehr.de/unterricht/titel-religion/übersetzung-des-neuen-testaments-aus-aramäischen-quellen

Die heutigen Bibeltexte sind das Endprodukt eines lange währenden Prozesses der Kanonisierung: Aus der Vielzahl der urchristlichen Schriften wurde nach und nach eine Auswahl getroffen. Die Schriften der Kirchenväter und der Kanon Muratori, eine Liste von Schriften, die 1740 von dem italienischen Gelehrten Ludovici Muratori entdeckt wurde, deuten darauf hin, dass der biblische Kanon schon um 200 so gut wie feststand, nur noch einige Schriften wie die Katholischen Briefe (Sammelbezeichnung für den 1.&2. Petrusbrief, Jakobusbrief, 1.,2. & 3. Johannesbrief und Judasbrief), der Hebräerbrief und die Offenbarung des Johannes waren strittig. Erst ab dem 4. Jhd. setzen sich die 27 Schriften des Neuen Testaments durch. Der Sinn dahinter war wohl schlicht, Ordnung und Orientierung zu schaffen. Es zirkulierten viele Fälschungen und die Beurteilung der Schriften war umstritten.

Ausschlaggebende Kriterien waren die apostolische Verfasserschaft (durch die historisch-kritische Methode später häufig in Zweifel gezogen), eine weite Verbreitung innerhalb der Kirchen und ihre Qualität.

Tatsächlich scheinen manche der aussortierten Schriften (Apokryphen des Neuen Testaments) eine, wie Jörg Lauster in seiner Kulturgeschichte des Christentums schreibt, „einfache wundergläubige Volksfrömmigkeit“ (S. 69) zu vertreten. So z.B. die Kindheitsevangelien, in denen Jesus einen Altersgenossen durch ein böses Wort umbringt (Kindheitsevangelium nach Thomas, 4. Kapitel) oder Maria von einer Hebamme daraufhin untersucht wird, ob sie auch wirklich noch eine Jungfrau ist (Protoevangelium des Jakobus, 19. Kapitel).

Die Apokryphen des Alten Testaments haben ihren Ursprung in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel. Hier unterscheiden sich die Bibeln bis heute in den einzelnen Konfessionen.

Bei anderen Schriften hält die Diskussion darüber, ob sie nicht doch hätten Eingang in den Kanon finden müssen, bis heute an.

Denn 1945 wurden alte Texte gefunden, die viele für äußerste wesentlich halten, um Jesus und seine Bewegung überhaupt verstehen zu können.

1945 fanden Bauern auf der Suche nach Dünger in der Nähe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi zufällig auf Tonkrüge. Darin waren 13 Papyrus-Kodizes (zusammen geheftete Blöcke)  in koptischer Sprache, die schließlich über einige Umwege ihren Weg ins Museum in Kairo fanden. Sie sind heute als „Nag Hammadi Schriften“ oder „Bibliothek“ bekannt. Die bekannteste darunter ist sicherlich das „Thomas-Evangelium“.

Die Manuskripte stammen aus dem 4. Jhd., die Texte selbst dürften jedoch wesentlich älter sein, wobei die Datierungen im Einzelnen umstritten sind. Die Forscher gehen davon aus, dass es sich um Übersetzungen aus dem Griechischen handelt. Die Sammlung gehörte vermutlich einem nahe gelegenen Kloster. Da die Schriften hauptsächlich dem „gnostischen Christentum“ zuzurechnen sind, gibt es zwei Hypothesen: Entweder es handelt es sich um eine Sammlung, die dazu dienen sollte, die Gnostiker als „Häretiker“ zu entlarven. Oder die Sammlung wurde ausgesondert oder gar versteckt, weil sie als „häretisch“ galt. So oder so: Das Datum ihrer Herkunft fällt mit dem Moment in der Geschichte zusammen, als der Kanon des Neuen Testaments festgelegt wurde. Athanasius der Große zählte Mitte des 4. Jhdt. in seinem Osterfestbrief genau die 27 Schriften auf, die bis heute Bestandteil unserer Bibel sind. Die anderen gerieten in Vergessenheit.

Die Religionshistorikerin Elaine Pagels, Autorin von The Gnostic Gospels, setzt sich bis heute intensiv mit diesen Schriften auseinander.

Ein häufiges Motiv der Schriften ist das der Sonderoffenbarung. Das heißt, Jesus gibt einzelnen oder alle Jüngern ein Geheimwissen, dass nicht für alle zugänglich sein soll. Anlass dazu sollen die Erscheinung des Auferstandenen gewesenen sein (Mk 16,9-20; Mt 28, 16-20; Lk 24,36-53 und Apg 1,1-14). Denn laut der Apostelgeschichte redet der auferstandene Christus noch vierzig Tage nach seinem Tod und Auferstehung mit seinen Jüngern über das Reich Gottes. Schon gut, dass er ihnen also noch wichtiges zu sagen hatte.

Zu den Schriften von Nag Hammadi tauchten zusätzlich weitere Schriften auf: das Evangelium der Maria Magdalena aus dem Codex Berolinensis und das des Judas aus dem Codex Tchacos, die zu einem anderen Zeitpunkt gefunden und ebenfalls erst im 20. Jhd. veröffentlicht wurden.

Dazu kommen noch die Schriftrollen von Qumran, vom Toten Meer, die von 1947 bis 1956 in Höhlen von Beduinen entdeckt wurden und möglicherweise viel über die Strömung der Essener verraten, denen Jesus nahe gestanden haben könnte.

Im englischsprachigen Raum gibt es daher – konsequent – eine neue Bibelausgabe, die das Neue Testament mit den neu entdeckten Texten verbindet („A New New Testament: A Bible for the Twenty-first Century Combining Traditional and Newly Discovered Texts“ von Hal Taussig).

Das häufig zu hörende Argument für die jetzige Bibel – dass wir nur durch sie vom historischen Jesus und seiner Lehre wissen – scheint also nicht mehr ganz richtig, wenn auch heute noch viele Wissenschaftler gezwungen sind, ihre Hypothesen durch ein sehr genaues, aufmerksames Lesen der kanonischen Bibel aufzustellen, weil sie nach wie vor die wichtigste Quelle von Jesus darstellt. Dennoch müssten dann mindestens die qualitativ hochwertigen Neuentdeckungen nachträglich in den Kanon aufgenommen werden, um ein ganzheitliches Bild zu liefern. Eine weltanschauliche Pluralität ist auch schon im jetzigen Kanon vorhanden, auch wenn es viele nicht zu genüge wahrnehmen – würde aber durch weitere Konzepte und Deutungen von Jesus Leben und Lehre ergänzt, die lange Zeit marginalisiert wurden.

Hinter dieser offenen Frage steht aber noch eine zweite, weitergehende, nämlich, wie sich die Bibel und die Vorstellung, dass sich Gott immer noch ununterbrochen in der Welt offenbart, zueinander verhalten. Es stellt sich immer mehr Christen die Frage, wie ein abgeschlossener Bibelkanon zu der Vorstellung eines sich in seiner Schöpfung schrittweise, prozesshaft inkarnierenden Gottes passt.

Nun: Der Kanon hat zweierlei bewirkt. Durch die Festlegung auf eine bestimmte Form, Sprache, Übersetzung erst konnte und kann das „Wort Gottes“ – ich würde vorsichtiger formulieren „von der göttlichen Quelle inspirierte Texte“ überhaupt gedruckt, verbreitet und gelesen werden. Und nur wo es gelesen wurde, konnte es auch wirken. Eine Begrenzung scheint in einer Erfahrungswelt von Raum und Zeit eine Bedingung für Emergenz zu sein.

Gleichzeitig schien die Begrenzung irgendwann zu einem Hindernis für weitere Emergenz zu werden. Was machen wir, wenn wir feststellen, dass weite Teile dieser inspirierenden Schrift sich so weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt sind und das damalige und heutige Wirklichkeitsverständnis so dermaßen auseinanderklaffen, dass keine (oder kaum mehr) gegenseitige Inspiration mehr möglich ist? Was, wenn die Bibel immer mehr zu einem Ärgernis und Hindernis auf dem Weg zu Jesus und zum Göttlichen wird? Was, wenn viele Menschen das Gefühl bekommen, dass ihnen etwas wesentliches vorenthalten wird, wenn sie nach tieferen Erkenntnissen streben?

Daher fragt Dr. Robert Ernst in seinem Buch: „Genügt die Heilige Schrift? Rätsel und Missverständnisse in den Evangelien durch Neuoffenbarungen gelöst.“ Es erscheint logisch, die heute zahlreich vorliegenden Neuoffenbarungen wie die von Jakob Lorber zumindest als mögliche Verständnishilfe in Betracht zu ziehen. Allerdings gibt es auch hier gigantische qualitative Unterschiede und der Einfluss der persönlichen Prägung des Mediums/Empfängers/in ist in allen Neuoffenbarungen deutlich erkennbar.

Quellen:

Lauster, Jörg: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums, H.C. Beck Verlag München, 2014.

Ursula Ulrike Kaiser, Hans-Gebhard Bethge (Hrsg.): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe, Walter de Gruyter, 2013.

Eine interessante Sammlung von Neuoffenbarungen im Katholizismus findest du hier: https://kommherrjesus.de

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Ein Kommentar zu „Brauchen wir eine neue Heilige Schrift?“

  1. […] Frage, ob wir vielleicht sogar eine neue heilige Schrift brauchen, gehe ich hier nach: Brauchen wir eine neue Heilige […]

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