Ich esse seit meinem dreizehnten Lebensjahr nur noch wenig Fleisch – an hohen Festtagen, wenn ich zu Gast bin oder um Mangelerscheinungen vorzubeugen. Ich las damals das Buch „Die Freiheit der Tiere“ von Peter Singer, der darin detailliert beschrieb, wie das Mästen und Schlachten vor sich geht. Das reichte mir.
Die meisten Christen, die ich kennen gelernt habe, essen an Gemeindefesten Schweinebraten oder grillen Würste. Daher habe ich das Christentum nie mit meinem Vegetarismus in Verbindung gebracht!
Bis ich vor einiger Zeit begann, die Kirchenväter gründlicher zu lesen und dabei über einen Satz von Clemens von Alexandrien stolperte:
Es ist viel besser, glücklich zu sein, als dass eure Körper als Friedhöfe für Tiere dienen. Dementsprechend aß der Apostel [St.] Matthäus von Samen, Nüssen und Gemüse, ohne Fleisch.
Da empfiehlt also nicht nur ein Kirchenvater den Vegetarismus, er behauptet auch noch zudem, dass ein Jünger Jesu Vegetarier war.
Da wurde ich neugierig.
Tatsächlich empfahl auch der Kirchenvater Hieronymus den Fleischverzicht:
„Wenn du vollkommen sein willst, ist es gut, keinen Wein zu trinken und kein Fleisch zu essen. Wenn du vollkommen sein willst, ist es besser, den Geist zu bereichern als den Körper zu füllen.“
Es scheint also eher ein Teil des asketischen Lebensstils zu sein, der viele frühe Christen kennzeichnete. Auch heute noch verzichten ja viele Christen zumindest an bestimmten Tagen oder Fastenzeiten auf Fleisch.
In Eusebius Kirchengeschichte erfahren wir über den sog. Herrenbruder Jakobus, also Halbbruder Jesu und dessen Nachfolger als Haupt der Jünger in Jerusalem folgendes:
Schon vom Mutterleibe an war er heilig. Wein und geistige Getränke nahm er nicht zu sich, auch aß er kein Fleisch.
Von Johannes dem Täufer wissen wir das auch: Er ernährte sich ausschließlich von gerösteten Heuschrecken, also Insekten, und Honig.
Doch was wissen wir über Jesus selbst?
Für Edmond Bordeaux Székely ist der Fall klar. Er war ein ungarischer Gelehrter und Philosoph, der „Das geheime Evangelium der Essener“ und viele andere Schriften veröffentlicht hat. Er behauptet, er hatte er als Doktorand Zugang zu der Bibliothek des Vatikan, wo er diese Schriften entdeckte und lediglich übersetzte. Andere halten sie für eine Fälschung, da niemand außer ihm diese Original-Manuskripte zu Gesicht bekommen hat. [Und je nachdem wie man nun zu der katholischen Kirche steht, traut man ihr mehr oder weniger kriminelles Potential zu, Material absichtlich zu verheimlichen :-))]
Székely behauptete, Jesus und die Gemeinschaft der Essener, aus der er stamme, seien Vegetarier gewesen. Später zog er auf eine Farm, wo er ein alternatives Lebens- und Ernährungsmodell testete und propagierte.
Nun, wenn er (möglicherweise) ein Betrüger war, was hat das für eine Bedeutung? Ganz so einfach ist es nicht. Denn selbst wenn es sich bei seinen Schriften um Fälschungen handelt, kann der Inhalt immer noch richtig sein.
Denn, wie angedeutet, finden sich schon in der Bibel, vor allem aber in apokryphen Schriften und erst recht bei den Kirchenvätern viele Hinweise auf eine vegetarische Ernährung. Es scheint aber hauptsächlich um die Ablehnung der Schlachtung zu gehen, nicht um einen Veganismus, der jegliche Tierhaltung ablehnt.
Denn, ja, es stimmt, Jesus hat laut der Bibel Fisch gegessen. (Siehe z.B. Lukas 24,43). Aber es ist auch belegt, dass er gegen den Tempel revoltiert hat. Die meisten denken dabei zunächst an eine Protestaktion gegen die Korruption und Heuchelei der religiösen Oberhäupter. Was aber, wenn es ihm mehr ging? Wenn er den Tempelkult prinzipiell ablehnte?
Einen Hinweise finden wir im Ebjonitenevangelium, das uns nur durch Zitate daraus von dem Kirchenlehrer Epiphanias von Salamis bekannt ist. Dieses überliefert einen Ausspruch von Jesus (Vers 6): „Begehre ich denn, Fleisch an diesem Passah mit euch zu essen?“ und (Vers 5): „Ich bin gekommen, die Opfer abzuschaffen. Denn wenn ihr nicht aufhört zu opfern, wird auch der Zorn über euch nicht aufhören.“ Johannes der Täufer isst darin nicht einmal mehr Heuschrecken, nur noch „Kuchen“.
Nun kann er den Tempelkult aus zweierlei Gründen abgelehnt haben:
1) Einmal, weil er das Opfern für den prinzipiell verkehrten Weg hielt, sich mit Gott zu versöhnen. Damit stellt er sich in eine Reihe von Propheten, die das ebenfalls so sahen.
In Matthäus 9, 13 und 12,7 zitiert Jesus jeweils den Propheten Hosea, der schreibt:
„Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (6,6)
„Denn ich habe euren Vätern an dem Tage, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern“, schreibt der Prophet Jeremia. (7,22)
„Wer einen Stier schlachtet, gleicht dem, der einen Mann erschlägt; wer ein Schaf opfert, gleicht dem, der einem Hund das Genick bricht“, schreibt der Prophet Jesaja. (66,3)
Und in Psalm 51 heißt es: „Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben, und Brandopfer gefallen dir nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz (…)
Das bringt manche sogar zu der These, dass nicht Jesus‘ Ablehnung des Tempelkultes, sondern erst seine Ablehnung ein Passah-Mahl mit Lammfleisch zu feiern, zu seinem Verrat und seiner Hinrichtung geführt habe – https://theologe.de/theologe7.htm
Jesus kann den Tempelkultes aber auch schlicht deshalb abgelehnt haben, weil er Mitgefühl mit den Tieren hatte. Ab einer gewissen Stufe der spirituellen Entwicklung weitet sich bei allen spirituellen Meistern das Mitgefühl auf alle Lebewesen aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm dem Leid der Opfertiere gleichgültig war. Und zu Passah wurden in Jerusalem unzählige Berge von Tieren geschlachtet – es muss nach Blut und Tod nur so gestunken haben.
Noch einmal zurück zum Opfer: Den Beruf des Metzgers gab es zu Jesu Zeiten nicht. Wer Fleisch essen wollte, musste entweder selbst das Tier schlachten, es auf dem Markt kaufen (dann wusste er aber nicht, ob es nicht Opferfleisch für andere Götter war) oder zum Priester gehen und ein Tieropfer darbringen. Daher wurde prinzipiell weniger Fleisch gegessen als heute.
Eine weitere Spur könnte die Gruppierung der Ebioniter sein, mit denen das oben erwähnte Evangelium in Verbindung gebracht wird. „Ebjon“ ist hebräisch und bedeutet „arm, fromm“. Ob ihr Ursprung in der Jerusalemer Gemeinde liegt, ist unklar, es handelt sich jedenfalls um eine christliche Sekte. Sie werden das erste Mal von Irenäus von Lyon erwähnt, der sie als Häretiker ansieht. Von den Juden, ihrer Herkunft, wurden sie angefeindet, weil sie Tieropfer ablehnten; von den Heidenchristen, weil sie Paulus und dessen Theologie ablehnten und an ihre jüdischen Wurzeln festhielten. Eventuell verzichtete diese Gruppierung gezielt auf Fleisch, um gegen den Tempelkult zu protestieren.
Wenn, wie Eusebius berichtet, auch Jesus Bruder Jakobus darunter war, könnte dies ein Zug sein, der alle Jünger Jesu, spätestens nach Jesu Aktion der „Tempelreinigung“ vereinte, der aber schon bald wieder vergessen oder unter den Tisch gekehrt wurde. Eine These, die neuerdings in dem Film „Christspiracy“ aufgegriffen wurde, einer zeitgenössischen Verschwörungstheorie rund um das Christentum, die behauptet, das Wissen um den Zusammenhang zwischen Religiosität und Fleischkonsum sei bewusst unterdrückt worden. Der Film wird im Netz stark kritisiert, deren Grundanliegen scheint mir aber richtig und schon lange an der Zeit.
MEIN FAZIT: Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Christentum und Vegetarismus.
Mehr erfährst du u.a. hier:
https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-3495/versions/kirchengeschichte-bkv-2/divisions/40
https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/ebionitenevangelium

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