Über das Thomasevangelium habe ich bereits geschrieben. Zu weiteren Schriftstücken rund um den Jünger Thomas gehören die Thomas-Akten und das darin enthaltene Perlenlied. Diese Schrift wurde lange geschätzt, schließlich aber bei der Bildung des biblischen Kanon ausgeschlossen.
Die apokryhen syrischen Thomas-Akten stammen vermutlich vom Anfang des 3. Jahrhunderts. Sie schildern Thomas Leben nach Jesu Auferstehung. Die Apostel sind in Jerusalem versammelt und losen aus, welcher Jünger in welchen Erdteil der Welt ziehen soll (und erfüllen damit Jesu Auftrag an sie, seine Botschaft in alle Welt zu tragen). Judas Thomas zieht Indien. Als er zögert, erscheint ihm Jesus nachts im Traum, ermutigt ihn und verschafft ihm eine Aufgabe: Er soll dort als Handwerker dienen.
Eventuell erlitt Thomas das Martyrium in Mailapur (heute ein Wallfahrtsort), indem er von Lanzen durchbohrt wurde – es gibt allerdings auch davon abweichende Versionen, also nichts gesichertes.
In Indien gibt es verschiedene Kirchen, die sich auf Thomas zurückführen, die sog. Thomaschristen. Die Schriften waren außerdem im Manichäismus, einer synkretistische Lehre eines Persers Mani (3. Jhd.), populär.
Innerhalb der Thomas-Akten spielt das Thema sexuelle Enthaltsamkeit eine große Rolle und zeugt damit von einer Form des Christentums, die viel Wert auf Askese und spirituelle Praxis legte, aber auch Ehe-, Familien-, und Körperfeindliche Züge aufwies:
Thomas gerät darin auf eine Hochzeit und singt dort von der himmlischen Hochzeit. Schließlich tritt Jesus selbst zu den Brautleuten heran und warnt sie vor der Ehe und dem Kinder bekommen. Daraufhin bleiben diese keusch.
Unter den Thomas-Akten findet sich auch das sog. Perlenlied. Der Protagonist wächst behütet in einem Königreich auf und wird schließlich hinausgeschickt, mit dem Auftrag einem Drachen eine Perle zu entwenden und herzubringen. Dazu muss er sich jedoch zunächst seiner prächtigen Gewänder entledigen und in die Welt hinabsteigen. Nach einiger Zeit vergisst er dort seine Herkunft und seinen Auftrag. Durch einen Brief des Königs wieder wachgerüttelt, führt er seine Mission aus, findet wieder zurück und tritt das Erbe an.
Zur tieferen Deutung mag es erhellend sein, sich mit der symbolischen Bedeutung des Drachens und der Perle im Osten auseinanderzusetzen. So steht der Drache dort für Glück, Frieden und Göttlichkeit. Er wird häufig mit einer Kugel bzw. Perle abgebildet, über deren Bedeutung Unklarheit besteht: Mal steht sie für Weisheit, mal für Unsterblichkeit.
Das Perlenlied weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Gleichnis des verlorenen Sohnes aus Lukas 15 auf.
„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zu ihm: ›Vater, gib mir den Anteil am Erbe, der mir zusteht!‹ Da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden auf. Wenige Tage später hatte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil verkauft und zog mit dem Erlös in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und brachte sein Vermögen durch. […]“ (Lukas 15,11ff., Neue Genfer Übersetzung)
Die von Theologen üblicherweise angebotene Deutung ist die, dass Jesus in ihr das Bild eines gütigen Gottes zeichnet, der dem Sohn, der für uns alle steht, aus Liebe alle seine Schuld und seine Verirrungen vergibt. Die Schuld besteht dabei in erster Linie darin, dass er sich von seinem Vater angewandt und ihn verlassen hat, um schließlich zu erkennen, wie abhängig er von diesem in Wahrheit ist.
Das passt zur lutherischen Rechtfertigungslehre und drückt sicherlich eine bleibend gültige Wahrheit aus.
Doch wir können diese Geschichte auch im Sinne der Mystik deuten. Dann
- geht es um die spirituelle Reise jeder Menschenseele, die sich auf dieser Welt inkarniert – Involution und Evolution
- jede Seele begibt sich zunächst auf den Weg der Selbstfindung und Entfremdung von ihrem Ursprung – analog zur Vertreibung aus dem Paradies
- jede Seele durchläuft bei der Inkarnation eine Art Selbsterniedrigungsprozess – auch als „Kenosis“ (v. griechisch Leerwerden, Entäußerung) genannt im Anschluss an diese Stelle über Christus:
„Von göttlicher Gestalt war er. Aber er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein – so wie ein Dieb an seiner Beute. Sondern er legte die göttliche Gestalt ab und nahm die eines Knechtes an. Er wurde in allem den Menschen gleich. (Brief an die Philipper 2,6f., Basis Bibel Übersetzung)
- dabei kommt irgendwann der Moment, in dem die Seele sich verloren fühlt und zurück auf ihren göttlichen Ursprung besinnt
- Jede Seele hat einen individuellen Auftrag, den sie zumindest zeitweise vergisst oder verschläft
Die größte Sünde des Menschen ist es, zu vergessen, dass wir Königskinder sind.
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand
Hier könnt ihr das Perlenlied nachlesen:
http://12koerbe.de/euangeleion/perle.htm
Stefan Heining: Taufe statt Ehe. Ein Beitrag zur Erforschung der Thomasakten. Dissertation, Universität Würzburg 2020.

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