Integrale Entwicklungstage 2024

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Persönlicher Bericht

Jetzt liegt meine Reise schon wieder eine Weile zurück. Mein Ältester wurde inzwischen eingeschult, meine Jüngste feierte ihren ersten Geburtstag. Zeit für einen kurzen Rückblick.

Die Entwicklungstage 2024 fanden vom 5-9.9. im Haus Werdenfels in Undorf nahe bei Regensburg statt. Zusammen waren wir knapp über 40 Menschen. Die Struktur war in Wiesbaden zuerst enger und wurde dann gegen Ende offener – zuerst gab es Vorträge, Workshops, dann feste Zeitfenster, in denen Teilnehmer Angebote machen konnten und schließlich offenen Raum für mitgebrachte Fragen und Ideen. Durch die Tage leiteten uns in der Rolle der Moderatoren Bernhard Possert und Susanne Noffke. Umrahmt wurden die Tage durch geistliche Einheiten in der Kapelle.

Nun, ich hatte Linda dabei, mein süßes Baby, was mich leider einiges versäumen ließ. Ich bin den Veranstaltern dennoch sehr dankbar, dass sie mich ermutigt und eingeladen haben, dieses Wagnis einzugehen. Und dankbar war ich auch, wie offen und herzlich Linda willkommen geheißen und in die Gemeinschaft integriert wurde. Viele erinnerten sich durch sie an ihr eigenes Elternsein oder gar an ihre eigene Kindheit und das innere Kind. So futterte sie ihre geliebten Salzbrezeln und machte erste Malversuche in meinem Notizblock, während ich dem Vortrag von Prof. Dr. Christine Büchner lauschen durfte. Darin ging es um den kosmischen Christus und das Konzept der „deep incarnation“ (tiefen Inkarnation), dh. der Vorstellung, dass das Göttliche in allen Dingen Fleisch wird. Mit einem solchen Konzept wird ein exklusivistisches und anthropozentrisches Verständnis der Inkarnation Jesu überwunden (nicht nur Jesus ist Gottes Fleischwerdung). Am häufigsten bezog sie sich dabei auf die ökofeministische Theologin Sallie McFagues, die den Kosmos als Körper Gottes („The Body of God“) deutete. Der Inkarnationsgedanke sei außerdem von Elizabeth Johnson und dem Däne Niels Henrik Gregersen vertieft worden. Der Vortrag löste viele Fragen aus, die in der abendlichen Runde angerissen wurden (so zB. was an der Inkarnationstheologie neu sei, wie das Verhältnis Gott und Welt und auch das Böse zu denken sei, wie das Konzept unser Gottesbild verändere und wie wir mit dem „Redaktionsschluss“ unserer heiligen Texte, der Bibel, am sinnvollsten umgehen können.

Am nächsten Tag sprach Michael Habecker, der Mann, der als einer der ersten begonnen hatte, Wilber im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Er sprach über die Dialektik jeder evolutionären Entwicklung: Die von Leben – damit kam der Tod. Die vom Mehrzeller – damit kam die erste Leiche. Die von der Mobilität – damit kam die Gewalt. Die von der Gotteserfahrung – damit kam auch die Möglichkeit zur Entfremdung. Weiter ging es um die Inhalte des Bewusstseins: Empfinden – Fühlen – Denken/Vorstellen. Das erinnerte mich sehr an die Triade Bauch – Herz – Kopf und den vierten Weg von Gurdjieff. Doch im Gegensatz zu Habecker, der empfahl, sich auf eine Triade (das Fühlen) zu konzentrieren, um zu tiefen Gotteserfahrungen zu gelangen, ging es Gurdjieff darum, alle Bewusstseinsinhalte möglichst gleichzeitig zu vergegenwärtigen (also, Was empfinde ich? Was fühle ich? Was denke ich?) und den Weg des Fakir, des Mönchs und des Yogi zu einem zu bündeln.

Am meisten berührt hat mich der Workshop, den ich bei Jan von Wille besucht habe, „Gefühlte Inkarnation – Christus in mir“. Als Linda in meiner Trage eingeschlafen war, und ich die Kapelle betrat und Platz nahm, spürte ich eine unheimlich atmosphärische Dichte in der Kapelle. Mit meinem inneren Auge sah ich alle Teilnehmer funkeln wie Diamanten, unsichtbar verbunden wie die Sterne am Firmament. Es lief Musik und Jan sprach eine geführte Meditation. Gegen Ende stellte er die Frage: „Wer bin ich?“ Und ich war nicht mehr Sandra, Mutter, gescheitert, geschieden, verheiratet, gebildet, gestresst, geliebt, was auch immer. Ich war weiter Raum, Landschaft, Labyrinth, alles zugleich, ewig seiend, ohne Ende und Anfang. Anschließend sollten wir uns immer zu zweit gegenübersitzen und fragen, wer wir seien: Sag mir, wer du bist. Eine unglaublich intensive, berührende Übung. Zuerst fühlte ich mich weit und tief, eins mit meinem Gegenüber – dann verengte sich meine Perspektive wieder und es meldete sich alter Schmerz und Selbsthass, die Tränen flossen.

Mein spirituellester Moment war draußen. Ich liege auf dem Rücken im Gras, über mir die Äste einer Buche, Linda sitzt neben mir und spielt mit den Blättern und Gräsern. Das erste Mal seit langem – Muttersein kann sehr anstrengend sein – stellt sich bei mir ein Gefühl von Glückseligkeit ein. So, wie es ist, ist es vollkommen: doch leider zeitlich begrenzt, auf ein paar kostbare Minuten, warmes, trockenes Wetter, stille, friedliche Umgebung.

Was die Entwicklungstage für mich so besonders macht, ist einerseits das neue Format, das noch Veränderung, Spontanität und Verbesserungen zulässt. Anderseits die Teilnehmer/-innen, die sich gerne auf etwas Neues, vielleicht Fremdes einlassen, mindestens ein Stückchen weit. Und schön, dass einige davon wieder über den Blog da waren – das ist genau, wovon ich immer geträumt hatte, aber nie zu denken gewagt hätte: Dass wir so viel im Leben anderer bewegen können, wenn wir einfach nur selbst ein paar ungewohnte, erste Schritte wagen.

Wenn du auch auf den Entwicklungstagen warst oder eine Frage dazu hast, schreib gerne in die Kommentare!

Zur weiteren Lektüre:

https://www.feinschwarz.net/die-welt-als-koerper-gottes-zum-ersten-todestag-von-sallie-mcfague/

https://michaelhabecker.de/wp-content/uploads/2024/09/Bewusstheit.pdf

Gurdjieff und das spirituelle System des Vierten Weges

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