Der Autor nennt ihn den „Großvater der metamodernen Spiritualität“. Einige von euch werden vielleicht (wie ich) das erste Mal bei Cynthia Bourgeault über ihn gestolpert sein: Georges Iwanowitsch Gurdjieff, den Begründer des sog. „vierten Weges“ – eine Linie von Weisheitslehren (besonders aber wirksamen, spirituellen Praktiken), die von Peter Ouspensky und seinen Schülern populär gemacht wurde.
Layman Pascal gibt an, dass die Werke von Gurdjieff für ihn eine der wichtigsten Anregungen für seine eigenen Ideen zu „integrativer Religion, postmetaphysischen Mystizismus und metamoderner Spiritualität“ gewesen seien. In seinem Buch unternimmt er daher einen Streifzug durch wichtige Ideen und Motive aus dessen Werk, die er aufgreift und durch eigene Überlegungen ergänzt und weiterführt. Seine Texte klingen daher wie ein Dialog mit Gurdjieff, in das der*die Leser*in mit hineingenommen wird. Diese enge Verwobenheit der Gedanken des Autors und Gurdjieffs scheint mit Absicht zu geschehen – betonen doch integrale Denker immer wieder, dass es die scheinbare „Objektivität“ nicht geben kann, vielmehr alles zwangsläufig perspektivisch ist und es daher redlicher sei, mit der eigenen „kosmische Adresse“ nicht hinter dem Berg zu bleiben. Gleichzeitig fiel es mir beim Lesen dadurch schwer, zu unterscheiden, wo der Gedanke von Gurdjeffs endet und wo Layman Pascals Weiterführung beginnt.
Die Essays sind reich an Ideen, Gedanken, Erklärungen, Anspielungen an das aktuelle Zeitgeschehen – ich greife im Folgenden einige davon heraus, willkürlich, subjektiv, und intuitiv.
Zunächst beginnt der Autor mit einer knappen, beschreibenden Biografie, die ihn uns lebendig vor Augen malt. Gurdjieff sei ein ein armenischer Grieche gewesen, der Mitte des 19. Jhd. geboren wurde. Er habe nach und nach ein System von Praktiken zur Bewusstseinsentwicklung zusammen gestellt, das er an immer mehr Schüler*innen weitergegeben habe. Die Disziplin und Arbeit an sich selbst spielte dabei eine wichtige Rolle. Denn die meisten Menschen hätten enorme Schwierigkeiten, einen Vorsatz zu fassen, der sich über Tage, Monate oder Jahre erstrecke, und diesen umzusetzen.
Ein immer wieder wiederkehrendes Element des „vierten Weges“ sei die Verbindung der drei Intelligenzen „Herz, Geist und Körper“ durch verschiedene Psychotechniken. Gurdjieff nennt die Menschen „dreihirnige Wesen“.
Spirituelles Wachstums beschreibt er als einen Prozess, bei dem die Harmonisierung der Schlüssellinien der Intelligenzen Herz, Geist und Körper zum Entstehen eines Seins bzw. Überschusses führt, der die Art und Weise, wie man in der Welt lebe, Stück für Stück verändere, unabhängig davon, was man glaube. Statt einfach nur in unsere Intelligenzsysteme Herz, Kopf und Bauch zu spüren, seien aktive Strategien zum Ausgleich und zur Integration wichtig, dh. Dinge zu tun, bei denen wir alle zugleich anstrengen müssten. (Da scheint mit Paul Smith/Luke Healys Ganzkörpermeditation ein guter Anfang).
Eine geradezu häretische, provokative Annahme Gurdjieffs ist, dass für ihn nicht alle Menschen automatisch und gleichermaßen eine Seele besitzen müssten. Es könnten einige eine Seele, andere keine haben. Was wäre, wenn diese Seele erst im Laufe des Lebens gepflegt, gehegt und gebildet werden müsste? In einem seiner Werke verspottet Beelzebub die Menschen in Indien für ihren Glauben, dass jeder mit einer Seele geboren werde. Allein durch ihre Existenz gingen sie davon aus, dass sie „bereits Teilchen von Mr. Prana selbst“ seien. Der Autor interpretiert diesen Gedanken folgendermaßen:
„Meine Vision ist, dass wir alle mit einem Samen des Seelenpotenzials geboren werden, aber leider sind die meisten von uns keine guten Gärtner. Wir enden im Grunde seelenlos, weil wir nicht dafür sorgen, dass der Same zu einem Setzling und schließlich zu einer reifen Pflanze heranwächst.“
Die meisten Menschen empfänden innere Leere, weil sie tatsächlich (fast) nichts in sich hätten. Gesundheit, Wachstum und Tiefe würden sabotiert, wenn jemand gewohnheitsmäßig höhere Intensitäten der Erfahrung ablehne. „Zweideutigkeit, Widerspruch, Erregung, Anstrengung und Reibung“ seien für das spirituelle Leben notwendig.
Tatsächlich liest sich Gurdjieffs wie der Antwortversuch auf die Frage: „Was stimmt mit der Menschheit einfach nicht???“ (Die ich mir schon oft gestellt habe!) Dabei lässt er einen neuen Mythos voller Ironie und versteckten Hinweisen entstehen. Denn Gurdjieffs Grundfrage sei immer gewesen:
„Was ist der Sinn und die Bedeutung des Lebens auf der Erde und des menschlichen Lebens im Besonderen?“
Im Hintergrund steht die Überzeugung, dass alle Organismen im Universum in eine bestimmte materielle, energetische und informationelle Nische passen und eine Funktion bzw. Aufgabe inne haben, damit das Gleichgewicht in der Welt erhalten bleibt.
Die besondere Aufgabe bwz. Funktion des Menschen sei eigentlich auf ein kosmisches Missgeschick zurückzuführen, dass nur durch die Erzeugung einer bestimmten Energie wieder ausgebügelt werden könne. Diese Energie sei „Askokin“, von der am meisten durch „bewusste Arbeit und absichtliches Leiden“ hervorgebracht werde. Inneres Wachstum ist demnach keine „persönliche ästhetische Vorliebe oder ein Schema zur sozialen Erlösung“, sondern muss als „Dienst an den lokalen biosphärischen und heliosphärischen Systemen (Organismen) begriffen werden, in denen sich unsere Spezies adaptiv entwickelt hat.“ Allerdings habe er im Laufe der Zeit erkannt, dass dies nicht dadurch geschehe, dass man sich selbst Kämpfe zufüge, sondern indem man sein „Bewusstsein mit dem unerträglichen Kern des persönlichen Schmerzes in Berührung“ bringe, das man umständehalber erlitt.
Gurdjieff stelle, so der Autor, damit unsere „Vorstellungen von Totalität und Ordnung“ gänzlich in Frage: Jeder vermassele etwas, auch Gott. Mit dieser Art scheinbar selbstverständliche Dinge (Gott ist fehlerlos) in Frage zu stellen, gebe er uns das dialektische Material, mit dem wir beginnen könnten, über die Natur der Welt nachzudenken und unsere eigene, einzigartige Sichtweise zu finden.
Das Buch wird mit einer kurzen Liste mit weiterführender Literatur abgeschlossen.
Infos zum Buch: Layman Pascal, Gurdjieff for a Time Between Worlds, 2024, Sky Meadow Press: Vermont.
Der Autor über sein Buch: https://laymanpascal.substack.com/p/the-gurdjieff-book
Mehr zur Verbindung des „vierten Weges“ mit dem Christentum hier: Cynthia Bourgeault und Gurdjieff
Vielen Dank an Mike Morell/Speakeasy für das E-Book zur Rezension!

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