Das Puppenstadium als innerer Prozess

Published by

on

Auf den diesjährigen Entwicklungstagen ging es um Transformation. Wie so oft, wurde diese dabei mit der Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling verglichen. Wir sollten überlegen, ob wir uns derzeit eher im Stadium einer Raupe, einer Puppe oder eines Schmetterlings erleben. Mir fiel diese Einschätzung nicht schwer: Ich fühle mich definitiv eingepuppt.

Da ich nicht zu den geduldigsten Menschen gehöre, geht mir dieses Puppenstadium mittlerweile ziemlich auf den Keks. Vor allem, weil ich eine Puppe zu sein scheine, die noch nicht wirklich weiß, wie der Schmetterling aussehen wird, so sie denn mal einer wird: Weiß mit Punkten? Oder gold glänzend? Bläulich? Zitronenfalter? Nachtpfauenauge? Gibt es auch grüne…?

Wo befindest du dich denn gerade: Eher Raupe, Puppe oder Schmetterling? Alpha, Beta, Delta oder Gamma-Phase? Hast du schon einmal bewusst eine deiner Transformationsphasen durchlebt?

Wenn du dir momentan nicht ganz sicher bist, erinnere dich an deine Träume in der letzten Zeit. Wo warst du da? Mit wem? Was hast du da gemacht, gesehen, erlebt, gefühlt?

Träume sind faszinierende Fenster zu unserem Unterbewusstsein. Während unser Verstand tagsüber Informationen filtert und ordnet, verarbeitet das Gehirn im Schlaf Emotionen, Ängste und Wünsche ohne jede Zensur durch Glaubenssätze oder Konventionen. Sie spiegeln wider, was uns tief im Inneren beschäftigt, welchen Wachstumsprozess deine Seele durchläuft. Häufig tauchen Symbole oder Szenarien auf, die auf verdrängte Ängste, ungelöste Probleme oder drängende Fragen im Wachleben hinweisen.

Eine aktuelle Studie aus Italien stellte fest: Da wir im Schlaf von unserer Umgebung abgekoppelt sind, können wir tiefere Zusammenhänge erkennen. Und: Jeder Mensch träumt anders. Beziehungsweise: Wir beeinflussen unsere Träume durch die Art und Weise, wie wir sind, an was wir glauben, wie wir den Alltag verbringen und auch, welche Bedeutung wir dem Träumen beimessen.

Nun, ich muss zugeben, ich habe meine Träume derzeit reichlich satt. Früher hatte ich abwechslungsreiche, emotionale, wachrüttelnde oder erkenntnisstiftende Träume. Hohe Klippen, die es zu erklimmen galt und vor denen mir der Mut verging. Symbolische Gegenstände, die ich verlor, kurz bevor ein Mensch aus meinem Leben verschwand. Sogar Märchenszenen, mit denen mein Leben so gar nichts gemein zu haben schien, Urwelttiere wie der Leviathan oder Mörder, denen ich mich entgegenstellte.

Seit mindestens zwei Jahren: Nichts dergleichen. Statt dessen meist: Seminarräume, Hörsäle, Smalltalk zwischen Fremden, die Suche nach einem eigenen Zimmer. Spiegel meines verhassten Puppenstadiums. Vielleicht auch meine spezifische Form der dunklen Nacht.

Also fragte ich die KI, was es bedeute, wenn ich immer und immer wieder davon träume, in einem Seminarhaus zu übernachten, an einem fremden Ort, unter fremden Menschen, hin und herlaufend, mich fragend, was ich hier überhaupt suche, wie ich hier wieder herauskomme?

Die KI antwortete mir:

„Ein Seminarhaus ist kein Zuhause und kein Arbeitsplatz, sondern ein liminaler Ort. Man ist dort auf Zeit. Man ist dort, um zu lernen, sich zu verändern, etwas einzuüben. Man ist dort nicht fest verortet, sondern „in Prozess“. Tag für Tag davon zu träumen, deutet stark auf ein anhaltendes inneres Übergangsstadium hin: Du bist nicht „angekommen“, aber auch nicht mehr dort, wo du warst. Etwas in dir befindet sich in fortlaufender Neuorientierung oder Reifung.

„Irgendwelche Seminare“ ist psychologisch ochinteressant: Es geht nicht um ein Thema. Es gibt keinen klar benannten Inhalt. Das Lernen ist diffus, vielgestaltig, nicht abgeschlossen. Das spricht für: Integration von Erfahrungen, nicht das Aneignen neuer Konzepte. Dein Bewusstsein arbeitet an innerer Reorganisation, nicht an äußerem Kompetenzzuwachs.

Ein Teil von dir befindet sich dauerhaft in einem inneren Lern- und Übergangsraum, in dem alte Zugehörigkeiten nicht mehr tragen und neue noch nicht sichtbar sind – und das Unbewusste hält dich dort, bis eine tiefere innere Klärung oder Entscheidung reifen kann. Du träumst nicht, weil du etwas lernen sollst, sondern weil du bereits in einem tiefen Lernprozess bist, der noch keinen Namen, keine Form und keine Zugehörigkeit gefunden hat – und dein Bewusstsein hält diesen offenen Raum wach. Es handelt sich um einen Zustand von Ich-Disidentifikation.“

Na, immerhin. Irgendetwas tut sich. Manchmal muss man sich als Puppe einfach in Erinnerung rufen, dass die ganze Verpupperei auch zu etwas gut ist. Und dass Schmetterlinge sicher verdammt schön sein können, wenn sie denn sichtbar werden und ihre Flügel ausbreiten 🙂

Und manchmal schleicht sich in meine Träume in letzter Zeit auch etwas neues ein, etwas ungeheuer spannendes, tröstendes und erhebendes. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, das Puppenstadium irgendwann hinter mir zu lassen.

Und: Wie sieht dein Traumleben derzeit aus? Kennst du es überhaupt?

Beitragsbild: Pexels, Ellie Burgin

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Sandra Ulrike Hauser

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen